SPD Unter Dampf
Hannelore Kraft wird am Samstag die neue Spitzenfrau der nordrhein-westfälischen Sozialdemokraten. Und was für eine! Ein Porträt
An einem Sonntagabend im Frühjahr 2001 stand Hannelore Kraft, zu diesem Zeitpunkt 39 Jahre alt, in ihrer Küche in Mülheim an der Ruhr und schälte Spargel. Sie wusste, dass irgendwo in Düsseldorf wichtige SPD-Männer zusammensaßen, um einen Nachfolger für den steuerrechtlich gestrauchelten Europaminister Detlev Samland auszuwählen. Sie selbst gehörte seit noch nicht ganz einem Jahr dem nordrhein-westfälischen Landtag an; sie war seit sieben Jahren Mitglied der Sozialdemokratischen Partei: Kabinettsumbildungskungelrunden konnten nach menschlichem Ermessen wenig Einfluss auf ihre Abendgestaltung haben.
Dann klingelte das Telefon. Ein Journalist wollte wissen, was sie davon halte, für den fraglichen Ministerposten »im Rennen« zu sein. »Wenn das so ist«, erwiderte Kraft, »dann bestellen Sie mal Wolfgang Clement einen schönen Gruß, empfehlen Sie mich weiter.«
Hannelore Kraft, die am Wochenende als voraussichtlich einzige Kandidatin für den verwaisten Vorsitz der nordrhein-westfälischen SPD antreten und mit einem voraussichtlich ausgezeichneten Ergebnis gewählt werden wird, lacht, grinst, lächelt, alles auf einmal, wenn sie von besagtem Abend erzählt. Sie mag ihre eigene Antwort an den Journalisten, weil die ein Beleg dafür ist, dass ihr damenhafte Zurückhaltung in Karrierefragen abgeht: Was andere ihr zutrauen, das traut sie sich auch selbst zu. Oft sogar mehr. Und die Spitzenkandidatur im Landtagswahlkampf 2010 ganz sicher.
Kraft erzählt die Anekdote aber auch deshalb mit Freude, weil sie ihr Gelegenheit zu einer leicht ironischen Selbstdistanzierung gibt. »Ich habe natürlich vorsichtshalber das Handy angelassen«, sagt sie. Spannungspause. »Es klingelte aber nicht.« Erst am nächsten Morgen meldete sich dann doch der Chef der Staatskanzlei. Ob sie Zeit für ein Gespräch mit Wolfgang Clement habe? Sie fuhr nach Düsseldorf. Nachmittags dann der Ministerpräsident am Telefon: Der Job gehöre ihr. Sie dürfe aber mit niemandem darüber reden, er müsse erst die Landtagsfraktion informieren. »Ich habe das damals schon ernst genommen«, sagt Kraft. »Ich erzählte meinem Mann die Neuigkeit und beschwor ihn: Du darfst mit nie-man-dem darüber sprechen, erst muss die Fraktion informiert werden.« Wenig später rief Udo Kraft von seinem Arbeitsplatz aus an: »Du, das läuft die ganze Zeit im WDR, darf ich es jetzt auch wissen?«
Vor ihrem kometenhaften Aufstieg in der NRW-SPD – Parteieintritt 1994, Landtagsmandat 2000, Europaministerin 2001, Wissenschaftsministerin 2002, Fraktionsvorsitzende 2005 – hat die Diplomökonomin Hannelore Kraft, Mutter eines 14-jährigen Sohnes, elf Jahre lang bei Zenit gearbeitet, einer Agentur, die kleine und mittelständische Unternehmen berät. Kraft und ihr Umfeld deklarierten diese Jahre als Tätigkeit »in der Wirtschaft«, und das Etikett der »Wirtschaftsfrau« setzte sich so hartnäckig wie erwünscht in der Berichterstattung fest. Tatsächlich ist Zenit mindestens so politik- wie wirtschaftsnah: ein klassisches Beispiel des rheinischen Korporatismus eigentlich, zu einem Drittel finanziert vom Land, zu einem Drittel von der früheren Westdeutschen Landesbank.
Wie auch immer, Kraft hatte beruflich mit wirtschaftlichen und vor allem mit Europafragen zu tun, sie spricht drei Fremdsprachen und gehört zu den Menschen, die sich in der Welt der Globalisierung zurechtfinden, die diesen Prozess gestalten wollen, statt sich vor ihm zu fürchten. Die von Mitgliederschwund und Skandalen gebeutelte Post-Johannes-Rau-SPD der neunziger Jahre hatte Bedarf an Leuten, die wie Kraft »Erneuerung« verkörpern konnten. Das fand sie auch selbst. Dass sie 1994 nach einem Kommunalwahldebakel der Mülheimer SPD beitrat, begründet die damals 32-Jährige heute so: »Ich glaubte, die könnten mich jetzt gebrauchen.« Das war vielleicht ehrlicher und zeitgemäßer als die oftmals taktische Verknüpfung der eigenen politischen Biografie mit Großthemen wie »Abrüstung« oder »Atomausstieg«, die in der SPD für die Schröder-Generation typisch waren.
