Demokratie Wenn das Volk zweifelt

Glauben Sie noch an die Demokratie? Gespräche mit vier Skeptikern.

Wenn er über den Stadtteil spricht, in dem er erst groß und dann alt geworden ist, dann fällt er in den Jargon der Frontberichterstattung. Deutsche gegen Türken, Häuser »kippen«, ganze Straßenzüge »fallen«, erst zieht eine türkische Familie ein, nach vier Jahren wohnt da kein Deutscher mehr. Inzwischen sind, aus deutscher Sicht, die meisten Straßen gefallen. Auf hundert Metern kann man leicht drei türkische Bildungs-, Kultur- oder Jugendclubs passieren, Einzelhandel und Dienstleistungen sind fest in türkischer Hand, als letzter Hort des Deutschtums hält sich noch »Blondi’s Frisierstube«.

Findet er, dass Deutschland unter Überfremdung leide? »Ja, ja, ja.«

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Der Mann, der so spricht, ist Rentner; technischer Angestellter war er einmal. Sein Name soll hier nicht genannt werden, so wenig wie jene der anderen Interviewten – manches Bekenntnis ist eben nur anonym zu bekommen. Über den Rentner ließe sich sehr Unterschiedliches sagen. Eine neue Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung deutet die Angst vor Überfremdung als typischen Indikator einer rechtsextremistischen Gesinnung, die längst die Mitte der Gesellschaft erfasst habe – in Bayern beispielsweise schon 42 Prozent der Einwohner. Natürlich ist dieser Vorwurf an die Adresse des Rentners abwegig, und das nicht nur, weil er seine politischen Überzeugungen auf die knappe Formel »Helmut Schmidt« bringt. Als Vorsitzender eines Beirats für Stadtteilentwicklung zählt er zu den Stützen einer demokratisch verfassten Gesellschaft, als Mitarbeiter in einer Arbeitsgruppe für Integration und Bildung, die unter anderem eine Initiative »Deutsch auf dem Schulhof« gestartet hat, ist er zudem ein Vorkämpfer einer modernen Integrationspolitik. Mindestens zwei Abendtermine pro Woche trägt ihm sein ehrenamtlicher Einsatz im Dienste seines Stadtteils ein, für den er vielfach ausgezeichnet wurde.

Andererseits, einen kurzen Flirt mit einem örtlichen Rechtspopulisten, der die politische Bühne inzwischen längst wieder verlassen hat, räumt er ein. Nein, eine Protestwahl war das damals nicht; mit seiner Ankündigung, »Scheinasylanten« und kriminelle Ausländer in ihre Schranken zu weisen, habe der Mann damals im Stadtteil wirklich Hoffnung auf Besserung geweckt.

Inzwischen ist diese Hoffnung dahin. Immer fremder wird ihm seine Heimat. »Das ist nicht aufzuhalten«, sagt er. Was dieser Satz für ihn selbst bedeutet, lässt sich erahnen, wenn man erlebt, wie er auf offener Straße ins Flüstern verfällt, als er auf seine türkischstämmigen Mitbürger zu sprechen kommt.

Auf eine Unterscheidung legt er freilich Wert: Mit Extremismus hätten seine Vorbehalte nichts zu tun. Und die »Republikaner« hätten vergeblich versucht, im Stadtteil Fuß zu fassen. »Die hat nie jemand ernst genommen.«

Was bedeutet es für die Demokratie, wenn der Populismus selbst überzeugte Demokraten in Versuchung führt?

Der krude Faschismusvorwurf einer linken Soziologie an die Adresse ihrer politischen Widersacher ist nicht mehr ganz der Stand der Debatte. Ein neues Schlagwort macht die Runde: Postdemokratie. Die westlichen Demokratien haben nach dieser Lehre ihren Zenit überschritten; kapitalkräftige Lobbygruppen, illegitime Expertengremien, Umfragen und Fokusgruppen drängen allenthalben die Bedeutung der Wahlentscheidung zurück. Der Rückgang der Wahlbeteiligung, der Ansehensverlust der Politik, das Auseinanderklaffen der Zustimmungswerte für Theorie und Praxis der Demokratie in den Umfragen – all das gilt als Indiz für einen Niedergang der Demokratie selbst.

