Demokratie »Es geht um das Glück«
Bronisław Geremek, liberaler Europa-Abgeordneter, mahnt: Demokratie muss sich mehr um die Schwachen sorgen
DIE ZEIT: Professor Geremek, Europa hat sich seit 1989 sehr verändert, die demokratische Wende nach dem Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums schien eine neue Epoche zu eröffnen. Davon ist heute wenig die Rede. Haben die Demokratien eine historische Chance verpasst?
Bronisław Geremek: 1989 war das Jahr des Siegs der Demokratie. Der Westen war völlig überrascht. Auf eine derart massive und umfassende Niederlage der totalitären Regime war er nicht vorbereitet.
ZEIT: Und Sie im Osten?
Geremek: Für den Osten war das der Traum gewesen. Aber dass er gerade jetzt wahr werden würde, darauf waren auch wir nicht vorbereitet. Zu Beginn herrschten Enthusiasmus und die Erwartung, dass wir die frisch eroberte Freiheit sofort in Demokratie umsetzen könnten. Diese Aussicht rief große Begeisterung hervor. Aber die Demokratie ist zunächst einmal eine kühle Sammlung von Instrumenten, Prozeduren und Machttechniken. Auf Gefühle, wie wir sie hatten, ist sie nicht ausgerichtet.
ZEIT: Sollte sie das sein?
Geremek: Also, wenn wir es nicht schaffen, die politischen Emotionen der Bürger in die Demokratie zu integrieren, haben wir das Spiel schon verloren. Wir müssen auch an die Gefühle der Menschen appellieren, nur so können wir die politische Kultur verändern und die Demokratie weiterentwickeln, vor allem angesichts der Aktivitäten der Populisten, die auf die niedrigsten menschlichen Instinkte setzen, komplizierte Zusammenhänge schrecklich vereinfachen und damit rationale politische Problemlösungen erschweren oder unmöglich machen. Im Zeitalter der modernen elektronischen Kommunikationsmittel ist das eine besondere Gefahr für die liberale Demokratie. Wir müssen begreifen, dass wir den Kampf um die Bürger verlieren, wenn wir sie emotional nicht erreichen und keinen Weg finden, sie in den politischen Prozess einzubinden.
- Datum 22.01.2007 - 10:25 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 18.01.2007 Nr. 04
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Schön, Herr Perger, dass Sie Ihrem ausführlichen Artikel zum Thema, auch Online noch ein gutes Interview mit Herrn Geremek folgen lassen. - Im Unterschied zu so manchem ultramodernen Liberalen, denkt G. über den Staat noch ganz realistisch. Auch eine Demokratie muss sich daran messen lassen, was sie einer großen Mehrheit geben kann und darf sich nicht auf das orthodox liberale Credo, der Staat solle einzig das Eigentum und den freien Markt schützen, zurückziehen. Der ehemalige polnische Minister kennt sich aus mit der Armut, praktisch und theoretisch.
Das merkt man seinen Antworten an.
..haette viel bessere Antworten geliefert, waeren die Fragen nicht so dumm gewesen. Aber das ist eben Glueck, ob man jemanden begegnet, der sich zurecht kennt.
obwohl ich den Titel einfach 'dumm'finde. Die Antworten des Herrn zeigen dass er ziemlich realistisch denkt.Demokratie ist nicht unbedingt der Segen der Gold auf den Strassen wachsen laesst.
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