Rote Armee Russischer Leidensweg

Ein beeindruckendes Buch: Die britische Historikerin Catherine Merridale setzt den Soldaten der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg ein Denkmal.

Kein Land hat im Zweiten Weltkrieg so große Opfer gebracht wie die Sowjetunion. Mehr als 27 Millionen Menschen kamen ums Leben, darunter über acht Millionen Angehörige der Roten Armee. Weite Landstriche waren nach der Befreiung von den Hitler-Armeen verwüstet.

In der offiziellen sowjetischen Geschichtsschreibung wurde nach 1945 der Mythos vom »Großen Vaterländischen Krieg« gepflegt. Hinter dem heroischen Kolossalgemälde verschwand, was der Krieg der Extreme für die einfachen russischen Soldaten bedeutet hatte. Wie hatten sie ihn erlebt, und wie hatte dieses Erlebnis sie geprägt? Diese Fragen rückt Catherine Merridale in den Mittelpunkt ihres Buches Iwans Krieg. Damit betritt die britische Historikerin Neuland, denn in Darstellungen westlicher Historiker standen, wie sie zu Recht kritisiert, bislang die Soldaten der Wehrmacht im Vordergrund. »Iwan aber, der russische Schütze, das Pendant zum britischen Tommy und dem deutschen Fritz, blieb uns ein Geheimnis.«

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Um dieses Geheimnis zu lüften, hat die Autorin in zahlreichen Archiven der ehemaligen Sowjetunion geforscht, Feldpostbriefe und Tagebücher ausgewertet, Berichte der Militär- und Geheimpolizei studiert und darüber hinaus Gespräche mit rund 200 Veteranen geführt. Das Ergebnis ist beeindruckend: Noch nie zuvor sind Leiden und Sterben der sowjetischen Soldaten im Zweiten Weltkrieg so nah, so einfühlsam und zugleich ohne jede Beschönigung beschrieben worden.

Catherine Merridale bestätigt, dass die Rote Armee, trotz mancher Warnungen, vom deutschen Überfall am 22. Juni 1941 gänzlich unvorbereitet getroffen wurde. Entsprechend hoch waren die Verluste in den ersten Kriegswochen. Ganze Divisionen wurden eingekesselt und vernichtet. »Die Lage ist extrem schwierig…«, notierte ein Politoffizier (»Politruk«) am 15. Juli. »Die Deutschen sind überall – vor uns, hinter uns und an den Flanken.« Dass die Rote Armee die schwere Krise überstand, lag laut Merridale weniger an den dramatischen patriotischen Appellen der sowjetischen Führung als vielmehr an der verbrecherischen Kriegführung der Deutschen selbst.

»Stell Dir vor – die Fritzen laufen vor uns davon!«

Augenzeugen berichteten von Massenexekutionen hinter der Front, vom qualvollen Hungertod Hunderttausender russischer Gefangener, von der brutalen Behandlung der Zivilbevölkerung. Was die Zeitungen über die Gräueltaten der Deutschen schrieben, bemerkte ein Soldat im Winter 1941/42, werde durch die Wirklichkeit bei Weitem übertroffen. »Ich war an einigen Orten, wo die Bestien zuschlugen, habe die verkohlten Städte und Dörfer gesehen, die Leichen von Frauen und Kindern, die armen ausgeplünderten Einwohner…« Die Erkenntnis, es mit einem Gegner zu tun zu haben, der einen bisher nicht gekannten, rassistisch motivierten Vernichtungskrieg führte, mobilisierte die letzten Widerstandskräfte. »Die Menschen blicken dem Tod mutiger ins Auge«, hieß es in einem Bericht von Anfang 1942. »Sie wissen, dass sie den Feind bis zum letzten Blutstropfen bekämpfen müssen.«

Die Autorin verschweigt allerdings nicht die drakonischen Maßnahmen, welche die sowjetische Führung ergriff, um die Fronten zu stabilisieren, darunter vor allem den berüchtigten Stalin-Befehl vom 28. Juli 1942, der unter der Parole »Keinen Schritt zurück!« sogenannten »Panikmachern und Feiglingen« harte Strafen androhte. Tatsächlich wurden während des Krieges über 150000 Todesurteile gegen Deserteure vollstreckt. Hunderttausende wurden in Strafbataillone gesteckt, wo ihre Überlebenschance gering war. Überhaupt galt das Leben des einzelnen Soldaten wenig; viele Rekruten wurden, nur mangelhaft ausgebildet und ausgerüstet, an die Front geworfen und regelrecht verheizt.

