Bildung Hamburger Modell

Die CDU in der Hansestadt verabschiedet sich vom dreigliedrigen Schulsystem. Es soll nur noch Gymnasien und Stadteilschulen geben. Ein Vorbild für Deutschland?

Hamburg schreibt dieser Tage Bildungsgeschichte. Das Wort ist nicht zu groß, denn die regierende CDU hat gewagt, was noch vor Kurzem undenkbar war: Sie hat sich vom dreigliedrigen Schulsystem verabschiedet! An seine Stelle soll ein Modell treten, das aus zwei Säulen besteht, dem Gymnasium und der Stadtteilschule, die alle übrigen Schulformen vereint, die Haupt- wie die Gesamtschule schluckt – und auch den Weg zum Abitur öffnet.

Dieser Schritt ist historisch, weil der Streit von SPD und Union um die Schulstruktur jahrzehntelang die Bildungspolitik in Westdeutschland prägte und lähmte. Gerechtigkeit!, forderten die Roten und traten für die Gesamtschule ein. Leistung!, konterten die Schwarzen und beharrten auf der vermeintlich begabungsgerechten Aufteilung der Schüler auf Hauptschule, Realschule und Gymnasium.

Die SPD hat sich inzwischen klammheimlich von der Gesamtschule verabschiedet. Leistungsorientierte Eltern konnten sich nie für die »Schule für alle« erwärmen und haben den Gymnasien zu einem Boom verholfen. Inzwischen besuchen 30 bis 40 Prozent eines Schülerjahrgangs (in Hamburg fast 50 Prozent) diese einstige Eliteanstalt, die mittlerweile zur Gesamtschule des Mittelstands mutierte. Kein Sozialdemokrat, der nach Regierungsmacht strebt, wagt es, dagegen Politik zu machen.

Die CDU/CSU, bestärkt durch das gute Abschneiden der von ihr regierten Länder in der Pisa-Studie, sah zunächst keinen Anlass, vom »bewährten« Schulsystem Abstand zu nehmen. Doch jede neue Pisa-Runde machte deutlich, dass Deutschlands Schulen ein eklatantes Gerechtigkeitsproblem haben. In kaum einem anderen Staat bestimmt die soziale Herkunft so stark die Schülerleistungen wie hier.

Sorgen bereiten vor allem die so genannten Risikoschüler, die als 15-Jährige nicht richtig lesen und rechnen können – in Hamburg gehört fast jeder Dritte dazu. Bildungsforscher haben als eine Ursache für diesen Missstand die Vielgliedrigkeit des Schulsystems identifiziert. Wo die Hauptschule zur Restschule wird, ballen sich alle Probleme. Eine geordnete Wissensvermittlung ist kaum noch möglich.

Es ist erfreulich, dass sich die Hamburger CDU diesem Problem stellt. Ermutigt sieht sie sich durch CDU-regierte Länder in Ostdeutschland, die gute Erfahrungen mit einem zweigliedrigen Schulsystem machen. Auch in Schleswig-Holstein unterstützt die CDU die Zusammenlegung der Haupt- und Realschulen. Mit der Stadtteilschule, die ein langsameres Lerntempo einschlägt, sich stärker an der Berufspraxis orientiert und in kleineren Klassen individuelles Lernen ermöglicht, könnte sich sogar ein Schultyp entwickeln, der den Gymnasien Konkurrenz macht.

Die SPD wird sich diesem Modell nicht verschließen können, zumal viele ihrer Ideen dort eingeflossen sind. Auch andere CDU-regierte Länder könnten auf den Geschmack kommen, denn vielerorts wenden sich Eltern von der Hauptschule ab. Im Streit um die Schulstruktur bahnt sich ein historischer Kompromiss an. Endlich!

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Leser-Kommentare
  1. Interessant. Es bleibt allerdings die entscheidende Frage offen: Wann werden Gymnasiasten und Stadtteilschüler getrennt? Bleibt es bei der ausschließlich auf einem mehr oder weniger begründeten Lehrer-Verdacht und dem geballten Elternwillen beruhenden Leistungs-Trennung nach dem vierten Schuljahr, oder wartet man neuerdings in Hamburg ab, ob die Schüler eigene Motivationen entwickeln (in der Regel etwa ab Klasse 8) und wenn ja, welche ?

    • KMurx
    • 18.01.2007 um 12:06 Uhr

    Und deshalb hat BaWue mit dem bundesweit vierthoechsten Auslaenderanteil ja auch so gut abgeschnitten.

    Vielleicht haben 'wir' allerdings auch keine 'ideologisch voellig verfehlte' Migrationspolitik betrieben. Wobei, war die nicht im Wesentlichen von bundesweiten Vorgaben bestimmt?

    • lef
    • 17.01.2007 um 20:51 Uhr
    3.

    Stimmt, die Frage, wo sich das System verzeigen soll, ist unbeantwortet, jedoch am Interessantesten.

    Der Elternwille ist tatsächlich immer kontraproduktiv und Lehrer auch viel zu oft inkompetent und subjektiv.

    Ich habe noch eine Gymnasialprüfung ablegen müssen - da waren zumindest mehrere Lehrer als Kommission entscheidungsberechtigt. Leider nach der 4.Klasse - da meinen Sie mit Recht, dass zu diesem Zeitpunkt eine Entscheidung dem Kind aufgezwungen wird.
    Aber ansonsten fände ich die Wiedereinführung einer solchen Prüfung nicht verkehrt.