Der Fall des Rentners, der die Zuwanderungsprobleme seines Stadtteils für unlösbar hält, würde die Anhänger dieser Verfallslehre wohl in ihren Ansichten bestärken. Denn wie soll das auf Dauer gut gehen: dass überzeugte Demokraten an der Fähigkeit gewählter Regierungen zweifeln, wichtige Probleme ihres Landes zu lösen?

Augenscheinlich erfasst dieser Zweifel die politische Mitte. Der Wirtschaftsprüfer ist jung, unter 40, zugleich Anwalt und Steuerberater in dritter Generation. Er sieht Deutschlands Wirtschaft im Niedergang begriffen, trotz des kleinen Konjunkturhochs, das gerade die Stimmung aufhellt. Seine Ansichten wirken umso eindringlicher, da er sie mit der ruhigen Autorität des Fachmanns vorträgt, der 600 mittelständischen Betrieben in die Bücher schaut. Wenn er doch einmal in die Sprache des marktradikalen Alarmdiskurses verfällt, dann scheint er selbst überrascht. »Vollkaskomentalität«, sagt er etwa und hält erschrocken inne, wie um das Wort von allen Seiten zu betrachten. »Ja, das ist eine präzise Beschreibung.«

In der Sache sagt er wenig, das nicht auch die Merkel-Westerwelle-Opposition gegen Ende der Ära Schröder thematisiert hätte. Die Steuerlast, die jede Initiative lähmt. Die missglückte Unternehmenssteuerreform der rot-grünen Koalition. Unternehmer, die keine Nachfolger finden. Banken, die angesichts der Gewinnerwartungen vor dem Schritt in die Selbstständigkeit warnen. »Dann bleiben sie doch lieber angestellt« – diese Empfehlung habe sich mancher seiner Mandanten anhören müssen.

In der Politik erkennt er nach Schröders Scheitern keinerlei Neigung zu weiteren Reformversuchen. Und dabei, setzt er hinzu, habe die Deindustrialisierung doch gerade erst begonnen. Der eigentliche Strukturwandel stehe ja noch bevor.

Man käme nicht darauf, wenn man ihn so reden hört, dass in dem Wirtschaftsprüfer ein verhinderter Sozialdemokrat steckt. Vater und Großvater trugen mit Stolz das goldene Parteiabzeichen; er wäre vermutlich gerne in der SPD, wenn sich das mit seinen Ansichten vereinbaren ließe. Vom »Volkssport Steuersparen« und von der Gier seiner Mandanten, die sich mit waghalsigen Steuermodellen ruinierten, spricht er ohne Sympathie. Allerdings hält er ihnen zugute, dass die hohe Steuerlast und die Vielzahl der versteckten Abgabenerhöhungen die Steuermoral ausgehöhlt hätten.

Wie der Rentner im deutsch-türkischen Stadtteil, der den Verlust seiner Heimat beklagt, sieht sich der Wirtschaftsprüfer als Opfer einer Art von Enteignung. Natürlich, sagt er, lebe er davon, seinen Mandanten im ständig wuchernden Dickicht des Steuerrechts den Weg zu weisen – insofern könne er sich über das Treiben der Bundesregierungen in den vergangenen Jahrzehnten nicht beklagen. Nur sei ihm dabei das Gefühl abhanden gekommen, etwas Sinnvolles zu tun.

Zur Wahl geht er als »taktischer Mitte-Wähler«, zähneknirschend, aus Prinzip, aber ohne Hoffnung auf Besserung.

