Style ist ein relativ neues Wort in der deutschen Sprache. Style ist mehr als Stil. Es ist eine Haltung. Ab und zu bricht ja der Polit-Onkel aus mir heraus. Aber Style ist das Wichtigste, noch wichtiger als die politische Ebene. Für mich besteht auch Politik komplett aus Style. Jürgen Trittin hat zum Beispiel sehr viel Style, auch wenn man das äußerlich vielleicht nicht so vermuten würde. Aber er ist der Einzige, der wirklich für mich als Normalbürger etwas bewirkt hat in den acht rot-grünen Jahren. Mit dem Dosenpfand – das war großartiger Style. Er hat damit zwar den Hass einer ganzen Nation auf sich gezogen, aber er hat’s einfach geblickt und durchgezogen. Jetzt sind die Dosen weg. Das ist für mich Style. Schröder hat leider überhaupt keinen Style. Die einzige Style-Aussage von ihm war vor dem Irakkrieg, wo er gesagt hat: Nee, das alte Europa ist nicht dabei.

Als wir anfingen mit den Absoluten Beginnern, war die Jugend noch komplett verstrahlt. Die haben bei uns im Konzert geschrien, und am nächsten Tag sind sie vielleicht zur Kelly Family gegangen. Das war die Buffalo-Generation. Wo sogar die Jungs Buffalo-Schuhe getragen haben. Das hat uns damals ziemlich erschreckt. Das waren nicht die Kids, bei denen wir gern unser Poster an der Wand wussten. Jetzt ist HipHop die meistverkaufte Musikrichtung in Deutschland.

Die Deutschen haben andere Völker früher gern mal als »Spaghettifresser« oder Ähnliches bezeichnet. So haben die Türken die Deutschen halt irgendwann Kartoffeln genannt. Das ist okay. Das finde ich nicht diskriminierend. »Kartoffel« ist ein perfektes Wort für die Deutschen. Es passt zu uns.

Coole Kartoffeln, das wäre ein schöner Traum. Die Kartoffel ist noch nicht cool, aber sie wird es werden. Das hat nicht nur mit der WM zu tun. Die Zwölfjährigen sind inzwischen viel cooler geworden. Sie können sagen, was sie wollen, sie sind individuell, können reflektieren, haben nicht dieses verkrampfte Wettbewerbsdenken. Die Buffalo-Schuhe sind verschwunden. Seitdem bin ich guter Dinge.

Aber man kann so etwas nur in größeren Abständen beobachten. Weil man nur dann sieht, ob sich etwas verändert hat. Das ist wie in der Musik: Erst nach längerer Zeit sieht man, ob eine Platte etwas gebracht hat, ob sie sich in den Köpfen festgesetzt hat und man ein paar Ideale vermitteln konnte. Das kann man nicht beurteilen, wenn sie rauskommt und auf Platz eins ist, sondern wenn die Leute nach fünf Jahren immer noch darüber reden. Ob die Kartoffeln wirklich cool sind, kann ich also noch nicht sagen. Aber der Anfang ist gemacht. Die Kartoffeln sind auf einem guten Weg.

Aufgezeichnet von Ralph Geisenhanslüke

Jan Delay, 30, ist einer der erfolgreichsten deutschen Rapper und Musiker. Der Hamburger, der bürgerlich Jan Eißfeldt heißt, erkundet neben HipHop auch andere musikalische Genres, insbesondere Reggae. Bekannt wurde er mit seiner Band Absolute Beginner. Gerade ist sein neues Album »Searching the Dubs« erschienen. Jan Delay träumt von einem Land mit mehr Stil und politischer Haltung

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