Jetzt also – die Rente. Natürlich ist es ein bestürzendes Ereignis. Ein Mann ist 65 Jahre alt geworden, hat sein arbeitsames Leben lang »geklebt«, hat viele Bücher, auch manche Dienstvorschrift gelesen, kennt sich aus in der Grammatik mehrerer Sprachen, doch nun lädt der Staat den frisch gebackenen Rentner – halt, nicht so schnell, den Regelaltersrentenantragsteller – zu einer semantischen Geisterfahrt durch eine völlig neue Sprachwelt ein. In ihr residiert die »Deutsche Rentenversicherung Bund«. Ihr Amtssitz liegt in Berlin, einer Stadt, deren Bürger im Alltag an notorischer Silbenverkürzung leiden. Nicht so in den örtlichen Großbehörden. Dort befinden sich linguistische Fabrikanlagen. In ihnen wird die Eigenschaft der deutschen Sprache, mit Hilfe von Komposita größere Sinnhaftigkeit bei gleichzeitiger Präzisionsverschärfung vorzutäuschen, bis an die Grenze ihrer Belastbarkeit getestet. BILD

Ein kurzer Anruf beim Rentenversicherungsamt: »Ich werde jetzt 65 Jahre alt, bitte überweisen Sie meine Rente auf das Konto Nummer soundso« – das wär’s ja. Aber so geht es nun wirklich nicht. Ermitteln muss die Behörde erst einmal die »rentenrechtlichen Zeiten« des Antragstellers, ehe sie zu einer »Gesamtleistungsbewertung« fortschreiten kann, nachdem die »Elterneigenschaft« des 65-Jährigen überprüft worden ist – belegt durch sogenannte »Abstammungsurkunden« der Kinder. Wollte man diese nach der Eigenschaft der Eltern befragen – nicht identisch mit Elterneigenschaft –, dann könnte sich die Rentenauszahlung womöglich verzögern.

Benötigt wird außerdem die »Entgeltvorausbescheinigung (auch bei einem ›Minijob‹ auszufüllen)« des Arbeitgebers und eine Antwort auf die Frage, ob man sich nach Vollendung des 16. Lebensjahrs »gewöhnlich in Australien, Dänemark, Finnland, Island, Israel, Kanada/Quebec, Liechtenstein, Norwegen, Schweden und der Schweiz« aufgehalten hat. Gewöhnlich nicht, aber hin und wieder schon. Wie definiert der Rentengesetzgeber »aufhalten« und »gewöhnlich« – und warum will er das überhaupt wissen?

Was geht es ihn eigentlich an, ob man »vom Träger der Zusatzversicherung im Schornsteinfegerhandwerk« sonstige Leistungen empfängt? Wie viele Rentenanwärter beantworten die Frage »Haben Sie auf einem Rheinschiff eine Beschäftigung oder selbständige Tätigkeit ausgeübt?« mit »Ja!«? Und überhaupt, was ist mit den Elb-, Main- und Moselschiffern? Zählen die etwa nicht?

Und dann, im Formular R 100, Frage Nr. 7, scheint das ganze Elend der deutschen Kriegs- und Nachkriegsgeschichte auf: Geforscht wird nach »Ersatzzeiten« des Antragstellers – unter anderem »Kriegsgefangenschaft, deutscher Minenräumdienst nach dem 8. Mai 1945, Internierung oder Verschleppung, durch feindliche Maßnahmen verhinderte Rückkehr von Nichtkriegsteilnehmern aus dem Ausland oder aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten« –, und es stellt sich die rein historische Frage, ob es noch »Rentenantragsteller« in dieser Welt gibt, die im Jahre 2007, also 62 Jahre nach Kriegsende, einen Rentenantrag stellen: Sie wären dann womöglich schon über 80 Jahre alt und hätten einige Termine verpasst. Für alle Fälle heißt es: »Beweismittel bitte beifügen«. Das wäre dann die wahre »feindliche Maßnahme«.