Wieder ein Demokrat, der nicht mehr an die Demokratie glaubt – aber sollte man ihn selbst darum für eine Gefahr halten? Absurder Gedanke. Er würde es so nicht ausdrücken, aber man kann ihn ohne Weiteres als Verfassungspatrioten bezeichnen. »Die Freiheit des Einzelnen, so wie sie die Grundrechte garantieren sollen«, sagt er, »entspricht auch meinen inneren Überzeugungen. Das ist etwas, das mir persönlich wichtig ist.«

Die Deutschen sind gute Staatsbürger – jedenfalls im Prinzip

Im Prinzip sind die Deutschen gute Demokraten; die Autoren der Friedrich-Ebert-Stiftung messen für die parlamentarische Demokratie sogar Zustimmungswerte über 90 Prozent – ein Befund, der seltsam unverbunden zwischen ihren schrillen Extremismuswarnungen steht. Allerdings, so jedenfalls behauptet es die Lehre von der Postdemokratie, verlören die Parlamente an Legitimität, weil sie um besserer Ergebnisse willen Entscheidungen an mangelhaft legitimierte Expertengremien delegierten. Wer dem Rentner und dem Steuerberater zuhört, für den liegt ein anderes Urteil nahe. Nicht die Art ihres Zustandekommens, sondern die Qualität der Entscheidungen selbst könnte es sein, sei es nun in der Ausländer- oder in der Steuerpolitik, die Zweifel an der Demokratie sät. Und würde eine bessere Einbindung von Experten daran etwas ändern, dann könnte die Politik, die dieses Resultat erzielt, sich der Zustimmung der beiden sicher sein.

Über Mangel an Einfluss sollte der Arzt nicht zu klagen haben. Als Gesundheitsexperte ist er mit eineinhalb Jahrzehnten klinischer Erfahrung und seinem Studium für das Gesundheitsmanagement so hoch qualifiziert wie wenig andere. Und er ist dahin vorgedrungen, wo die Entscheidungen fallen, ins Management einer großen Klinik. Sein einziges Problem: Er kann an den Verhältnissen in seinem eigenen Betrieb, die er als Anhäufung himmelschreiender Missstände betrachtet, nicht das Mindeste ändern.

Wer ihm zuhört, der staunt, wie einfach sinnvolle Reformen im Gesundheitswesen wären. Und wer ihm länger zuhört, der versteht, warum all diese Vorschläge absolut unrealistisch sind.

Welche Patienten, fragt der Mediziner, brauchen die erfahrensten Ärzte? Natürlich die neu eingelieferten Notfälle, für die es auf Minuten ankommt. Leider geht aber eher ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Chefarzt sich herabließe, in der Notaufnahme Dienst zu tun, wo gewöhnlich Praktikanten und Assistenten beschäftigt sind. Und dass das so ist und immer so bleiben wird, genau wie vieles andere im Gesundheitswesen so sinnlos bleiben wird, wie es ist und immer war, das hat ihn im Lauf der Jahre an seinem Beruf und seinem Land verzweifeln lassen.

Erzeugt das Unbehagen an der Politik die Probleme? Oder ist es umgekehrt?

Wenn er sich in Rage redet, dann lässt der Arzt am Gesundheitswesen kein gutes Haar. Medizinische Leistungen, von denen jeder wisse, dass sie sinnlos seien (»künstliche Kniegelenke für Leute, die nie wieder aufstehen werden«). Die steilen Krankenhaushierarchien und die Charakterdeformationen, die sie verursachen. Die Auslagerung von Klinikleistungen in teure Praxen, die dann die schwierigen Fälle doch zurück ins Krankenhaus schicken. Die absurden Arbeitszeiten der Klinikärzte, die chronisch übermüdet auf Leben und Tod Entscheidungen treffen müssten. Die Flucht der Kollegen.

»Die besten Leute«, sagt er, »setzen sich entweder mit Ellbogen an die Spitze und fahren mit dem 7er-BMW in ihre individuelle Zukunft. Oder sie gehen ins Ausland.«

Kein Wunder, dass dieser Mann dem politischen Betrieb, der all das duldet, wenig Sympathie entgegenbringt. Die Politik, sagt er, müsse man eigentlich öffentlich verhöhnen, »weil sie scheinbar kein Problem damit hat, ständig als Hure für irgendwelche Partikularinteressen benutzt zu werden«.

