Rummelplatz für harte Männer

Herbie aus Frankfurt kommt jeden Nachmittag. Er hievt sich aus dem Auto, einem alten Ford, an dem kein Teil zum anderen passt. Schmeißt die Tür zu und zieht sich die fünf Treppenstufen zum Pub hoch, bevor er seine 200 Kilo auf einen Barhocker fallen lässt. Dann sitzt er da, trinkt Rum und starrt vor sich hin, das Gesicht eine Kraterlandschaft aus Furunkeln, Barthaaren und geplatzten Adern. Manchmal schlägt er fluchend auf den Tisch und brüllt: »Verdammtes Cracow, wie bin ich hier nur hergekommen?« Springt auf, poltert die Treppen runter, plumpst in den Ford und kurvt die 300 Meter bis zu seinem Haus in Schlangenlinien. Seit sechs Jahren lebt der Deutsche hier und wundert sich, dass er ausgerechnet am Rande des australischen Outbacks gestrandet ist.

Denn Cracow ist eine Geisterstadt. Ein Friedhof des Rausches, der aus Gold war, früher 4000 Einwohner, heute vielleicht 20. Aussteiger, Sozialhilfeempfänger, Alkoholiker leben dort: »Roger the Shitter« bewirft Menschen, die ihn beleidigen, mit seinen Fäkalien. Die alte Violet, deren Vater in der Mine gearbeitet hat, ist mit ihrem verrückten Sohn einfach hier geblieben, als die Stadt sich leerte.

Dick, der schildkrötenhafte Rentner, ehemals angestellt beim Gartenamt an der Goldküste, zog nach Cracow, weil es billig war. Und seit neuestem wohnen am Dorfrand auch wieder ein paar Dutzend Minenarbeiter, die meisten kommen von der Küste, leben in mobilen Containern, bauen ab, was noch da ist, und in ein paar Jahren ziehen sie weiter. Cracow ist wieder Goldgräberstadt und doch ein Nicht-Ort im staubigen Herzen von Queensland, dessen Lage man vor allem nach der Richtung beurteilt, aus der man kommt. Dann ist Cracow entweder das »Tor zum Outback« oder das »Tor zur Sunshine Coast«.

Heute tut sich was. Anders als sonst zuckelt nicht jede halbe Stunde ein Rinderlaster oder staubbedeckter Wohnwagen durch den Ort. Nein, alle paar Minuten hält ein Auto an der Hauptstraße, einem an den Rändern ausgefransten Asphaltstück, in das die Erde ihre Zähne schlägt, ockergelb wie Linsensuppe. Verbeulte Jeeps und Pick-ups, Toyotas und Dodges in langen Reihen. Sie spucken Menschen zwischen zugenagelten Holzhäusern mit Schindeldächern aus, deren Schilder die Zeit ausgewaschen hat: Bank, Billard-Saloon, Schuhmacher, Fleischer, Supermarkt. Nach und nach lässt die Ankunft der Fremden, die wie Statisten in Spiel mir das Lied vom Tod wirken, die Bevölkerung auf ein Zwanzigfaches anschwellen. Heute ist der Tag der Tage in Cracow: Fred Brophy stellt sein Boxzelt auf. Das letzte Boxzelt Australiens.

»Die anderen haben jetzt Karussells«, schnauft Fred, »aber alles, was ich immer wollte, war kämpfen.« Sein Zelt ist ein Relikt der Pionierzeit, ein Anachronismus in der modernen Unterhaltungsindustrie, doch noch immer Rummelplatz für harte Männer. In ereignisarmen Outback-Gemeinden will keiner diesen Höhepunkt des Jahres verpassen.

Das Prinzip ist immer das gleiche: Die Bewohner fordern die Boxer heraus, als Gewinn locken ein paar Dollar und viel Ehre. Bis in die siebziger Jahre zogen mehr als ein Dutzend der mobilen Boxringe durch die Provinz, jetzt ist es nur noch einer: Brophys Boxing Troupe.

