Ex-Kanzler »Das ist ja ein Ding«Seite 4/4
5. Von Alexander dem Großen, dem Ahnherrn verherrlichter Politiker, wird berichtet, dass er seinen Lieblingsmaler Appelles nach jeder Präsentation eines Porträts in ein ausführliches kunstphilosophisches Gespräch zu verwickeln suchte. Gerhard Schröder verhält sich da zurückhaltend und unbefangen. Er drückt spontan seine Begeisterung aus, doch den Großteil seiner Empfindungen trägt er nach innen, Bewunderung und Lob treten an diesem Nachmittag als emphatische Einsilber auf.
Immendorff hat sich unterdessen zur Gruppe der Betrachter vor dem Bild rollen lassen, es ist ihm anzusehen, dass die Zustimmung, die seine und die Arbeit seiner Assistenten gefunden hat, auch den Künstler bewegt. Er erläutert in der ihm eigenen militärisch raspelnden Art, wie für ihn die einzelnen Komponenten des Werkes zusammenhängen, warum er gerade auf den Aspekt der Nähe eines deutschen Regierungschefs zu den Künstlern des Landes, den wilden roten Tieren, so großes Gewicht gelegt habe, schließlich sei Schröder der erste Kanzler gewesen, der die zeitgenössische Kunst als wesentlichen Teil des deutschen Selbstverständnisses erkannt und gefördert habe.
»Dieses Bild ist mein ganz privates Geschenk an dich«, betont er.
»Ich werde es als Dauerleihgabe dem Kanzleramt geben«, antwortet Schröder, »ich bin gespannt auf die Reaktionen.«
6. Die Hervorhebung des privaten Charakters dieser Zueignung durch Immendorff ist einem kleinen Possenspiel geschuldet, das im Vorfeld der Veranstaltung aufgeführt wurde. Der gute Brauch will es, dass ein aus dem Amt geschiedener Bundeskanzler sich wünschen darf, welcher Künstler ihn porträtiert. Das Kanzleramt nimmt die Bitte auf und leitet die Anfrage an den Maler weiter. Nun haben Künstler bekanntlich verschieden hohe Marktpreise. Oskar Kokoschka verlangte und erhielt für sein Porträt von Konrad Adenauer 150000 Mark, eine für die damalige Zeit recht beachtliche Summe, doch sie entsprach eben dem, was ein Bild von Kokoschka kostete. Genauso hat Immendorff seinen Preis, man kann ihn jederzeit im Internet ermitteln oder durch einen Anruf bei seinem Galeristen. Ein Problem stellt sich erst, wenn das Bundeskanzleramt das Bild eines berühmten Künstlers erwerben will, doch nur zu einem Preis, der als Haushaltsposten dafür vorgesehen ist. Wobei dieser Haushaltsposten noch weit unter den Anschaffungskosten eines Dienstwagens der gehobenen Klasse liegt. Was uns wiederum ein wenig über die differenzielle Wertschätzung unserer politischen Klasse erzählt. Oder ihr Gefühl für Stil.
7.
Immendorff hat durch sein Geschenk diesen Abläufen und ihren Urhebern souverän eine lange Nase gezeigt. Ein Freundschaftsdienst eben, und es stimmt traurig, dass das Porträt künftig in eher gemischter Gesellschaft hängen muss, trauriger noch, dass es so wenigen Betrachtern umstandslos zugängig sein wird. Besucher des Kanzleramts sind notorisch geschäftig, starren vor sich hin und haben meist andere Anliegen, als sich ein Werk zu betrachten, das auf eine so geniale Weise mit der ganzen Gattung »Porträtmalerei« spielt. Recht besehen, hat sich Immendorff daher das größte Geschenk selber gemacht, und man muss sich bei Gerhard Schröder bedanken, dass er dazu den Impuls gab.
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- Datum 19.01.2007 - 02:59 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 18.01.2007 Nr. 04
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Alles was recht ist - aber das Kanzler Portrait ist nun nicht gerade sehr ansprechend. Wenn sich Gerhard so sieht - ok. Aber es ist kalt, abweisend - und die Symbolik unverstaendlich.
Als Witz ganz gut - als offizelles Portrait eine Ohrfeige.
Schröder als byzantinische Kaiserikone. Immendorf hat den Mann bestechend seziert. Er ist ein wirklicher Künstler, denn was ihm zu Schröder einfiel, kann der Betrachter noch in hundert Jahren begreifen.
Ich muss zugeben, im ersten Moment war ich echt sprachlos als ich dieses GEschmacklose MAchwerk gesehen habe.