Der Arzt, könnte man sagen, hängt der Lehre vom postdemokratischen Verfall unseres Gemeinwesens an. Die Pointe ist bloß: Er selbst geht immer zur Wahl.

Wenn es die ungelösten Probleme selbst sind, aus denen sich die Zweifel an der Demokratie speisen, sind dann Bürgerinitiativen die Lösung? Colin Crouch, Cheftheoretiker der Postdemokratiedebatte, würde heftig widersprechen. Aus seiner Sicht weist außerparlamentarisches Engagement auf eine »Abkehr von der Politik« hin; zudem nütze es denen, die sich am besten artikulieren können, während, so sieht er es, der demokratische Streit die Waffengleichheit aller Bürger voraussetze.

Was würde Crouch wohl von einer Initiative wie jener des Anwalts halten? 71 Jahre ist er alt, Verwaltungsjurist; als Entwicklungshelfer hat er sein Wissen in weiten Teilen der Welt zum Aufbau demokratischer Staaten eingesetzt. Daheim aber, im eigenen Land, widmet er sich einem hoch professionellen Versuch, der Politik mit privater Initiative auf die Sprünge zu helfen. Reichlich ausgestattet mit dem Geld wohlhabender Gönner, will er den gewählten Parlamenten der Welt unentgeltlich wissenschaftliches und juristisches Fachwissen zur Verfügung stellen, vorgetragen mit der Autorität weltweit anerkannter Experten.

Was ist das: Die unerwünschte Einflussnahme einer demokratisch nicht legitimierten Lobby? Oder eine »unkonventionelle Form politischer Partizipation«, wie es die Demoskopen der Forschungsgruppe Wahlen wohl formulieren würden, die den Bundesbürgern vor nicht allzu langer Zeit jedenfalls subjektiv wachsende Möglichkeiten der Teilhabe am demokratischen Prozess bescheinigten?

Der Anwalt selbst legt auf diese Unterscheidung wenig Wert. Für ihn stehen die Probleme im Mittelpunkt seiner Überlegungen, die zu lösen er dem Bundestag ohne Hilfe von außen nicht mehr zutraut. Umweltprobleme sind es vor allem, aber auch Globalisierungsfolgen, Armut und Unterentwicklung. »Den politischen Akteuren«, glaubt er, »ist es nicht möglich, entscheidende Veränderungen hinzubekommen.« Wer sich in Parteien engagiere, reibe sich auf im Kampf um Macht. Nicht die Demokratie sei das Problem, sagt er. »Es ist die Art und Weise, wie die Demokratie praktiziert wird.«

Zur Wahl geht er trotzdem. Wie der Rentner, der Wirtschaftsprüfer, der Arzt tut er das voller Unbehagen.

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Leser-Kommentare
  1. Ich verstehe Vernunft und Glaube nicht als gegensätzlich oder getrennt voneinander. Die Religionsstiftungen als holistische Erziehungsprogramme der Menschheit betrachtet, heben diese erst auf ein Niveau der Vernunftfähigkeit und damit zur Befähigung gemeinschaftliche Wertekodexe zu differenzieren. Glaube heißt so abstrahiert Gemeinschaft der Vernunftwerte. Die Gemeinschaft steht hier im Mittelpunkt. Diese Wertegemeinschaft war einmal das theokratische Zentrum der Gesellschaft und seine Erfüllung bei den Christen die Verwirklichung der Gottessohnschaft und des Menschseins in dem Beziehungsbegriff Kinder Gottes. Gott war hier keine Statue noch ein Bild noch ein intellektuelles Funktionssystem; er war eine transzendente Beziehungsganzheit, der der Mensch nur in einer Art von frommem Leben nahe kam. Heute ist Gott im Leben der Menschen weitgehend entthront. Es zählt nun nur mehr das Ich, das Gesetzt, Intellektualität und Funktionieren. Maximale Freiheit des Ich, Intellektualität, Ellenbogen und die Freiräume oder Lücken des Gesetzes bei Marginalisierung der Gemeinschaft, dass ist die heutige Konstellation der Welten, in der die Partikularinteressen immer rücksichtsloser um Reichtum und Macht kämpfen. Es ist klar, dass ich unter der Vernunft weit mehr verstehe, als die geregelte existentielle materialistische Orientierung. Vernunft ist mir mit Jesus von Nazareth eine revolutionären Vision; die Versetzung des Gemeinschaftsmenschen in eine höhere Klasse des Erziehungsprogramms. Nur, er weigert sich beharrlich, der Bengel, er denkt immer noch, full spectrum dominance und overkill, biologische Waffen, Geheimdienste, Plutokratie und das Alles sei die höchste Vernunft von Gottes Gnaden.