Hannelore Kraft zeigte allerdings nicht nur Selbstbewusstsein, sondern auch Mut. Als Neumitglied beteiligte sie sich an Arbeitsgruppen zur Parteireform, nur um in der Vorbereitung auf den entscheidenden Unterbezirksparteitag festzustellen, dass letztlich keiner ihrer Mitstreiter gegen das alte Regime kandidieren wollte. Womöglich fürchteten die Reformgenossen, bei einer Wahlniederlage politisch »verbrannt« zu werden. »Ich hingegen hatte nichts zu verlieren«, sagt Kraft. Sie trat an, wurde nach nur viermonatiger Parteimitgliedschaft in den Unterbezirksvorstand gewählt und setzte sich mit der gleichen Chuzpe 1999 gegen einen favorisierten Mitbewerber von der IG Metall durch, als es um die Mülheimer Landtagskandidatur ging.
Wofür steht die Frau politisch? Freundlich gesinnte Weggefährtinnen wie die Bundestagsabgeordnete für den Wahlkreis Niederberg/Ratingen, Kerstin Griese, sprechen von »modernem Pragmatismus«; feindseligere namenlose Geister reden von Beliebigkeit. Als Wissenschaftsministerin jedenfalls vertrat Kraft im Großen und Ganzen den ein wenig technokratisch-modernistischen Kurs der Kultusministerkonferenz: Bachelor- und Masterabschlüsse, Juniorprofessuren, leistungsbezogene Professorenbesoldung. An den Hochschulen finden sich denn auch am ehesten kritische Stimmen, die bezweifeln, dass Kraft über eine rein wirtschaftsfixierte Anwendungsorientierung hinaus viel für Universitäten an sich, für Grundlagenforschung oder Geisteswissenschaften übrighabe.
In anderen Themenfeldern gibt sie sich traditionalistisch: So kritisierte sie den Ex-Ministerpräsidenten und jetzigen Bundesfinanzminister Steinbrück für seine Pläne zur Unternehmensteuerreform; sie spricht sich für den Erhalt der Kohlesubventionen aus. »Wenn sozial gerecht links bedeutet, dann bin ich links«, sagt sie gern in Interviews. Kraft ist bestrebt, die soziale Attitüde von CDU-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers als bloße Pose zu entlarven. Für die CDU gelte ganz klar »Freiheit vor Gleichheit« und »Privat vor Staat«: »Das sehen wir anders.« Rüttgers tut sich erkennbar schwer mit seiner angriffslustigen Gegnerin. Bei seiner ersten Regierungserklärung brachte sie ihn mit ihrer Erwiderung so aus der Fassung, dass er alle Höflichkeit und jedes Protokoll vergaß, zurück ans Rednerpult ging und außerplanmäßig auf die Oppositionsführerin antwortete: »Liebe Frau Kraft – nein, das ›liebe‹ nehme ich zurück…« Ein Triumph für Kraft, die leichten Herzens in Kauf nimmt, dass ihr ihre Attacken bisweilen als »schrill« ausgelegt werden, während bei Männern von Heldentum die Rede wäre.
Für ihren Aufstieg hat Hannelore Kraft auch Glück und den richtigen Zeitpunkt gebraucht: Selbst ihre Frechheit und Begabung hätten an einer Betonmauer aus Establishmentgegenwehr zerschellen können. Stattdessen lief sie in die offenen Arme männlicher Spitzenfunktionäre, denen schon vor dem Machtverlust der SPD 2005 klar zu werden begann, dass die Zeiten der legendären sozialdemokratischen Siege in Nordrhein-Westfalen vorbei waren. Wolfgang Clement und Peer Steinbrück förderten sie; ihr Vorgänger im Fraktionsvorsitz, Edgar Moron, legt Wert auf die Feststellung, dass er sie Clement als Ministerin erst empfohlen habe.
Britta Altenkamp, stellvertretende Fraktions- und Landesvorsitzende, amüsiert sich über den Nachdruck, mit dem die SPD-Alphamänner Hannelore Kraft heute zu ihrer höchstpersönlichen Erfindung erklären. An die These, dass Frauen nur dann eine Chance bekommen, wenn es gilt, leckgeschlagene Parteien flottzumachen, glaubt sie nur begrenzt. »Die Vorgänger-Funktionärsgeneration war so männerfixiert, dass sie nur männliche Konkurrenz weggebissen haben«, sagt sie. »So konnte sich in der zweiten Reihe eine Generation von Frauen entwickeln, die die Jungs überhaupt nicht auf der Rechnung hatten.« Es habe allerdings eines »Besens« wie Hannelore Kraft bedurft, um auf diesen Umstand aufmerksam zu machen.
Tatsächlich ist heute in der NRW-SPD fast ausschließlich von Frauen die Rede – als theoretisch ebenbürtige Konkurrentinnen zu Kraft werden die ehemalige Gesundheitsministerin Birgit Fischer und die Bonner Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann genannt. Hannelore Kraft hat sich ihre Alternativlosigkeit in dieser Frauenkonjunktur hart erarbeitet. Sie bemüht sich zeitaufwendig um die Basis und hat das System SPD gelernt wie kaum ein anderer »Quereinsteiger«. Sie habe in ihrem politischen Leben glücklicherweise noch keine Entscheidung treffen müssen, die sie nicht habe treffen wollen. »Okay«, sagt Hannelore Kraft und lacht-grinst-lächelt wieder, »ich habe natürlich auch immer versucht, sie in meinem Sinne zu beeinflussen.«
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- Datum 17.01.2007 - 06:56 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 18.01.2007 Nr. 04
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