Netzmusik Mozart geht online

Sämtliche Partituren des Komponisten stehen jetzt gratis im Internet – und werden millionenfach angeklickt.

»Von deinem bruder habe ich noch keinen Buchstaben, sein letzter Brief war vom 14 Sept: und seit der Zeit sollen mit jedem Postwagen die Quartetten kommen.« Leopold Mozart war ungeduldig. Was trieb sein Sohn in Wien? Der hatte schon tags zuvor dem Vater geschrieben, dass er an einer Oper Le Nozze di Figaro sitze, aber sein Brief kam erst neun Tage später in Salzburg an. Die anno 1785 ganz normalen Wartezeiten und Transportwege muss man sich noch mal klarmachen, um zu ermessen, wie schnell uns Mozart jetzt erreicht: Gerade mal eine Minute dauert es, bis man, wo immer man auf dem Planeten ans Netz kommt, die komplette Partitur des Figaro auf dem Schirm hat. Einschließlich des Kritischen Berichts nebst Briefwechseln rund um die Entstehung der Oper.

Das ist der allerneueste Stand und mehr als eine kleine Sensation. Denn abgesehen davon, dass es rasend schnell geht, ist es auch gratis – und betrifft nicht nur die 641 Seiten Figaro in der besten verfügbaren Edition, sondern sämtliche köchelverzeichnete Werke plus Skizzen und Entwürfe. Die Neue Mozart Ausgabe, entstanden seit 1955, ist eine unermessliche Schatzkammer. 127 Bände umfasst das Monument in gedruckter Form, eine Sammlung, von der man in vielen Weltgegenden nur träumen kann. Etwa 7000 Druckausgaben existieren, die meisten davon in Europas Bibliotheken. Seit einigen Wochen aber ist »NMA online« am Netz: dme.mozarteum.at. Gut dreißig Millionen Mal wurde bislang auf den Salzburger Server zugegriffen.

Anstoß und Geld für das Projekt kommen dabei nicht aus Mozarts Abendland, sondern vom amerikanischen Computererben David W. Packard und der Kulturstiftung seines Vaters, dem Packard Humanity Institute. Gute Software versteht sich bei dem Hintergrund von selbst. Die Suchmaske führt auch Amateure mit einer Rasanz durch die insgesamt 23000 Notenseiten und 8500 Seiten mit Kritischen Berichten, wie es der beste Bibliothekar alter Schule nicht könnte. Kein anderer Komponist, nicht einmal Bach, ist jetzt durch Netzpräsenz so globalisiert und demokratisiert wie Mozart. Die Internationale Stiftung Mozarteum Salzburg, die den Server betreibt, hat Kontakte aus 160 Ländern registriert, darunter viele aus Südamerika. Und mancher Interessent wird sich die angeklickte Seite auch gleich ausdrucken. Das macht denen Bauchschmerzen, die mit Noten Geld verdienen. Die NMA wird vom Bärenreiter Verlag in Kassel gestaltet, gestochen – und verkauft, im Ganzen wie in Teilen. Bärenreiter hat von Packard 400000 Dollar erhalten als »Schadensregulierung«, wie es in Salzburg heißt. Ein Schnäppchen? Die elektronischen Rechte waren bislang so unklar definiert, »dass wir nicht die stärkste Position hatten«, sagt Bärenreiter-Verlagsleiter Wendelin Göbel.

Im jetzigen Stadium ist NMA online noch nicht wirklich gefährlich für den Verlag. Die Nutzer holen sich die Noten als PDF-Datei auf den Schirm, also eine Art Fotografie, die nicht bearbeitet werden kann. Wer sich die zwölf Seiten einer Klaviersonate ausdruckt, kann leidlich daraus spielen. Doch bei einer Opernpartitur wie Figaro mit je 20 rund Notensystemen auf mehreren hundert Seiten ist das kaum möglich. Man müsste sich schon mit Schere und Tesafilm Orchesterstimmen basteln – was demnächst allerdings auch am Schirm erledigt werden kann. Schon in diesem Jahr soll nämlich auch der interaktive Zugriff auf die Noten möglich werden. Man könnte aus der Figaro-Partitur Orchesterstimmen isolieren und so formatieren, wie es für eine Aufführung am besten passt. Verlagsleiter Göbel rechnet daher mit einer »gewissen Marktbeschneidung«.

Den Sorgen der Notenstecher steht eine neue Dimension der Erschließung gegenüber – eine Art Volltextsuche in den Partituren. Man kann Motive isolieren, nach Melodien, Harmonien und Vergleichsstellen suchen. Für Ulrich Konrad, den maßgeblichen Mozart-Forscher unserer Zeit, beginnt damit die Verschiebung »von der Philologie zur Analyse«, ja sogar die Suche »nach dem Fingerabdruck Mozarts«. »Wie kommt es«, fragt der Würzburger Professor, »dass wir diese Musik mit keiner anderen verwechseln können?« Mit der »Volltextsuche« sei der Weg zu einer fundierten Harmonik, Rhythmik, Melodielehre Mozarts möglich, der Nachweis von Authentizität »aus der Musik selbst heraus«. Damit würde vielleicht ein Kern von Musik überhaupt, von Kommunikation in Tönen, beschreibbar, nicht nur im Falle Mozarts.

Aber auch die alte Philologie bekommt eine neue Basis: Wenn sich die Quellenlage ändert, wie das jüngst etwa beim Figaro geschah, kann die NMA sofort aktualisiert werden. Und die Quellen selbst? Mozarts Autografe sollen nach und nach mit den Ausgaben und Hintergründen verknüpft werden. Wie das im Idealfall funktionieren kann, zeigt eine CD-ROM der Stiftung Mozarteum am Beispiel von Fantasie und Sonate c-Moll, KV 475 und 457. In bester Qualität erscheinen die vergilbten Querformate, eine digitale Lupe enthüllt noch flüchtigste Tintenwischer, hinter ausgewählten Takten verbergen sich Erläuterungen wie hinter den Fenstern eines Adventskalenders – und hören kann man die Musik obendrein, historisch korrekt am Hammerklavier.

Ein bisschen sehr korrekt. Man merkt dem Pianisten an, dass er alles richtig machen will. Denn jetzt hat, wer an Mozarts nachweisbaren Absichten vorbeispielt, keine Ausrede mehr. Welche Freiheiten er verlangt, wie vieles bei ihm work in progress war, ohne je zur einzig gültigen Form zu gerinnen – das lässt sich leichter denn je erkennen. Wer Figaro aufführen will, muss sich mit den Fassungen beschäftigen. Und wer glaubt, mit dem historisch gesicherten »presto« über der Ouvertüre sei alles klar, sollte sich fragen, was man vor 220 Jahren als »schnell« empfand, als die Noten mit der Kutsche kamen und nicht durchs Kabel…

 
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    • Serie -
    • Quelle DIE ZEIT, 18.01.2007 Nr. 04
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