Im Eingang des Pubs steht der, dessentwegen sie alle kommen. Fred Brophy, die Legende, hat einen Hut auf und die Daumen in die Gürtelschlaufen gesteckt. Er drückt dem Besucher ein kaltes Bier in die Hand, schiebt ihm einen Barhocker hin. Long drive, eh, das stimmt immer. Egal, aus welcher Richtung der Gast kommt, er hat mindestens eine Stunde Fahrt hinter sich, so weit ist jeder nächste Ort entfernt.

50 Kilometer die Schotterpiste runter wohnen nicht viel mehr als eine Hand voll Menschen an einer Straße, aber es ist eine Stadt mit Supermarkt und Tankstelle.

Cracow dagegen ist nicht mal ein Dorf, sondern einfach nur eine Ausbuchtung an der Durchgangsstraße. Im Mittelpunkt der Pub mit ein paar Nebengelassen, der einzige Pub weit und breit. Nun gehört er Fred Brophy, der Boxkönig ist jetzt auch König von Cracow. Breitbeinig sitzt er auf einem Barhocker, von der Decke baumeln alte Boxhandschuhe, Fischreusen, ausgestopfte Krokodile, Spinnweben. Freds Bauch schwappt über den Gürtel, er nimmt einen Schluck Rum-Cola: »Ich wollte einfach einen Pub kaufen, einen guten australischen Pub, und das war der billigste im ganzen Land, Mann.« Gebaut 1937, auf dem Höhepunkt des Goldrauschs, mit einem langen Holztresen, einer Veranda, mit einem Billardtisch, zwei Einschusslöchern und fünfzehn Zimmern darüber, zehn Dollar die Nacht.

Er hat hier einen Anker geworfen nach dem Leben auf der Straße, mit siamesischen Zwillingen, kopflosen Frauen und tätowierten Schweinen.

Mit 16 hat er sich an seiner ersten Zeltshow versucht, Fred Brophys Psychedelic Mice Circus, zwei Dutzend weiße Mäuse bunt gefärbt und in eine Spielzeugeisenbahn gesetzt. Dann kam die Veterinäraufsicht, der Tierarzt hob die Mäuse hoch, zusammen mit dem Wagen. » Ich hatte sie alle festgeklebt«, sagt Fred und grinst. Das war das Ende seiner Karriere als Mäusedompteur. Danach lag Boxen nah, denn das hat er eigentlich schon immer gemacht, Boxen ist hier wichtiger, als gute Schulnoten zu haben.

Seit drei Jahrzehnten zieht Fred mit seinem eigenen Boxzelt durch das Outback. Jetzt ist er 53. Nicht mehr jede Woche, aber mindestens einmal im Monat kommen aus allen Richtungen seine Boxer zusammen, eine Hand voll Bankräuber, Bauarbeiter und Kneipenschläger. Sie machen sich auf den Weg, im Anhänger ein blaues Zelt, von einem Jahrmarkt zum anderen, von Pferderennen über Landwirtschaftsshows zu Rodeos. Nach Boulia, Mount Isa, Birdsville, Longreach, Orten, deren Namen allein schon nach Schweiß riechen und nach Schafen, nach Whiskey und Einöde.

Nur um New South Wales und Victoria machen die Boxer einen Bogen, da verlangen die Gesetze einen Arzt, eine Klimaanlage und Runden, die drei Minuten lang sind. Fred winkt ab, »das ist das Outback hier, Mann. Ich ändere mein Boxzelt doch nicht für eine Regierung und für irgendwelche dämlichen Politiker.« Und so treten Brophys Boxer noch immer so an wie zur Pionierzeit: Mann gegen Mann, Boxer gegen Herausforderer aus dem Publikum, dreimal eine Minute. Wer nicht mehr aufstehen kann, hat verloren. Und einmal im Jahr ist Heimspiel. Dann treten Freds Boxer zum Auftakt der Saison in Cracow auf.

