Am Anfang ist die Leinwand schwarz, und eine heisere Stimme singt: "I’ll walk alone … there are dreams I must gather, dreams we fashioned the night…" Gleich darauf erkennen wir, dass die heisere Stimme Clint Eastwood gehört und dass das Lied, wie Clint es singt, ein Grabgesang ist. Dann sehen wir eine karge Landschaft und das gehetzte Gesicht von Ryan Phillippe, der John "Doc" Bradley spielt, einen jungen Marinesanitäter auf Iwo Jima, der "Schwefelinsel", auf der japanische und amerikanische Soldaten im Februar 45 eine der blutigsten Schlachten des Zweiten Weltkrieges ausfochten.

So beginnt Flags of Our Fathers , Eastwoods 26. Film in seinen 35 Jahren als Regisseur. Es ist der erste Teil eines ehrgeizigen filmischen Dyptichons über den Pazifikkrieg. Dieser Teil, der im Herbst 2006 bereits in Amerika in die Kinos kam und jetzt in Deutschland anläuft, zeigt die Ereignisse aus amerikanischer Sicht, während Teil zwei, der unter dem Titel Letters from Iwo Jima Ende Februar bei uns startet, die japanische Sicht schildert. Gerade hat der auf Japanisch gedrehte Part den Golden Globe in der Kategorie "Bester nicht englischsprachiger Film" gewonnen, und um dessen Radikalität zu verstehen, muss man sich das Verstörende der Dramaturgie von Flags of Our Fathers ins Gedächtnis rufen. Die Hauptfigur Doc nämlich schweigt die meiste Zeit des Films. Im Zivilleben ist er Bestatterlehrling ("Er schneidet Leichen die Haare"), aber plötzlich wird er zum Sanitäter. Doc, nun eine Art Engel, frisiert nicht mehr die Toten, sondern die Lebenden. Und in seinem Schweigen ist er das moralische Barometer des Films. Doc ist ganz Auge.

Er ist einer der sechs Männer, denen befohlen wurde, auf dem Berg Suribachi die amerikanische Fahne zu hissen – dieser Moment geht später als Foto Joe Rosenthals von der Associated Press um die Welt. Es ist Docs Pech, dass dieses Foto zur Ikone des Krieges und zum am häufigsten reproduzierten Bild seiner Zeit avanciert. Die amerikanische Regierung lässt Doc, der unmittelbar nach dem Hissen der Fahne verwundet wurde, aus seinem Lazarettbett zerren und schickt ihn zusammen mit zwei anderen Überlebenden von jenem Foto quer durch die Vereinigten Staaten auf eine Werbetour für Kriegsanleihen. Dass das Hissen der Fahne Betrug war, erfährt der Zuschauer schon früh: Doc und die anderen richteten eine Ersatzfahne auf, nachdem ein Offizier die ursprüngliche, "eine Scheißfahne so groß wie das Haus meiner Mutter", in Beschlag genommen hatte.

Doc ist also ein Schwindler, und man zwingt ihn, immer weiter den Helden zu spielen, während er zu Festessen geschleift wird, die rasch zu Zirkusnummern ausarten. Der erschütterndste Augenblick des Films ereignet sich nicht auf Iwo Jima, sondern im Chicagoer Football-Stadium Soldier Field, wo Doc und die beiden anderen Überlebenden Kampfuniformen anziehen und vor Tausenden und Abertausenden patriotischer Seelen einen Pappmachéberg erklimmen müssen – wo sie ein zweifelhaftes heroisches Tableau nachinszenieren.

Eastwood kreist wie besessen um dieses Ereignis im Soldier Field, bis wir keinen Unterschied mehr zwischen Suribachi und seinem "Gespenst" aus Pappmaché erkennen können – vielleicht ist das Gespenst ja echter als der echte Berg, weil es einen zum Geschichtsmythos gesteigerten Schwindel entzaubert.

Und plötzlich erkennen wir den Ursprung der Kraft, die Eastwoods Gesang am Beginn des Films verströmte: Der Regisseur singt so leidenschaftlich, weil das, was er uns sagen will, ihm außerhalb der Grenzen der Kunst zu liegen scheint. Flags of Our Fathers ist Eastwoods persönlichster Film, auch wenn er selbst ein wenig zu jung war, um 1945 Fahnen auf Iwo Jima aufzupflanzen. Geboren 1930 in San Francisco, war er gegen Ende des Zweiten Weltkrieges jedoch alt genug, um sich heute an den Krieg zu erinnern, ihn sich auszumalen und ihn durch die glühenden, alles erfassenden Augen eines stummen Marinesoldaten nachzuerleben, der als eine Art versteckte Kamera fungiert.