Ich habe einen Traum Jan Delay
Der Rapper und Musiker träumt von einem Land mit mehr Stil und politischer Haltung. Gerade ist sein neues Album "Searching the Dubs" erschienen
Ich schlafe oft bis mittags. Das liegt daran, dass bei mir alles verschoben ist. Heute Morgen bin ich um fünf Uhr ins Bett gegangen. Gestern Abend war ich im Kino und habe einen Film über Rio Reiser gesehen. Danach musste ich mich noch mal hinsetzen, denn nachts kann man besser schreiben. Der Film war eigentlich schlecht, eine triste kleine Vorstellung in einem Programmkino. Und Rio Reiser ist für mich auch nicht die absolute Leuchtrakete. Trotzdem hat er mich angestachelt. Rio Reiser hat Leuchtraketen-Songs geschrieben, und wenn er singt, ist er eine absolute Leuchtrakete. Ansonsten kann ich mich kaum mit ihm identifizieren. Jemanden, der barfuß auf die Bühne geht, kann ich nicht ernst nehmen. Aber seine Songs haben eine erstaunliche Wirkung entfaltet, wahrscheinlich weil sie aus Schlagwörtern bestehen, die man gut auf T-Shirts oder Postkarten schreiben kann.
Gestern Nacht habe ich versucht, einen Song für Udo Lindenberg zu schreiben, den Helden meiner Jugend, mit dem ich in den letzten Monaten viel Zeit verbracht habe. Lief ganz gut. Eine Strophe und einen Refrain habe ich fertig. Wenn man Rapper ist, sollte der Text das A und O sein. In der Rap-Schule, aus der ich komme, geht alles um den Reim. Den unbenutzten Reim. Das ist wie mit Taschentüchern, man sollte nur unbenutzte nehmen. Dementsprechend kostet das Texten auch Zeit. Das heißt nicht, dass die ganze Arbeit eine Qual ist. Eine Qual ist nur, durchzuhalten, bis alles sitzt. Die Freude, wenn man dann eine gute Strophe hat, die brennt das alles weg.
Als kleiner Junge habe ich den Drummer in der Band meines Vaters vergöttert. Der hat mir auch die ersten Takte gezeigt. Meine Eltern waren arm, sie konnten mir nichts schenken, aber sie haben über Freunde ein Schlagzeug organisiert, ein kleines Jazz-Set mit einer quietschenden Fußmaschine. Da war ich vier oder fünf. Irgendwann habe ich noch einen Satz HiHat-Becken bekommen und auf dem Dachboden mit meinem Kassettenrekorder zu Madonna-Platten geübt.
Seit ich zum ersten Mal an einem Schlagzeug saß, wusste ich: Das will ich machen. Natürlich gab es dann noch mal eine Phase, wo ich Penner oder Börsenmakler oder Tierarzt werden wollte. Aber die Musik kam immer wieder, auch in dem Alter, wo man schon ein bisschen Ahnung vom Leben hat und weiß, dass man die Miete bezahlen muss. Ich sagte mir: Selbst wenn ich als Musiker keinen Erfolg habe, irgendwas mit Musik möchte ich auf jeden Fall machen. Deshalb habe ich sogar mal drei Tage lang VWL studiert und zwei Scheine in Musikwissenschaft gemacht. Aber dann kam auch schon Bambule raus, mein erstes Album bei einem großen Label, und dann war eh keine Zeit mehr.
Vergangene Nacht, das war seit Langem wieder das erste Mal, dass ich mich hingesetzt und etwas geschrieben habe. Die letzten anderthalb Jahre habe ich fast jede Nacht im Studio verbracht. Es wurde richtig anstrengend, weil ich Perfektionist bin. Irgendwann war ich so verstrickt, dass ich für jede Entscheidung drei Stunden brauchte. An dem Punkt dachte ich: Ich hab mir zu viel vorgenommen, ich sehe keinen Ausweg mehr – ich zahle jetzt alle aus und stell mir die Platte in den Schrank. Meine beiden Koproduzenten, Tropf und Matze, haben mich da rausgeholt. Sie verordneten mir einen Monat Zwangsurlaub. Seine Strophen schreit man immer allein. Musikmachen ist besser im Team. Der Rio-Reiser-Film hieß übrigens Der Traum ist aus. Das ist zugleich der Titel des zweitgeilsten Reiser-Songs. Der erste ist Für immer und dich . Rio sagte, es sei einer der wenigen, bei denen er Musik und Text in einem Zug runtergeschrieben habe. Rio und Udo waren so ziemlich die Ersten, die ihr Publikum davon überzeugten, dass es cool sein kann, deutsch zu texten.
Meine Freunde und ich erleben gerade, wovon wir vor zehn Jahren geträumt haben: dass harter deutscher Rap ohne Weichzeichner und ohne Blatt vorm Mund einfach in den Charts läuft. Und dass kleine Kids mit cooler deutschsprachiger Musik aufwachsen und schon mit elf oder zwölf Jahren ein ganz anderes Selbstverständnis und einen eigenen Geschmack haben. Trotzdem stößt mir bis heute der Ausdruck »deutsche Musik« manchmal übel auf. Das liegt daran, dass ich schon als kleiner Junge, als ich zum ersten Mal mit meinem Vater ins Fußballstadion zum HSV ging, die Nazi-Skinheads sah, wie sie den Arm zum Hitler-Gruß erhoben. Ich spreche lieber von »deutschsprachiger Musik«.