»Lay-dees and gennel-men, hier sind sie, die Jungs aus dem Busch«, krächzt Fred in ein knirschendes Mikrofon. Das dunkelblaue T-Shirt hat er gegen ein himbeerrotes Satinhemd getauscht, Wasser ins Haar gesprüht, wild sträubt es sich in alle Richtungen, graue Augen blitzen zwischen schwarzen Augenringen, ein charismatischer Kettensägenmörder.

Jetzt schlägt er die Trommel in einem immer gleichen Rhythmus, von dem er später nach ein paar Bier sagt, das sei die wahre Nationalhymne Australiens. Einer der Boxer hängt an der Glocke wie der Glöckner von Notre-Dame, der Lärm hämmert auf das Trommelfell, so wie es später die Fäuste tun werden. We got a show tonight thatll make ya shirt go upn down ya back like a Venetian blind. Fred brüllt von seiner Bühne in zwei Meter Höhe auf die Menge herunter, ein polterndes Rumpelstilzchen über dem Zelteingang.

Sieben Boxer stehen neben Fred, über Armen und Brüsten spannen sich die Seidenmäntel. In den Augen flackert es, die Lippen sind zusammengepresst, finster blicken sie herab, die Menge grölt anerkennend, als Fred sie vorstellt: Kid Guana, 17 Banküberfälle und 17 Jahre Knast, White Lightning, der Gentleman, Brown Bomber, Halbaborigine aus Borroloola, Cowboy, dreimal australischer Champion.

Außerdem: Thumb Sam, Black Lizzard und Freddie Junior, Brophys Sohn.

An das Publikum gewandt: »Wer gewinnt, gewinnt 20 Dollar pro Minute, wer aufgibt, gewinnt nichts, wer verliert, gewinnt eine Menge Erfahrung.« Und er setzt mit einem Grinsen hinzu: »Keine Sorge, ich bin der fairste Ringrichter im ganzen Outback.«

Nur dass der Ring kein Ring ist, sondern eine Matte, an ihren Stirnseiten je ein Plastikstuhl, außen herum ist eine Leine gespannt, nichts weiter, keine Musik, kein Schnickschnack, kein Gequatsche, das vielleicht ehrlichste Entertainment der Welt. Die Menge drängelt sich davor, wirft Bierdosen, johlt. 300 Männer und Frauen drängen sich aneinander, sie haben 20 Dollar Eintritt bezahlt, sie wollen Blut sehen, Schweiß, aber keine Tränen, Gewinner und Verlierer, und wenn einer der Kämpfer in die Menge stürzt, dann kreischen vor allem die Frauen. Smash him! Keine Finten, kein Antäuschen, kein Tänzeln und Ausweichen, die Kämpfer klammern, ringen, dreschen aufeinander ein, die Zeit läuft, und einer soll am Ende fallen.

Jetzt ist Cowboy dran. 464 Kämpfe in zwölf Jahren. Er hat nie verloren und hat nicht vor, es jetzt zu tun. Strike him, Cowboy, teach him!, gellt es durchs Zelt. Der Angefeuerte trifft, sein Gegner taumelt, ein tonnenförmiger Rinderfarmer im gelben Poloshirt, eine Brust wie ein Stier, Blut tropft von der Nase, dann streckt er die Hand nach oben, das Zeichen der Aufgabe. Fred hüpft herum, Ringrichter, Arzt und Moderator in einem, jetzt greift er die Hand von Cowboy, reißt sie hoch, dann haut er dem Poloshirt auf die Schulter. Alles klar? Der Besiegte wackelt mit dem Kopf, es könnte ein Ja sein. Die Menge klatscht, die Show geht weiter, Fred ist ihr Dirigent, die Bühne liegt ihm im Blut, dem Sohn einer Trapezkünstlerin und eines Showmannes, vier Generationen Zirkus, ein Leben für den Boxring.

