Hörbuch Jesus raucht
Klaus Kinskis legendäre und skandalumwitterte Lesung als Jesus Christus von 1971 ist nun dokumentiert.
Als diese Lesung Klaus Kinskis, sein vorletzter Bühnenauftritt, endlich ungestört stattfinden konnte, da war sie fast erledigt. War die Luft raus. Spannungsabfall, total. Dabei hatte Kinski sechs wütende Anläufe nehmen müssen, die stets an Zwischenrufen, Brüllerei und Publikumschaos gescheitert waren. Am Ende dauerte das tumulthafte Vorspiel länger als die Lesung selbst. Allerdings hatte Kinskis ganzes Projekt bereits zehn Jahre Verspätung. Jesus Christus Erlöser hieß es, Jesu Leben wollte Kinski in eigenen Worten erzählen, wofür er 1960 eine Welttournee mit 100 Auftritten plante. Erst 1971 – neun Jahre nach Kinskis Bühnenabschied als Rezitator – fand sich ein durch Hippies und Jesus-People ermutigter Veranstalter. Letztendlich fand der Erlöser- Abend jedoch nur zweimal statt: Auf die hier dokumentierte Berliner Premiere am 20. November 1971 folgte ein reibungsloser Auftritt Kinskis in Düsseldorf. Der Mitschnitt der Premiere ist nun veröffentlicht, auch dies erst im zweiten Anlauf, die erste Ausgabe im Jahr 2000 wurde eingestampft, aus Rechtsgründen.
Eher ruhig, fast innig beginnt sein allerneuestes Testament als Steckbrief: »Gesucht wird: Jesus Christus. Angeklagt wegen Verführung, anarchistischer Tendenzen, Verschwörung gegen die Staatsgewalt…« Dann spricht ER selbst: »Ich bin der Ungehorsame, der Ruhelose. Ich bin der Obdachlose, ich bin der Aufwiegler, der Aufschrei, der Hippie…« Es folgen weitere Aktualisierungen, bis zum Kreuz, nur: So richtig aufregend klang das nicht mehr. Nicht dass Kinski schlecht gelesen hätte. Gewohnt intensiv, stieß er wie aus dem Kellerloch seine grimme Rede in die Welt, die sich in erstaunlich zärtlicher Liebesbotschaft auflöst, um suchend, fragend, mit der Wiederholung des Steckbriefs zu enden, »Gesucht wird…« Doch alle Kunst half nichts, denn das Evangelium als menschelnde Lesung – das konnte nicht funktionieren.
Doch da ist der unendliche Anfang mit den Störungen, Neuanläufen, keine Lesung, sondern eine Provokation, ein Kampf, eine Schlacht. Kinskis Vorbild war der wütende Jesus, der die Händler aus dem Tempel peitscht, und so schleudert er seine Wut ins Publikum, hörbar auf Widerstand lauernd, der erwartbar war, denn gewiss: Christus, Gottes Sohn, der Erlöser, ist gegenwärtig im Geringsten seiner Brüder, im Außenseiter, Fixer, in der Prostituierten. Doch Kinskis unglaubliche Anmaßung lag darin, sich mit beidem zu identifizieren, für beides zu sprechen, für das Höchste und Niedrigste zugleich. Wen meint er, als er »Ihr Heuchler!« ins Publikum brüllt? Die Störer mit ihren dummen Sprüchen oder die johlenden Begeisterten, deren naive Zustimmung er kaum gewollt haben kann? Und brüllt Kinski am Ende nicht auch gegen sich selbst an, gegen den arroganten, gut verdienenden Filmstar, der nun die Liebe predigt? Seine Rolle ist von vornherein anmaßend. Aber wie konsequent er sie durchzieht, wie er die Unmöglichkeit seiner Botschaft in einen unglaublichen Auftritt steckt und mit vollem Ernst das Evangelium nach Kinski verkündet, das ist atemberaubend.
- Datum 19.01.2007 - 04:15 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 18.01.2007 Nr. 04
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Wenn schon eine Rezension, warum dann nicht auch bitte genaue Titelangaben: Verlag, Erscheinungsjahr, Preis?
Danke
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