Style ist ein relativ neues Wort in der deutschen Sprache. Style ist mehr als Stil. Es ist eine Haltung. Ab und zu bricht ja der Polit-Onkel aus mir heraus. Aber Style ist das Wichtigste, noch wichtiger als die politische Ebene. Für mich besteht auch Politik komplett aus Style. Jürgen Trittin hat zum Beispiel sehr viel Style, auch wenn man das äußerlich vielleicht nicht so vermuten würde. Aber er ist der Einzige, der wirklich für mich als Normalbürger etwas bewirkt hat in den acht rot-grünen Jahren. Mit dem Dosenpfand – das war großartiger Style. Er hat damit zwar den Hass einer ganzen Nation auf sich gezogen, aber er hat’s einfach geblickt und durchgezogen. Jetzt sind die Dosen weg. Das ist für mich Style. Schröder hat leider überhaupt keinen Style. Die einzige Style-Aussage von ihm war vor dem Irakkrieg, wo er gesagt hat: Nee, das alte Europa ist nicht dabei.
Als wir anfingen mit den Absoluten Beginnern, war die Jugend noch komplett verstrahlt. Die haben bei uns im Konzert geschrien, und am nächsten Tag sind sie vielleicht zur Kelly Family gegangen. Das war die Buffalo-Generation. Wo sogar die Jungs Buffalo-Schuhe getragen haben. Das hat uns damals ziemlich erschreckt. Das waren nicht die Kids, bei denen wir gern unser Poster an der Wand wussten. Jetzt ist HipHop die meistverkaufte Musikrichtung in Deutschland.
Die Deutschen haben andere Völker früher gern mal als »Spaghettifresser« oder Ähnliches bezeichnet. So haben die Türken die Deutschen halt irgendwann Kartoffeln genannt. Das ist okay. Das finde ich nicht diskriminierend. »Kartoffel« ist ein perfektes Wort für die Deutschen. Es passt zu uns.
Coole Kartoffeln, das wäre ein schöner Traum. Die Kartoffel ist noch nicht cool, aber sie wird es werden. Das hat nicht nur mit der WM zu tun. Die Zwölfjährigen sind inzwischen viel cooler geworden. Sie können sagen, was sie wollen, sie sind individuell, können reflektieren, haben nicht dieses verkrampfte Wettbewerbsdenken. Die Buffalo-Schuhe sind verschwunden. Seitdem bin ich guter Dinge.
Aber man kann so etwas nur in größeren Abständen beobachten. Weil man nur dann sieht, ob sich etwas verändert hat. Das ist wie in der Musik: Erst nach längerer Zeit sieht man, ob eine Platte etwas gebracht hat, ob sie sich in den Köpfen festgesetzt hat und man ein paar Ideale vermitteln konnte. Das kann man nicht beurteilen, wenn sie rauskommt und auf Platz eins ist, sondern wenn die Leute nach fünf Jahren immer noch darüber reden. Ob die Kartoffeln wirklich cool sind, kann ich also noch nicht sagen. Aber der Anfang ist gemacht. Die Kartoffeln sind auf einem guten Weg.
Aufgezeichnet von
Ralph Geisenhanslüke
Jan Delay, 30, ist einer der erfolgreichsten deutschen Rapper und Musiker. Der Hamburger, der bürgerlich Jan Eißfeldt heißt, erkundet neben HipHop auch andere musikalische Genres, insbesondere Reggae. Bekannt wurde er mit seiner Band Absolute Beginner. Gerade ist sein neues Album »Searching the Dubs« erschienen. Jan Delay träumt von einem Land mit mehr Stil und politischer Haltung
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- Datum 24.01.2007 - 06:47 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 18.01.2007 Nr. 04
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Meistens geht es im deutschsprachigen Rap/HipHop doch nur darum, möglichst viele sinnlose Reime in kürzester Zeit aneinander zu reihe(r)n oder noch cooler, frauenverachtender und gewaltverherrlichender zu sein als der Typ aus dem Nachbarkiez. Jan Delay ist eine leuchtende Ausnahme, ein hervorragender Musiker, der zu tanzbaren Grooves Texte schreibt, bei denen man - ohne in Klischees zu verfallen - spürt, dass er das Herz auf dem rechten Fleck hat.
Danke für den 'Style'. Es gab übrigens schon einmal ein deutsches Wort mit ähnlichem Inhalt: Man nannte es 'Haltung'.
(Ganz nebenbei: Der Verfasser dieser Zeilen wird bald 40, zählt also ganz und gar nicht zur Zielgruppe und ist trotzdem froh, dass es Jan Delay gibt).
... hörte ihn im Radio, man las diverse Zeilen wie diese und man dachte: Jannemann, mach´ Musik, das kannste.
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