Der nächste Kampf, ein dürrer Blonder stürzt sich auf Kid Guana. » Ich bin Goldgräber!«, brüllt er, mehr Testosteron als Verstand, trommelt sich auf die Brust, prallt mit dem Bankräuber zusammen, ein tätowierter Pitbull, Fäuste wie Brecheisen, Augen wie Stahl, seit sieben Jahren bei der Truppe und seitdem weitgehend gesetzestreu, seinen Sohn hat er zu Ehren seines Seelenretters Brophy genannt. Ein Haken, ein Schwinger, der Herausforderer kracht auf den Boden, ein grün schillernder Stinkkäfer zerplatzt. » Ooaah«, raunt das Publikum.

Am Ende stehen alle wieder auf. » Wir schlagen niemanden k.o., solange es nicht notwendig ist«, das ist die Parole, die Fred ausgibt.

Hinterher stehen Boxer und Herausforderer zusammen, prosten sich zu und spielen die schönsten Momente des Kampfes noch mal nach. Fred lacht, das sei eben Australien, erst kämpfen, dann zusammen Bier trinken. Im Grunde sei das Zelt doch eine Sozialeinrichtung »für Männer, die monatelang nichts anderes gesehen haben als Rinder und nichts anderes im Kopf haben als einen guten Fick, eine Schlägerei und ein ordentliches Saufgelage«. Zufrieden lässt der Boxkönig von seinem Platz hinter dem Tresen den Blick über die Menge schweifen: »Ich muss einem Kämpfer nur zwei Sekunden in die Augen sehen, dann weiß ich, ob ich 20 Dollar verliere oder nicht.« An diesem Abend hat er keinen Cent verloren.

Aber es geht ja auch gar nicht ums Geld. Es geht um Ehre und Stolz.

Hier schenken die Männer den Frauen keine Rosen, sondern eine gebrochene Nase, eine aufgeplatzte Augenbraue, das ist ein echter Liebesbeweis. Oder, warum nicht, ein abgehackter kleiner Finger, so hat es zumindest Fred gemacht. » Hab die Axt genommen und ihn abgehackt, um Sandi meine Liebe zu beweisen«, lacht er. Seine Frau war wenig begeistert, der Finger aber war weg: »Den hatte der Köter von meinem Kumpel gefressen.« Verheiratet sind Fred und Sandi bis heute, drei Kinder, zwei Hunde.

Einen Tag später ist Cracow wieder verlassen, das Krächzen der Krähen das einzige Geräusch. Der Wind streicht über die Wellblechdächer, die Sonne brennt. Zum ersten Mal fällt auf, dass sanft geschwungene Hügel den Ort umrahmen, Flaschenbäume, Eukalyptus und Palmen. Ein paar Zuschauer der letzten Nacht taumeln von den Ladeflächen ihrer Pick-ups, die ersten Minenarbeiter kommen von der Schicht. Schlingen ihre Steaks herunter, kippen drei Rum, bevor sie anfangen, sich zu unterhalten: »How ya goin?« » Goin, man.« » Alright.«

Schräg gegenüber vom Pub fegt der Wind in die Asche des ehemaligen Postamtes. Abgebrannt vor ein paar Tagen, nur der Kamin steht noch.

Warmer Abriss, munkeln sie im Pub. Dick ist da, Roger, natürlich Herbie. Fred steht auf, die Boxer folgen ihm, sie ziehen die Haken aus der Erde, die Stangen aus der Zeltplane, jeder Handgriff sitzt, das Zelt sinkt in sich zusammen wie ein leerer Ballon, die Männer rollen es ein, wuchten es auf den Anhänger, schon in ein paar Tagen ist der nächste Auftritt, tausend Kilometer entfernt im Westen. Die Straße vor dem Pub ist wieder leer. Alles wie immer. Gelegentlich brettert ein Rinderlaster durch Cracow. Gelegentlich zieht ein Sandsturm vorbei.

 
  • Quelle DIE ZEIT Nr.04 vom 18.01.2007, S.66
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Freizeit
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service