Nachruf Ein Kapitän im Wirtschaftswunder

Rudolf August Oetker war ein konservativer Familienunternehmer und ein risikofreudiger Konzernarchitekt zugleich. Ein Nachruf

Ein Doktor war dieser Oetker nicht. Eine Hochschule hat Rudolf August Oetker nie besucht, seine Ausbildung beschränkte sich auf eine Banklehre in Hamburg. Ein Gründer war er auch nicht, die Bielefelder Nahrungsmittelfabrik hatte er 1945 geerbt. Ein großer Unternehmer war Rudolf August Oetker aber sehr wohl. Der Bielefelder Patriarch, der am Dienstag im Alter von 90 Jahren starb, zählt zu den bedeutendsten Konzernarchitekten in der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Er war einer aus der Garde der Grundigs, Borgwards und Neckermanns, aber erfolgreicher und viel beständiger. Oetker war der Wirtschaftswunder-Kapitän schlechthin, nur wurde sein Wirken meistens unterschätzt. Er war ja längst nicht nur ein Back- und Puddingpulverfabrikant, wie es schon sein Großvater gewesen war, sondern auch der führende hiesige Privatreeder.

In seinem Leben spiegelt sich die deutsche Wirtschaftsgeschichte. Kaum ein Unternehmer profitierte auf so mannigfaltige Weise von den Bedingungen des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg wie Oetker: von der Währungsreform, die alle Sachwertbesitzer begünstigte, über den Nachholhunger und die Fresswelle, die speziell den Nahrungsmittelfirmen die Kassen füllten, bis hin zu den Steuervergünstigungen für Schiffbau und Wohnungsbau, die Oetker emsig nutzte. Geschickt kaufte er sich in eine Vielzahl anderer Wirtschaftsbereiche ein und übernahm unter anderem die Reederei Hamburg Süd (ursprünglich: Hamburg-Südamerikanische Dampfschifffahrts-Gesellschaft).

Die Oetker-Gruppe, die er in den fünfziger und sechziger Jahren aufbaute, ist ein ungewöhnlich breit gefächertes Konglomerat, wie es keine zweite Unternehmerfamilie errichtet hat. Heute ist der Konzern mit einem Umsatz von mehr als sieben Milliarden Euro nicht nur der größte Nahrungsmittelhersteller in Deutschland, sondern auch der größte Bierbrauer, der zweitgrößte Sektkellerer und der zweitgrößte Transporteur von Containern. Die Condor Versicherung, das Bankhaus Lampe, Luxushotels wie das Le Bristol in Paris und das Brenner’s Park-Hotel in Baden-Baden – all das und noch einiges mehr gehört den Oetkers.

Die Leistung dieses Ausnahmeunternehmers wird nicht dadurch geschmälert, dass er unter günstigen Bedingungen wirtschaften konnte. In den wichtigsten Jahren seines Unternehmerlebens konnte er in der warmen Sonne eines Superbooms agieren, der von 1950 bis zur ersten Ölkrise der siebziger Jahre währte. Rudolf August Oetker nutzte die Chancen. Er war umtriebig wie kaum ein zweiter Wirtschaftsmann, immer auf der Suche nach neuen Geschäftsfeldern.

Er investierte die Backpulver-Gewinne in Filme (Das doppelte Lottchen) und besaß eine Zeit lang die zweitgrößte Fischfangflotte Deutschlands. Er gründete den Ferienflieger Condor, verkaufte ihn allerdings schon bald danach an die Lufthansa. Kapitale Fehlschläge blieben nicht aus. Sein Versuch, sowohl in Deutschland als auch in Italien in den sechziger Jahren eine neue Biermarke (Prinz Bräu) einzuführen, scheiterte kläglich und kostete ihn viele Millionen – Oetker konnte das verschmerzen. Als er Anfang der achtziger Jahre die Leitung der Familienfirma seinem ältesten Sohn August übertrug, konnte RAO (internes Kürzel) auf drei Jahrzehnte zurückblicken, in denen bei Oetker unterm Strich nicht einmal eine rote Zahl gestanden hatte. Der Unternehmer war ein umsichtiger Kaufmann, überdies ein unermüdlicher Leser von Bilanzen und Berichten. Telefonate mochte er nicht.

Nach außen gab er oft den Ahnungslosen, tat so, als blicke er in dem von ihm geschaffenen Konglomerat nicht genau durch (»Das ist alles so kompliziert, das kann einer allein gar nicht mehr verstehen«). Tatsächlich wusste er bis ins hohe Alter genau Bescheid. Von anderen ließ er sich zeitlebens nicht gern in die Karten schauen und verweigerte beispielsweise genaue Gewinnzahlen. Öffentliche Auftritte, die über die jährlichen Bilanzpressekonferenzen und Schützenfeste hinausgingen, mochte er nicht.

Darüber, dass er Offizier (»Untersturmführer«) der Waffen-SS gewesen war, sprach er öffentlich nie. Er spendierte seiner Heimatstadt Ende der sechziger Jahre ein Kunstmuseum, bestand aber darauf, dass es den Namen des von ihm verehrten Stiefvaters Richard Kaselowsky trug. Der war allerdings bis zu seinem Tod nach einem Bombenangriff 1944 Mitglied des exklusiven Freundeskreises des Reichsführers-SS Heinrich Himmler gewesen. Oetkers leiblicher Vater war 1916 in Verdun gefallen, sechs Monate bevor sein Sohn auf die Welt kam.

Der Fortbestand dieser bekanntesten deutschen Wirtschaftsdynastie ist gesichert. Oetker hat in drei Ehen acht Kinder gezeugt. Seinen zahlreichen Nachfahren hat er schon vor Jahren die Anteile an dem Familienkonzern übereignet. Was an Erbschaftsteuern zu zahlen war, ist längst beglichen worden.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 18.01.2007 Nr. 04
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