    • Jahey
    • 20.01.2007 um 11:20 Uhr
    2. Danke!

    Vielen Dank für diesen Artikel!

    • iceman
    • 20.01.2007 um 21:53 Uhr
    3. P.S.

    Ich entschuldige mich bei arnoldlayne für meine 'undifferenzierte Rechthaberei', meine unintelligenten Kommentare und meine Unsachlichkeit.
    Nur gut, dass es Leute gibt, die über den Dingen stehen und uns mit ihrer hohen Sachkompetenz die Richtung weisen.
    Danke!

    • iceman
    • 21.01.2007 um 10:04 Uhr

    Meine Intention war, die etwas einseitige Diskussion etwas aufzubiegen.
    Was mich am altlinken Gedankengut so nervt ist, dass Kapitalismusprobleme beklagt werden, die durch eigenes Versagen erst fahrlässig herbeigeführt wurden.
    Wenn der dt. Arbeitsmarkt über Jahrzehnte hinweg 'zugeballert' wurde mit billigen und kaum qualifizierbaren Arbeitskräften, dann braucht man sich über Dumpinglöhne nicht zu wundern (klarer Fall von Angebot/ Nachfrage), und auch nicht über die Belastungen des Sozialsystems, die daraus steigende Staatsverschuldung, und die daraus folgende Unfähigkeit des Staates, flächendeckend Kinderbetreuung auf hohem Niveau zu finanzieren.

    Der deutsche Niedergang hat viele Ursachen, natürlich, aber die überragenden Hauptprobleme waren und sind schlechte Kinderbetreuung und schlechte Zuwanderung.
    Als überzeugter Anhänger des skandinavischen Modells lehne ich die radikalliberale Gesinnung mit echter Empörung ab, und halte sie moralisch für tief verwerflich und zerstörerisch, fühle mich aber auch einem gesunden Patriotismus verpflichtet (unser Land müssen wir selber regieren, das macht kein anderer für uns).
    Als agnostischer Buddhist pflege ich das Mitgefühl gegenüber allen lebenden Wesen, aber ich fühle mich auch dem gesunden Menschenverstand verpflichtet, weil meine ethischen Werte auf rationaler Basis und Erkenntnis beruhen, und nicht auf naivem Wunderglauben.
    Es gibt Ursachen und es gibt Wirkungen, und sie zu benennen hat nichts mit Diskriminierung zu tun.
    Wie stark manche Kommentatoren von der liberalen Presse beeinflusst wurden, das zeigt sich sogar am Vokabular, wenn denjenigen, die ein Problem im Zuzug von jährlich 5 Divisionen Bekopftuchter sehen, die 'Dämonisierung' von Migranten vorgeworfen wird (komisch, den Ausdruck fand ich vor kurzer Zeit in einem Artikel von Jörg Lau).
    Die oft selbstgewählte Abschottung wachsender Parallelgesellschaften lässt vermuten, dass es vor dem Hintergrund von Bildungsverfall und Überalterung noch sehr grosse Konflikte geben wird.

