Sachbuch Der lange Weg nach Medina
Reza Aslan plädiert nachdrücklich für eine islamische Reformation.
Nachdem Muhammad 630 die Kapitulation Mekkas angenommen hatte, »begab er sich zur Kaaba. Begleitet von seinem Vetter und Schwiegersohn Ali, hob er den schweren Vorhang vor dem innersten Bezirk und trat ein. Nacheinander trug er die Götterbilder auf den Platz, wo sich die Menge versammelt hatte, und schmetterte sie zu Boden…«
Jede Religion fußt auf einer großen Erzählung, und der amerikanische, in Teheran geborene Islamwissenschaftler Reza Aslan hat Elemente dieser besonderen Möglichkeit von Poesie in seine Geschichte vom Glauben der Muslime von Muhammad bis zur Gegenwart aufgenommen. Die epischen Einschübe geben seinem Erstlingswerk Kein Gott außer Gott zuweilen eine dramatische Lebhaftigkeit – ein Versuch, den engen Leserkreis wissenschaftlich und politisch Interessierter zu erweitern. Aslan geht es jedoch nicht nur um die Vermittlung von Wissen über eine Religion, zu der rund ein Fünftel der Weltbevölkerung gehört, sondern auch um die politischen Fragen, die die Welt beschäftigen: Ist der Islam eine Religion des Krieges? Ist er mit Menschenrechten und Pluralismus vereinbar? Wohin bewegt sich die muslimische Gemeinschaft? Und was ist die Substanz dieser am schnellsten wachsenden Religion der Welt, die der amerikanische Erweckungsprediger und geistliche Ratgeber von Präsident Bush, Reverend Franklin Graham, als »bösartig« bezeichnet?
Zurück zu den Anfängen: Der Prophet hatte die 630 in der Kaaba versammelten Götterbilder in einem gewaltigen symbolischen Akt vernichtet. Damit hatte sich nach acht Jahren des Exils, der Schlachten und Grabenkriege Muhammads Lehre von dem einen Gott in der Pilgerstadt Mekka endgültig durchgesetzt. Eine geistige Umwälzung. Eine soziale Umwälzung war ihr vorausgegangen: In der Oasenstadt Medina, wohin er vor der Verfolgung durch die Mekkaner geflüchtet war, die das einträgliche Geschäft mit den unterschiedlichen Göttern nicht zugunsten eines einzigen Gottes aufgeben wollten, hatte Muhammad mit seinen Anhängern das Experiment einer egalitären Gemeinschaft gewagt. Nicht unerheblich war dabei, dass er auch das traditionelle Ehe- und Erbrecht der altarabischen Stämme veränderte und den Frauen mehr Rechte sicherte. Die junge Gemeinde (Umma) gewann in den medinensischen Jahren die Aufmerksamkeit der arabischen Welt und einen anschwellenden Zustrom von Anhängern und von Anhängerinnen.
Bis heute sind die Jahre in Medina die ideelle Bezugsquelle für die Muslime. Medina, das ist die Reinheit des Anfangs, wie sie alle religiösen und sozialrevolutionären Bewegungen kennen und als heilig-nostalgischen Kern gegen die schlechte Gegenwart ins Feld führen. Als Modell islamischer Vollkommenheit inspirierte Medina die muslimischen Erneuerungsbewegungen des 18. und 19. Jahrhunderts, diente als Panier für die islamische Revolution eines Ajatollah Chomeini 1979 im Iran wie für den wahhabitischen Purismus der Autokraten in Saudi-Arabien. Medina, das ist auch das Banner der über den Globus verstreuten terroristischen Gotteskrieger. Medina kann aber auch, und hier setzt Reza Aslan mit großer Emphase ein, das Banner einer islamischen Reformation werden. Der Lange Weg nach Medina heißt das Abschlusskapitel seines Buchs, in dem er die Entwicklung hin zu einer islamischen Aufklärung, weg von einer doktrinären Herrschaft der Geistlichen als letztlich unaufhaltsam erklärt. Aslan, der auch vergleichender Religionswissenschaftler ist und für die Unesco-Weltkonferenz zum Thema friedlicher Lösungen religiöser Konflikte arbeitet, verweist mehrmals auf die lange Zeit blutiger Religionskriege, die es brauchte, bis sich vor rund 500 Jahren die Reformation als eine auf individuelle Vernunft gestützte Erneuerung im christlichen Europa Bahn gebrochen hätte. Der Analogieschluss: Auch die Versöhnung des Islams mit der Moderne wird nicht einfacher zu haben sein.
Wie konsequent sich Aslan auf Medina bezieht, zeigt ein kleines Beispiel: Islamische Feministinnen klagen, dass von Anfang an Männer die Koranexegese als ihre ureigene Domäne besetzten und dass in ihre Auslegungen die traditionellen frauenfeindlichen Meinungen einfließen würden. Aslan bezeichnet diese Entwicklung mit Blick auf Muhammads progressive Reformen in Medina als »konterrevolutionären Prozess«.
Es ist Aslans Buch Kein Gott außer Gott anzumerken, dass hier ein aufgeklärter amerikanischer Muslim den Islam gegen die insbesondere von den Evangelikalen erhobenen Anschuldigungen und Schmähungen verteidigen will. Alle bekannten Vorwürfe gegen Muhammad (Vielweiberei, Karawanenüberfälle, kriegerische Mentalität, Tötung der Mitglieder des jüdischen Stammes der Banu Quraiza in Medina…) werden aufgenommen und durch die Einordnung in Zeit, Umfeld und Umstände erklärt. Das wirkt zuweilen bemüht apologetisch, insbesondere da fundamentalistische Muslime sich heute wohl weniger für die relativierende aufklärerische Historisierung von Muhammads Reden als für ihre absolute Wortwörtlichkeit interessieren.