Eindringlich erzählt Catherine Merridale vom Alltag der Rotarmisten, von ihren Flüchen und Witzen, Liedern und Gedichten, mit denen sie die bedrückenden Kriegserlebnisse wenigstens für Augenblicke zu bannen suchten, aber auch von Raufereien, bei denen häufig Alkohol im Spiel war, von Diebstahl, Hehlerei und Korruption – und nicht zuletzt von der Diskriminierung ethnischer Minderheiten. Der früh einsetzende Prozess der Mythenbildung um die Rote Armee als »Retterin des Volkes« hat diese dunklen Seiten des Fronterlebnisses systematisch ausgeblendet.

Auch im Spiegel der Briefe und Tagebücher wird deutlich, dass die Schlacht von Stalingrad 1942/43 die entscheidende Wende des Krieges markierte. »Ich bin außergewöhnlich guter Stimmung… Stell Dir vor – die Fritzen laufen vor uns davon!«, lautete eine von vielen Äußerungen. Auf ihrem Vormarsch in Richtung Westen stieß die Rote Armee überall auf »verbrannte« Erde, welche die deutschen Besatzer hinterlassen hatten. Viele der zurückeroberten Gebiete waren nahezu entvölkert, zahlreiche Städte und Dörfer dem Erdboden gleichgemacht. Die wenigen Überlebenden hausten in Erdhöhlen. »Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie diese Ortschaften, die noch vor kurzem blühende Gemeinden waren, heute aussehen«, heißt es in einem Feldpostbrief. »Kein Haus ohne Schäden, alles niedergebrannt, und was nicht den Flammen anheimfiel, wurde aus der Luft zerbombt.«

Im Angesicht deutscher Zerstörungswut wuchs der Hass auf die Invasoren, und er verband sich mit dem Wunsch nach Vergeltung. »Jetzt werden wir uns rächen und diesen Bestien das Erlittene heimzahlen«, schrieb ein Soldat im Januar 1945, nachdem die Rote Armee in Ostpreußen deutschen Boden betreten hatte.

Das Rachebedürfnis, das durch die Propaganda noch zusätzlich geschürt wurde, entlud sich zuallererst in Massenvergewaltigungen deutscher Frauen. Die Autorin entschuldigt hier nichts, aber sie macht verständlich, wie es zu diesen Exzessen kommen konnte. Und sie geht hart mit den sowjetischen Militärbefehlshabern ins Gericht, die den Soldaten in den ersten Wochen nach Überschreiten der deutschen Grenze faktisch einen Freibrief für ihre Racheaktionen ausstellten.

Mit ihren traumatischen Erlebnissen blieben die Veteranen allein

Ein Schlusskapitel schildert das traurige Schicksal der Veteranen nach 1945. In der offiziellen Gedenkkultur bediente man sich ihrer als Vorzeigehelden des Sieges über den Faschismus. Doch vielen gelang die Wiedereingliederung ins Zivilleben nicht; man ließ sie mit ihren traumatischen Kriegserlebnissen allein. Ein Einfluss auf die Gestaltung der Nachkriegspolitik blieb ihnen verwehrt.

Catherine Merridale hat ein großes, bewegendes Buch geschrieben. Es setzt den einfachen russischen Soldaten ein Denkmal, und es demonstriert zugleich, was eine Militärgeschichte zu leisten vermag, die sich konsequent auf eine Perspektive »von unten« einlässt. In der Literatur zum Zweiten Weltkrieg wird das Werk künftig einen herausragenden Platz einnehmen.

Iwans KriegPolitisches BuchDie Rote Armee 1939–1945; aus dem Englischen von Hans Günter HollCatherine MerridaleBuchS. Fischer Verlag2006Frankfurt am Main22,90474
 
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