    Möglicherweise kann man nur noch versuchen, die Gesellschaft durch gezielte Frühförderung friedlich zu halten.
    Nichts spricht dafür, dass man kognitive Intelligenz - die uns so sehr fehlen wird - durch veränderte Schulstrukturen und Lehrpläne wesentlich wird heben können, aber vieles spricht dafür, dass eine Steigerung der emotionalen Intelligenz möglich ist (durch Rollenspiele und kindgerechte Meditationsformen in Kindergarten und Schule).
    Nicht jeder kann durch Geistesübung zu einer höheren rationalen Begabung geführt werden, aber jeder kann lernen, glücklich und friedlich zu sein - und die moderne Gehirnforschung liefert dafür schlagende Beweise.
    Die Amis sind - wieder einmal - weiter als wir, da werden mit staatlichen Mitteln Projekte gefördert, die eine Steigerung von Mitgefühl und Selbstkontrolle bei Kindern zum Ziel haben.
    Das ist wesentlich mehr als plumpes Antiaggressionstraining, bei dem jemand lernt, mit Aggressionen 'umzugehen'.
    Es ist besser, negative Emotionen gar nicht erst entstehen zu lassen (dann sind auch persönliche Beleidigungen weniger interessant).

    • self22
    • 21.01.2007 um 12:38 Uhr

    leider hatte ich den eigentlichen Teil übersehen, also alles zurück...

  2. du stellst in deinem post eine reihe von zusammenhängen her, von denen ich nicht glaube, dass sie den test an der realität bestehen.
    die rechnung, die du anzustellen versuchst geht nämlich schlicht nicht auf. also, deine argumentation as follows: über jahrzehnte sind unqualifizierte arbeiter nach deutschland eingewandert und haben hier die löhne für sich und ihre deutschen kollegen gedrückt ('angebot/nachfrage') bzw. haben sie ganz aus dem job gedrängt und so die arbeitslosigkeit erhöht - folglich die merhbelastung für unsere sozialkassen. daraus wiederum folgten hohe staatsverschuldung und damit die unfähigkeit des staates ein bildungssystem zu finanzieren, dass qualifizierte deutsche köpfe hervorbringen könnte. so sollte ich dich verstehen, richtig?

    nun, punkt für punkt:
    die (gast-)arbeiter, die in so hoher zahl nach deutschland geholt wurden, haben hier zu dem entsprechenden zeitpunkt,
    wie du ohne zweifel selber weisst, einen echten bedarf gedeckt. sie haben keine deutsche arbeit ersetzt und wurden
    entsprechend der deutschen tarifverträge (ja, damals in den zeiten der real-existierenden tarifautonomie) entlohnt.
    der lohndruck (und das ist eine wirklich seltsame annahme, die du da kundtust) entsteht heute, weniger als je zuvor
    im inland!
    was die sozialkassen angeht: hierzu braucht man nichtmal den blick in die weite welt der globalisierung zu werfen, um
    zu ganz anderen schlussfolgerungen zu kommen. a) rente: die übernahme von millionen von ostdeutschen in das renten-
    system der brd hat dabei den nahenden kollaps ganz alleine herbeigeführt, dazu brauchte es weder demographie noch arbeitslosen migrantennachwuchs;
    b) arbeitslosenversicherung/sozialhilfe: siehe oben - ich meine, das ist sicherlich eines der kompliziertesten gebiete
    der wirtschafts- und sozialpolitik, handliche schlussfolgerungen scheinen mir da seltsam über-simplifiziert; c) gesundheit: aus aktuellem anlass, dazu keine stellungnahme (nur n par stichworte: verwaltungskosten, pharmalobby und verschreibungspraxis/ kosten von/für medikamente, steuerfinanzierung).
    ganz grundsätzlich kann man wohl behaupten, dass, wenn man erstmal deine einstiegsannahme beerdigt hat, dass sich arbeitslosigkeit und lohndruck auf unqualifizierte arbeitsmigranten zurückführen lässt, sich unser beitragszahler-leistungsempfänger-defizite auf jedem dieser gebiete auf strukturfehler zurückführen lässt, die weder durch 'gesunden patriotismus', noch eine beschwörung von iq-durchschnittswerten beheben lassen.
    was die staatsverschuldung angeht: naja, auch hier würde wohl jeder experte zu allererst auf die lasten des innerdeutschen sozialtransfers verweisen; und die folgen für die finanzielle misere des bildungssystems sind wohl auch eher auf politischen willen als überschuldete haushalte zurückzuführen - immerhin können wir uns ja auch weiterhin heimische kohle, eine defizitäre landwirtschaft und eurofighter leisten.

