Luchs 2006 LUCHS des Jahres 2006

Die Jury von ZEIT und Radio Bremen prämiert den Kinderroman des niederländischen Autors Guus Kuijer »Das Buch von allen Dingen«.

Was er denn mal werde wolle, fragt die alte Frau den Jungen. »Glücklich«, sagt der auf Seite 24. »Ich werde später glücklich.« Allein für diesen Satz sollte der niederländische Autor Guus Kuijer (sprich Keuer) jeden alternativen Literatur- und Lebenspreis erhalten, zumal er vorher und nachher zart und zugleich herb beschreibt, wa–rum der neunjährige Thomas so weit entfernt vom Glück lebt. Er wächst im Amsterdam der fünfziger Jahre auf, mit einem Vater, der als religiöser Eiferer die Familie unterdrückt und züchtigt, mit einer liebevollen Mutter, die ängstlich bemüht ist, nichts davon nach draußen dringen zu lassen, und einer älteren Schwester Margot, die am Ende alle Regeln bricht. Als Thomas die schwarz gekleidete Nachbarin kennenlernt – eine Hexe, sagen die anderen Kinder – geht ihm eine neue Welt auf, mit Büchern, die sie ihm leiht, einem Grammofon, auf dem sie ihm Schallplatten vorspielt, und der Ahnung, dass alles anders sein kann. »Weißt du, womit das Glück anfängt? Damit, dass man keine Angst mehr hat.«

Nach einem langen Kinderbuchjahr, nach zwölf monatlich prämierten Büchern, zwölf Luchsen, hat sich mit Das Buch von allen Dingen in der Endausscheidung ein schmaler Roman klar durchgesetzt, dessen Zeit so fern scheinen könnte und dessen Gefühle und Themen so nah sind. »Bücher handeln von allem, was es so gibt«, erklärt die Nachbarin, dem Jungen, der zu Hause nur die Bibel zu hören kriegt, der sich in seine Fantasie rettet und über alles, was andere nicht sehen, in seine Kladde schreibt, in sein Buch von allen Dingen: von gefallenen Blättern mitten im Sommer, von bunten tropischen Fischen, die in der Gracht schwimmen, von einem wunderschönen Mädchen mit einem knirschenden Lederbein und vor allem von Jesus, mit dem er sich unterhält und der es auch nicht leicht mit seinem Vater hatte. Der ließ ihn schließlich sogar ans Kreuz schlagen, ob er wollte oder nicht, da kann Thomas noch von Glück reden. Es zieht ein ganz leichter, heiter vertrauensvoller Ton durch diese Geschichte – von Sylke Hachmeister wie selbstverständlich ins Deutsche übersetzt – die sich zwischen der – vom Vater gut gemeinten –, Härte und der Erlösung durch Menschlichkeit und Schönheit bewegt. »Du kannst Jesus zu mir sagen…«, meint der hilfreiche »Herr Jesus« einmal, überlässt es aber doch Guus Kuijer, mit einer unglaublich dramatischen Szene in der Küche der Familie jenen Augenblick zu beschreiben, der die Grenze zwischen Gewalt und Freiheit markiert. Dass Gewalt, die »nur das Beste will«, ein Widerspruch in sich ist, wird hier nicht nur jedem Kind klar.

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An Jurystimmen nahe kamen dem Buch von allen Dingen vor allem die Geschichten des belgischen Autors Bart Moeyaert, der mit Brüder (Hanser) seinen sechs Brüdern ein wunderbares literarisches Denkmal schrieb, und Aller Anfang (Beltz & Gelberg), ein kunterbuntes, kluges und verblüffendes Menscharium über die Entstehung der Welt, von den Schweizern Jürg Schubiger und Franz Hohler literarisch ebenso um die Ecke gedacht wie von Jutta Bauer poetisch ausgemalt. Dass die Erzählung Herznah (Fischer) der amerikanischen Autorin Sharon Creech über die Mädchenjahre zwischen Barfußlaufen und Tagebuchschreiben, über die Metamorphose einer Kinderfreundschaft in eine Jugendliebe auf dem undankbaren Platz vier landete, würde Annie, die Hauptfigur, kalt lassen: Es geht ums Laufen, nicht ums Gewinnen.

Die ZEIT- Jury, bestehend aus der Moderatorin Gabi Bauer, der Buchhändlerin Hilde Elisabeth Menzel, dem LUCHS-Gründungsmitglied Marion Gerhard und dem Schriftsteller Andreas Steinhöfel, bewegte sich diesmal vorwiegend im Land und Jahr der Sach- und Bilderbücher. Das reichte von sorgfältig recherchierten und ausgewählten Nachrichten, die Geschichte machten (cbj), von Claus Kleber herausgegeben, über die fulminanten Bilder von Tieren in der Kunst, Was macht der Bär im Museum? (Knesebeck), und die farbensatte Künstlerbiografie Emil Nolde für Kinder von Mario Giordano (DuMont) bis zu Antje von Stemms Extrembasteln (Gerstenberg), das Kindervergnügen mit haftpflichtfreier Praxis verbindet. Licht aus!, ein Bilderbuch des Amerikaners Arthur Geisert (Gerstenberg), kann man sowohl als Konstruktionsanleitung für kleine Erfinder lesen wie als Trostbuch für Kinder, die nicht im Dunkel einschlafen wollen, während Emily Gravetts Bilderbuchgeschichte Achtung, Wolf! (Sauerländer) von Segnungen und Gefahren des Lesens erzählt und in keiner öffentlichen (Hasen-)Bücherei fehlen sollte. Dass Kunst und Kinder kein Widerspruch sind, ließ sich dann nirgends augenfälliger belegen als im Pappbilderbuch mit Aufklapptieren der Französin Isabel Pin Ein Regentag im Zoo (Bajazzo) sowie in einer Gedichtanthologie mit dem aufmerkenswerten Titel Hör zu, es ist kein Tier so klein, das nicht von dir ein Bruder könnte sein (Carlsen), in dem der Herausgeber Armin Abmeier 60 Tiergedichte von 60 verschiedenen Künstlerinnen und Illustratoren in kleine Schaustücke verwandeln ließ.

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    • Quelle DIE ZEIT, 18.01.2007 Nr. 04
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    • Schlagworte Jesus | Literatur | Kinder | Bremen
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