SPD Unter DampfSeite 2/2
Hannelore Kraft zeigte allerdings nicht nur Selbstbewusstsein, sondern auch Mut. Als Neumitglied beteiligte sie sich an Arbeitsgruppen zur Parteireform, nur um in der Vorbereitung auf den entscheidenden Unterbezirksparteitag festzustellen, dass letztlich keiner ihrer Mitstreiter gegen das alte Regime kandidieren wollte. Womöglich fürchteten die Reformgenossen, bei einer Wahlniederlage politisch »verbrannt« zu werden. »Ich hingegen hatte nichts zu verlieren«, sagt Kraft. Sie trat an, wurde nach nur viermonatiger Parteimitgliedschaft in den Unterbezirksvorstand gewählt und setzte sich mit der gleichen Chuzpe 1999 gegen einen favorisierten Mitbewerber von der IG Metall durch, als es um die Mülheimer Landtagskandidatur ging.
Wofür steht die Frau politisch? Freundlich gesinnte Weggefährtinnen wie die Bundestagsabgeordnete für den Wahlkreis Niederberg/Ratingen, Kerstin Griese, sprechen von »modernem Pragmatismus«; feindseligere namenlose Geister reden von Beliebigkeit. Als Wissenschaftsministerin jedenfalls vertrat Kraft im Großen und Ganzen den ein wenig technokratisch-modernistischen Kurs der Kultusministerkonferenz: Bachelor- und Masterabschlüsse, Juniorprofessuren, leistungsbezogene Professorenbesoldung. An den Hochschulen finden sich denn auch am ehesten kritische Stimmen, die bezweifeln, dass Kraft über eine rein wirtschaftsfixierte Anwendungsorientierung hinaus viel für Universitäten an sich, für Grundlagenforschung oder Geisteswissenschaften übrighabe.
In anderen Themenfeldern gibt sie sich traditionalistisch: So kritisierte sie den Ex-Ministerpräsidenten und jetzigen Bundesfinanzminister Steinbrück für seine Pläne zur Unternehmensteuerreform; sie spricht sich für den Erhalt der Kohlesubventionen aus. »Wenn sozial gerecht links bedeutet, dann bin ich links«, sagt sie gern in Interviews. Kraft ist bestrebt, die soziale Attitüde von CDU-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers als bloße Pose zu entlarven. Für die CDU gelte ganz klar »Freiheit vor Gleichheit« und »Privat vor Staat«: »Das sehen wir anders.« Rüttgers tut sich erkennbar schwer mit seiner angriffslustigen Gegnerin. Bei seiner ersten Regierungserklärung brachte sie ihn mit ihrer Erwiderung so aus der Fassung, dass er alle Höflichkeit und jedes Protokoll vergaß, zurück ans Rednerpult ging und außerplanmäßig auf die Oppositionsführerin antwortete: »Liebe Frau Kraft – nein, das ›liebe‹ nehme ich zurück…« Ein Triumph für Kraft, die leichten Herzens in Kauf nimmt, dass ihr ihre Attacken bisweilen als »schrill« ausgelegt werden, während bei Männern von Heldentum die Rede wäre.
Für ihren Aufstieg hat Hannelore Kraft auch Glück und den richtigen Zeitpunkt gebraucht: Selbst ihre Frechheit und Begabung hätten an einer Betonmauer aus Establishmentgegenwehr zerschellen können. Stattdessen lief sie in die offenen Arme männlicher Spitzenfunktionäre, denen schon vor dem Machtverlust der SPD 2005 klar zu werden begann, dass die Zeiten der legendären sozialdemokratischen Siege in Nordrhein-Westfalen vorbei waren. Wolfgang Clement und Peer Steinbrück förderten sie; ihr Vorgänger im Fraktionsvorsitz, Edgar Moron, legt Wert auf die Feststellung, dass er sie Clement als Ministerin erst empfohlen habe.
Britta Altenkamp, stellvertretende Fraktions- und Landesvorsitzende, amüsiert sich über den Nachdruck, mit dem die SPD-Alphamänner Hannelore Kraft heute zu ihrer höchstpersönlichen Erfindung erklären. An die These, dass Frauen nur dann eine Chance bekommen, wenn es gilt, leckgeschlagene Parteien flottzumachen, glaubt sie nur begrenzt. »Die Vorgänger-Funktionärsgeneration war so männerfixiert, dass sie nur männliche Konkurrenz weggebissen haben«, sagt sie. »So konnte sich in der zweiten Reihe eine Generation von Frauen entwickeln, die die Jungs überhaupt nicht auf der Rechnung hatten.« Es habe allerdings eines »Besens« wie Hannelore Kraft bedurft, um auf diesen Umstand aufmerksam zu machen.
Tatsächlich ist heute in der NRW-SPD fast ausschließlich von Frauen die Rede – als theoretisch ebenbürtige Konkurrentinnen zu Kraft werden die ehemalige Gesundheitsministerin Birgit Fischer und die Bonner Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann genannt. Hannelore Kraft hat sich ihre Alternativlosigkeit in dieser Frauenkonjunktur hart erarbeitet. Sie bemüht sich zeitaufwendig um die Basis und hat das System SPD gelernt wie kaum ein anderer »Quereinsteiger«. Sie habe in ihrem politischen Leben glücklicherweise noch keine Entscheidung treffen müssen, die sie nicht habe treffen wollen. »Okay«, sagt Hannelore Kraft und lacht-grinst-lächelt wieder, »ich habe natürlich auch immer versucht, sie in meinem Sinne zu beeinflussen.«
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- Datum 17.01.2007 - 06:56 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 18.01.2007 Nr. 04
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