China Die große Lockerung

Chillen, chatten, Dampf ablassen: Pekings Jugend entdeckt den Individualismus.

Zum Zeitpunkt unserer ersten Begegnung hatte Suzy Zhai exakt 293 Freunde, allesamt topmoderne Menschen und die wenigsten von ihnen Chinesen. Hugo sah aus wie ein DJ, Victor wie ein amerikanischer Slacker, Kalle hatte etwas von einem Calvin-Klein-Model. Und jeder schickte regelmäßig ein paar coole Grüße übers Netz. Auch ihr früherer Ehemann war noch immer Teil der elektronischen Bildergalerie, ein belgischer Rockmusiker, den Suzy daheim in Peking kennengelernt und in Schweden geheiratet hatte. Warum sie ihn bis heute auf ihrer MySpace-Seite im Internet führt, weiß sie selbst nicht genau, vielleicht aus statistischen Gründen, vielleicht aus Sentimentalität. Eine interessante Zeit ist es ja doch gewesen mit ihm.

Wir trafen uns in einem Szenecafé am Houhai Lake nördlich des alten Kaiserpalasts, doch weniger der Szene wegen, die sich hier gerade bei ersten Drinks für den Abend aufwärmte. Suzy Zhai hatte es eilig. Gestern war es wieder spät geworden. Zur Begrüßung winkte sie mit ihrem Multifunktionshandy, das sie auch während der folgenden zwei Stunden ungern aus der Hand legte, zwei Stunden, in denen sie flüssig wie in einem Live-Chat von ihrem Job in der Medienindustrie erzählte, den Stars, die sie dabei kennenlernt, den Partys und ihren zahlreichen Internetbekanntschaften. Danach verschwand sie so prompt wieder von der Bildfläche, wie sie gekommen war, um auf dem Weg zur nächsten Fete zu Hause noch eben ihre E-Mails zu checken.

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Peking kann verwirrend sein, wenn man Entwicklungen lokalisieren will, die längst nach globalen Gesetzen funktionieren. Die Stadt brummt wie ihr eigenes Klischee, so viel begreift selbst der Ahnungsloseste sofort. Nichts bleibt, wie es war, überall Telekommunikation, Aufbruch, verkörpert in Einkaufszentren und klotzigen Hochhäusern, auf denen als Zitat oft ein Pagödchen thront. Hinter Zäunen mit sozialistischen Motiven werden über Nacht ganze Stadtviertel dem Erdboden gleichgemacht, um Platz zu schaffen für weitere Zeugnisse einer entfesselten architektonischen Fantasie. Häuser mit Antennenskulpturen oder in Form eines verbogenen Kringels – anything goes. Noch in der schäbigsten Trabantensiedlung öffnen sich Torbögen, die den Weg weisen in eine triumphale Zukunft. Dass sie chinesisch sein wird oder gar nicht, daran scheint keiner zu zweifeln. So will es die Partei, so gebietet es das Wirtschaftswunder, und also geschieht es Tag für Tag.

Abends aber, wenn die Bauarbeiter zurückgekarrt werden in ihre Quartiere, verschwindet Pekings Jugend in einem der neu entstandenen Lokale und klappt bei Lounge-Musik und Cappuccino den Laptop auf. Die Neugier ist riesig, schließlich liegt die Öffnung erst ein paar Jahre zurück, und es gibt so viel nachzuholen. Herzensbildung, Lifestyle, Ballerspiele, alles fühlt sich noch neu an, alles will versucht sein. Also versinkt man in den plüschigen Interieurs der vom Abrissfieber verschonten Altstadtviertel und probiert aus, wie es sich anfühlt, ein xinxin renlei zu sein, ein »brandneuer Mensch«. Wer keinen eigenen Computer hat, loggt sich für ein paar Yuan in einem der wangbas genannten Internetcafés ein, rauchigen Höhlen mit Manga-Postern an den Wänden, in denen die Netzjunkies in Reih und Glied sitzen wie in der Fabrik. Immerhin: Die Bilder und Töne von draußen kommen auch hier hereingeflutet. In den Köpfen treten sie zu neuen Kombinationen zusammen.

Das Ergebnis verblüfft noch mehr als die Hektik auf den Straßen. Nicht auszuschließen, dass der Taxifahrer den Weg ins Hotel verfehlt, in das man zurückwill, womöglich, weil es das Hotel schon nicht mehr gibt. Es kann aber auch passieren, dass man nachts in der Bar auf Menschen trifft, die mehr über die Berliner Elektronikszene der Neunziger wissen als die meisten Berliner Szenegänger. Oder eben 293 Freunde auf MySpace haben. Suzy Zhai findet eigentlich nicht, dass das etwas Besonderes ist, sie ist einfach ein kommunikativer Typ, wird sie bei unserer zweiten Begegnung sagen. Nicht umsonst hat sie mit 18 eine Punkband gegründet, mit 20 als Musikjournalistin gearbeitet, um schließlich zu einem Unternehmen der jungen, aber aufstrebenden Pekinger Kulturindustrie zu wechseln. Die Familie, seit Jahrhunderten im Dienst der Regierung, hat das nicht amüsiert, aber Familien, sagt Suzy, sind im China von heute auch nicht mehr alles. Ihre erotischen Erfahrungen sieht sie in einem Faßbinder-Film ausgedrückt: Liebe ist kälter als der Tod. Ihre gesamte Lebenserfahrung spiegelt ein Stück der britischen Band Suede: Everything Will Flow.

Es sind Mittzwanziger wie Suzy Zhai, in denen die kulturelle Seite von Chinas Aufbruch Gestalt und Glamour annimmt. Die Umwälzungen der Sechziger kennen sie nur noch vom Hörensagen, die Kulturrevolution lag vor ihrer Zeit. Als die Demokratiebewegung niedergeschlagen wurde, besuchten sie den Kindergarten. Groß geworden sind sie mit einem lang anhaltenden wirtschaftlichen Aufschwung, der ihnen Mobiltelefone und andere Spielzeuge des elektronischen Zeitalters bescherte. Anders als ihre traditionellen Eltern lieben sie Pizza und McDonald’s, kaufen in Second-Hand-Boutiquen, wissen, was »chillen« bedeutet und kennen Yahoo. Mit englischen Vornamen ausgerüstet, flirten sie mit Ausländern, nicht weil sie sich unterlegen fühlten, sondern weil Ausländer einfach süß sind und man mit ein wenig Geschick einiges von ihnen lernen kann. Im Notfall helfen DVDs weiter, die an jeder Straßenecke zu haben sind. Der Renner: koreanische Serien und Sex And The City.

Leser-Kommentare
    • lef
    • 11.05.2008 um 22:19 Uhr

    es ist nicht Individualismus, von dem hier die Rede ist, sondern Individualität.Individualismus ist das rein egoistische Streben zum "Unverwechselbarsein",hier wird jedoch  "Individualität" beschrieben, also ziemlich genau das Gegenteil.Individualität basiert auf  Empathie, emotionaler Intelligenz und (u.A.) auch dem ausgewogenen Verhältnis zwischen Altruismus und Egoismus - und genau das finde ich in den vielen Beispielen wieder.Solche Individualität ist übrigens auch die Basis für Kreativität und Innovationsfreudigkeit - was ja besonders Chinas urbane Zentren in hohem Maße auszeichnet.

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  • Quelle DIE ZEIT, 18.01.2007 Nr. 04
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