- Datum 24.01.2007 - 03:27 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 18.01.2007 Nr. 04
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Der Autor vergisst die die Schiiten, für die der Ijtihad bis heute möglich ist, was der Welt Dinge wie Heiratsverträge auf Zeit (1 Stunde oder lieber 3Monate), oder aber die realtiv guten Karrieremöglichkeiten für Frauen im Iran gebracht hat.
Der Herr Aslan setzt mit seiner Kritik erst nach Mohammed ein:
zu spaet!
Er muss Mohammed zuerst kritisieren, so wie Jesus kritisiert werden muss, Buddha, Marx!
Er wird so nicht viel erreichen, der Herr Aslan!
Mohammed, der war NICHT heilig!
Aber er fuerchtet das Messer, der Herr Aslan!
Ich weiß ja nicht ob 'das Leben des Religionsgründers' über alle Kritik erhaben war. Es wurden im Artikel selbst genügend Gründe aufgeführt warum dies nicht so ist. Salopp ausgedrückt: Der Mann hatte ne Menge Dreck am Stecken. Und alles was wir wissen stammt aus muslimischen Quellen - wer weiß wie objektive Zeugen das Geschehen beurteilt hätten.
Und auch der von GStenkamp2 erwähnte Vergleich mit dem Christentum hinkt gewaltig. Zwar wurden auch in dessen Namen ungeheure Verbrechen verübt -- allerdings war dies zeitlich gesehn wirklich lange nach seinem Gründer. Von Jesus ist jedenfalls nicht überliefert, dass er Kriege geführt und Massenmord befahl. Und auch Jesus lebte sicher in keiner friedlichen Welt - soviel zum 'historischen Kontext'.
Zudem sind Details wie 'und den Frauen mehr Rechte sicherte' fragwürdig. Die vorislamischen arabischen Frauen waren sicher nicht im heutigen Sinne gleichberechtigt. Aber sie hatten Historikern zufolge durchaus ihr eigenes Leben. Mohammeds erste Frau Chadidscha (vor seiner Zeit als Prophet) war eine selbstständige Kaufmannsfrau, die sich ihn zum Gatten erwählte und nicht umgekehrt. Nach seiner 'Frauenemanzipation' durften seine Angetrauten das Haus nicht mehr ohne Begleitung verlassen und mussten sich vor fremden Männern verhüllen. Ein Verhalten, das Schule machte unter seinen Anhängern - so wie sich alles islam. Recht aus Mohammeds Verhalten und Offenbarungen ableitet.
--> Solche Ungenauigkeiten wie in diesem Artikel summieren sich. So wird dann aus einer Ideologie, dessen Gründer weder vor (Auftrags-)Mord noch vor Kriegstreiberei zurückschreckte eine 'Religion des Friedens'.
Jesus hatte moeglicherweise auch so seine schwarzen Seiten: nicht gerade selten wird in den Evangelien gedroht, Muehlsteine angehaengt, ach, die in Sodom, die werden es noch besser haben als ihr, usw.!
Was davon von Jesus stammt, weiss kein Mensch!
Die Evangelien sind fuer den, der etwas anderes glaubt als Jesus, nicht gerade anheimelnd!
Die Evangelien sollte jeder noch genau einmal durchfortsen, der behauptet, Jesus sei ein ganz braver gewesen!
Stimmt nicht!
Genauso verblendet wie die meisten Religionsfuersten!
Konsequenz: siehe die Kirchengeschichte: Terror, Folter, Krieg!
Entschuldigung, aber da reden Sie einfach nur Unsinn - Ihre Phantasie geht gerade mit Ihnen durch - haben Sie überhaupt einmal in die Evangelien reingeschaut, oder überhaupt die Bibel? Wo wäre im Neuen Testament von 'Mühlsteinen anhängen' in irgend einer drohenden Absicht die Rede?
Der Mensch kann nach der Sündenbefreiung durch Jesu Opfertod das Angebot der Liebe Gottes ausschlagen - das gehört zu seiner Freiheit! Aber damit verdammt er nur sich selbst - dies ist keine Zurückweisung durch Gott (vgl. Gleichnis vom verlorenen Sohn - jeder hat die Chance von Reue und Umkehr).
Zentral bleibt die Botschaft der Liebe - und: nicht mit Feuer und Schwert, sondern durch das Wort soll der christliche Glaube verbreitet werden.
Also doch bitte ersteinmal selber sich die Muehe machen, die Evangelien durchzulesen und nach 'umgehaengten Muehlstein' suchen, bevor ich Dir auf die Spruenge helfe!
Gerhard.Stenkamp@gmx.de
Ich glaube nicht, dass man durch den Vergleich zwischen religionen oder propheten die islamische Aufklärung verbreiten bzw. initiieren kann, denn das Ziel ist die Zivilisiertheit, die jahrtausendelang durch denkende Menschen entwickelt wurde und nicht durch gläubige propheten.
@amras: Mohammeds erste Frau Chadidscha, war jüdin also stammte sie nicht aus dem vorislamischen arabischen Kulturkreis.
Ich habe sehr viel zum Leben Mohammeds gelesen. DOch nirgendwo stand, dass seine erste Frau Jüdin gewesen sei. Doch selbst wenn es so wäre - wieso stammt sie dann nicht aus dem arabischen Kulturkreis? Lebte sie in Mekka ja/nein? Gab es zu dieser Zeit noch keinen Islam ja/nein? Auch die jüdischen Stämme in Arabien waren meist ethnische Araber die das Judentum übernommen hatten.
Doch seis drum - es ändert gar nichts an der Tatsache, dass Mohammed mitnichten die Rechte der Frauen stärkte.
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