    dein abgesang auf deutschland ('der deutsche niedergang') greift deshalb, meines erachtens nach, auf falsche annahmen zurück.
    ich stimme dir zu, dass unser größtes problem zur zeit, ein völlig desaströses bildungssystem ist; und ja, die skandinavischen länder sind da augenscheinlich auf einem
    besseren weg als wir. tatsache aber ist, dass wir uns die sozio-kulturellen umstände, in denen bildung in diesem land stattfinden muss, nicht aussuchen können.

    noch schnell was zu deiner setsam bekannt-klingenden schelte der 'liberalen' medien. ungeachtet der tatsache, dass ich annehme, dass du die 'zeit' liest weil die anderen medien noch abstrusere ansichten vertreten, scheint es mir eine seltsame schlussfolgerung, wenn du behauptest, andere kommentatoren (nicht-liberale?) seien bereits beinflusst (umgedreht?) worden. damit implizierst du a) eine gezielte (vielleicht sogar konspirative) liberale medienkampagne (von wem genau und mit welchem ziel, würd die denn nun aber geführt); und b) dass besagte kommentatoren nicht vielleicht einfach eine meinung vertreten, zu der sie kraft eigener vernunft/schlussfolgerung gekommen sind.

    beste grüße und danke für die erfrischende diskussion

  3. Noch liegt Deutschland nicht am Boden und zur Zeit wuerde ich schaetzen, dass noch einige andere Staaten 'fallen', bevor es Deutschland trifft!

    Von Ihnen hoere ich immer nur 'Deutschland, Deutschland, bald kann es uns schlecht gehen usw.'

    Was ist mit dem Rest der Welt?

    Auf Dauer wird es Deutschland nur gut gehen, wenn es dem Rest der Welt auch gut gehen wird!

    Sie, mit ihrer Intelligenz und ihrem Wissen, sollten sich dieser Frage viel mehr widmen, als immer nur 'Deutschland' zu schreiben!

    Sie sehen: da schreibt ein Sozialist, bzw. Kommunist; ich bin aber jemand anderes!

    Fuer mich sind es die grossen Religionen, die kein Interesse daran haben, dass es allen Menschen gut geht!

    Die Religion ist wichtiger als die Nation!

    Meine Religion ist, dass der Mensch irgendwann die Erde verlaesst, ins All geht, sich staendig weiterentwickelt, geistig und moralisch!

    Deswegen duerfen mich die Christen, Muslime usw. gerne als ihren Feind betrachten!

    Ich halte den Glauben an einen vollkommenen Gott, der jetzt existieren soll und schon immer existiert haben soll, fuer ausgemachten Unsinn, Jesus fuer ein Kind seiner Zeit, Mohammed fuer kriegerisch, unduldsam!

    Ich bete zu Gott, dass er einst sein wird, dadurch, dass ihn intelligente Wesen verwirklichen!

    Ob die Menschen dazu wesentlich beitragen werden, daran habe ich so meine Zweifel!

    Ich zumindest werde meinen Beitrag leisten, solange ich lebe!

  4. 8. Danke!

    Ein grosses DANKE! Und es hört sich an wie die Aussagen holländischer und französischer Bekannten zu den Zuständen in ihren EU Ländern. Da hilft eben auch kein EU-Verfassung...

    Partei- und Führungspolitiker aller europäischen Länder(alles Folgende ist völlig religionsfrei gemeint):
    Wer nicht Augen hat zu sehen und nicht Ohren hat zu hören der/die soll 40 Tage in die Wüste gehen - oder mit Antoine de Saint-Exupéry's 'Der kleinem Prinz' gesagt: 'Ihr seid verantwortlich für die, die ihr euch vertraut gemacht habt'.

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