Danach konnte ich jedoch nicht mehr mit dem Lachen aufhören: Ich finde das sich dort zwei gefunden haben: Die Hybris, Selbstverliebtkeit und Arroganz, unter der unser Ex-Kanzler auch heute noch leidet, kommen meiner Meinung nach in dem Portrait voll zu ausdruck. Insofern kann ich nur sagen: jeder bekommt was er verdient
Der Maler Immendorf ist immer auch ein verhinderter Didaktiker. Die persönliche Biografie fließt also ein, in das obligatorische Kanzlerporträt, die Auftragsarbeit.
Schröder, eher grafisch als malerisch, oval eingerahmt, wie in alten Fotoalben so mancher
Großvater, vignettierte Reminiszenz, trotz des Goldes, die eher im Stile einer Grisaille-Arbeit daherkommt.
Aus dem Hintergrund palavern die Paviane der Affeninsel, zerrissene Spinnwebnetze deuten eine Ahnung von Urständen und Herkünften an. Im Mittelgrund, auf dem Rahmenoval, folgen die eher gräulichen Versatzstücke der bewunderten Kultur und Zivilisation. Soweit erkennbar, Anschnitte von Sphinxskulptur, Anatomiestudie, griechisch-römischen Krieger-, Helden- oder Götterversatzstücken, alles jedoch in der Manier an Renaissancevorbildern orientiert, nicht an der originalen klassischen Vorzeit. Das Ganze überlagert vom Maschendraht. - Vielleicht jener an dem die Kolportage den späteren Kanzler mit seinen frühen Wünschen rütteln lies.
Im Vordergrund, eine offene Form, eventuell ein angedeuteter Bundesadler, plastisch gedacht, erinnert sie mehr an das alte Bonner Kanzleramt mit der unendlichen Form der großen Moore-Plastik und an die Schwierigkeit, oder sollten wir nicht lieber sagen, das Glück, der Demokratie eine feste Form, zumal im Abbild eines Staatsadlers geben zu wollen. Manchesmal sicherlich ein tierisches, sogar ein teuflisches Unterfangen, das zerbrechen muss, wie die schwarze, klumpfüßige und beschwanzte Silouette andeutet. Der abgebrochene Oberkörper, erscheint mir von der Kontur her, wie eine Fernsehkamera, die dauerhaft auf das Porträt des Kanzlers gerichtet ist. Ein Rohrschach- Test für die Betrachter, gar ein versteckter Hinweis auf den Künstler als Macher und auch das wieder Reflexion auf den Dargestellten?
Ganz ehrlich, so schlecht kann ich das Bild nicht finden. Es erzählt in einer harten Sprache. Das ist neu in der Galerie der Kanzlerporträts. Selbst für den kunsthistorisch und literarisch gebildeten, Intelligenzblattleser, den Kommentator eingeschlossen, liefert es noch jede Menge Assoziationsstoff.
man kann das z.b. so lesen.
in fahlem goldton im zentrum des erdkreises schröder als führungsfigur der affen. oder doch eher das geschönte aushängeschild einer affenbande? der oberaffe an seiner rechten seite gibt den ohrenbläser.
der bundesadler, seinerseits symbol für grundgesetz, einer scheinbar demokratisch verfaßten republik, verliert zunehmend alle konturen, wobei der rechte flügel zu monströser fülle schwillt.
dann diese gebrochene figur, gesichtslos, namenlos, inkarnation der atomisierten masse - des isolierten einzelnen - geneigt im finalen kotau.
beide, bundesadler wie figur, liegen außerhalb der blickrichtung der maske des geldes - überantwortet dem dunklen nichts.
am rechten bildrand sehen wir die chiffren üppigen herrscherlebens, vollgefressene feiste gesichter, schurkenvisagen und spaßmacher.
der erdenkreis in krakelure, risse zeigt diese welt, kennzeichen einer überalterten struktur, die ihren spannungen zunehmend weniger entgegenzusetzen hat.
ps: kunst und herrschaft sind per definition symbiotischer natur. wes brot ich eß, des bild ich mal - daß herrschende sich fern aller realität liebend gern als kunstkenner und -förderer geben ist bekannt, parvenues haben da ihre besonderen ambitionen. nero und hitler mögen als beleg dafür gelten, daß nicht selten die personalunion gesucht wurde.
das, gott sei dank, blieb uns erspart. schröder sang nie 'hoch auf dem gelben wagen'.
was nun immendorf angeht, keiner weiß, was dieses bild ihm heißt, er wirds wohl auch nie sagen. vorzustellen ist, daß er die mannigfachen leseversuche mit einer art diebischer freude genießt.
zu gönnen wäre es ihm.
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