    Allerdings ist der heute übliche Weg (zumindest hier in Niedersachsen)schon längst, dass in der 1.Klasse Gymnasium (also: die 11.Klasse) kräftig aussortiert wird - des lieben Friedens mit den Eltern willen wird auch bei nicht sehr guter Leistung aufgenommen und fast 30% schaffen diese Stufe nicht und gehen.
    Schulpflichtig sind die dann ja nicht mehr.

    Und auch dieser Aspekt kommt nicht zur Erwähnung:
    Schulen sind heute überwíegend Aufbewahrungsschleifen für Alle die, die (aus welchen Gründen auch immer) keine Anschlussausbildung abkriegen.

    Darunter leidet dann aber das allgemeine Leistungsniveau bis hin zu den Gymnasialstufen.

  2. Schon zu lange hat die ideologisch überfrachtete Debatte über die SchulFORM die Inhalte verdrängt. Das Hauptproblem vieler Gesamtschulen war ja nicht deren Schulform, sondern die Tatsache, dass dort weltfremde Weltverbesserer auf die Kinder losgelassen wurden.

    Eine einigermaßen vernünftig (was nach derzeitiger Lage bedeutet: nicht von der SPD) aufgezogene Gesamtschule - unter welchem Namen auch immer - könnte dem Gymnasium bald in ähnlicher Weise Konkurrenz machen, wie viele Fachhochschulen, die die entsprechenden Fachbereiche an den Universitäten einge- oder sogar überholt haben.

  3. denn bayern und baden-württemberg waren pisa sieger und gleichzeitig verfechter des althergebrachten systems. es passt auch in unser wirtschaftsleben, in den usa 'studiert' man automechaniker auf dem college. ein 'high school' abschluß ist sehr wohl eben NICHT soviel wert wie ein süddeutsches abitur. und ähnlich nicht vergleichbar ist es mit hamburg, rund 30% der schüler in bayern besuchen die hauptschulen, es ist mitnichten eine restschule und wer doch noch mehr ehrgeiz entwickelt in der 9. klasse kann den 'quali' machen - eine qualifizierende zusatzprüfung oder gleich ein 10. schuljahr dranhängen und die mittlere reife machen. oder danach per abendschule, kolleg oder berufsoberschule weiterkommen. das system ist absolut und zu jedem zeitpunkt durchlässig, was zählt ist LEISTUNG. und die kann auch kein neues konzept herzaubern, daran haben ja schon die gesamtschulen gekrankt.

  4. ...denn jedes Bundesland hat andere Bedingungen. Ein dreigliedriges Schulsystem mag in einem rural geprägtem Land mit wenig Immigranten angebracht sein, weil man dort unter wenigstens ähnlichen Grundbedingungen Leistung messen kann.
    In anderen Gebieten Deutschlands macht die Dreiteilung keinen Sinn mehr, weil aufgrund der krassen sozialen und auch sprachlichen Unterschiede (viele Immigranten etwa) schon gar keine Vergleichsmöglichkeit besteht. Hier muss man wohl auch darauf abzielen, eine Unterschichtenbildung auch per Schulsystem i Sinne von Hauptschulue=Restschule zu vermeiden .

  5. ...und wir haben nur noch schlaue Menschen. So einfach ist das in den Köpfen der Bildungspolitiker. Und sie werden noch viel schlauer, wenn sie anschließend weiter studieren...so 60 % der Menschen sollten es dann schon sein. Ich frage mich allerdings dann: Wo bleiben denn dann die wirklich gescheiten? Oder anders ausgedrückt: Ich behaupte mal, dass dann das Uniniveau sinkt! Im Ernst. Wir haben dann halt noch mehr gebildete Taxifahrer und Produktionshelfer. Und das Abiturniveau sinkt sowieso. Denn nicht alle sind gleich fleißig und schlau. Eine Inflation der Abschlüsse bringt nichts und täuscht, obwohl mehr Bildung wirklich wichtig ist. Zu meiner Gymnasialzeit war es nur eine Minderheit, die nach 9 Jahren Aussortieren Abitur machen durfte...und wie mein Französischlehrer mir vor einiger Zeit sagte: Diese Zeiten sind vorbei. Heute macht Hinz und Kunz Abitur...der Grund ist einfach der, daß Schulen und Universitäten Zuschüsse nach Anzahl der Schüler und Studenten erhalten...die Aussortiererei lohnt sich nicht in Zeiten der geburtenschwachen Jahrgänge. Das habe ich in meinem Studiengang selbst erlebt. Wenn es um Geld geht, wird selbst 'Heinz Esel' durchgeschleust. Die Anzahl der Prozente diplomierter Uniabsolventen können sich die Politiker von mir aus sonstwo hinschreiben...pure Verdummung, das Ganze. Es ist nie die Rede davon, wie man die Qualität anhebt...immer geht es um Quantität....
    netwanderer

  6. Bei Einführung des neuen Schulsystems wurden die Schüler auf 2 Schultypen aufgeteilt: Gymnasium und Mittelschule. Die tolle Hamburger Idee ist also nichts neues. Ansonsten wird in Sachsen überlegt, die Aufteilung erst nach der 8. Klasse zu machen. Das wäre wirklich noch ein Fortschritt.

    Am besten wäre natürlich, das Niveau der Mittelschule soweit anzuheben, dass es für Schüler, die danach nicht studieren wollen, nicht mehr nötig ist aufs Gymnasium zu gehen. Gymnasium als Vorbereitung aufs Studium, so wie es einmal gedacht war, und bitte wirklich erst nach der 8. Klasse, denn vorher kann kein Kind wissen wie sein Leben aussehen soll.

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