Anthropologie Grüße von den Don-Kosaken

In Russland fanden Anthropologen die frühesten Spuren moderner Europäer. Kamen sie über Asien?

Kostenki ist nicht gerade ein Ort, wo man sich als frisch eingewanderter Afrikaner besonders heimelig fühlt. Die Gegend am Don, etwa 400 Kilometer südlich von Moskau, war einst »eine der trockensten und kältesten Regionen Europas«, sagt John Hoffecker. »Den ersten europäischen Wohnort früher Menschen aus Afrika hätte ich hier zuletzt erwartet.« Aber ausgerechnet dort hat er ihn gefunden.

Bei den Grabungen am Donufer, unter einer Schicht aus Vulkanasche, stieß der Wissenschaftler von der University of Colorado mit seinen Kollegen von der Russischen Akademie der Wissenschaften auf die Hinterlassenschaften von Menschen: Werkzeuge, gefertigt aus Stein, Knochen und Elfenbein. Dazu Schmuck aus Molluskenschalen und ein zerbrochenes Stück bearbeiteten Elfenbeins – vermutlich eine nicht fertig gestellte Figurine. Die Datierung der Fundstücke durch drei verschiedene Verfahren ergab ein erstaunliches Alter: Schon vor 45.000 Jahren müssen am Don Menschen gelebt haben. Das passt überhaupt nicht in das Bild, das sich Paläoanthropologen bisher von der Eroberung der Kontinente durch den Menschen gemacht haben. Der Vorstoß des Homo sapiens von Afrika nach Asien und Europa verlief offenbar anders als angenommen.

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Die frühen Siedler am Don waren keine isolierte Pioniertruppe. Ihre Schmuckschalen stammen von der rund 500 Kilometer entfernten Schwarzmeerküste. Wie gelangten Menschen so früh in das Gebiet des heutigen Russlands?

Gesichert scheint nur, dass der Aufbruch der Menschheit vor rund 60.000 Jahren in Afrika begann. Eine Stoßrichtung, das zeigt eine Reihe neuer Entdeckungen, führte wohl über die Küsten Arabiens und Indiens nach Südostasien. Dort lebten bereits vor 50.000 Jahren erste Menschengruppen. Australien folgte nur 5000 Jahre später.

Weit rätselhafter ist der Vormarsch nach Zentralasien und Europa. Erste Spuren des Menschen vor 45.000 Jahren entdeckten die Ausgräber in Südosteuropa. Bei der Eroberung Zentral- und Westeuropas, so hatten die Gelehrten angenommen, folgten die Einwanderer den Mittelmeerküsten bis nach Frankreich und Spanien und durchquerten den Balkan. Nun aber zeigt sich im Lichte der russischen Funde, dass die urzeitlichen Wanderer sehr früh einer zentralasiatischen Route gefolgt sein könnten.

Die Ausgrabungen am Don gehen unterdessen weiter. Fast dreißig Fundplätze haben die Forscher im Visier. Womöglich warten weitere Überraschungen in der kalten Erde von Kostenk.

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