Zum Wesen der Medien gehört es, dass sie sich für gesellschaftliche Konflikte interessieren; zu ihren Unarten, dass sie diese Konflikte gern publikumswirksam überzeichnen. Der problematischen Altersentwicklung in Deutschland widmeten sich in den letzten Jahren eine Fülle von Publikationen, Talkshows und hochrangig besetzten Konferenzen – in der vergangenen Woche auch der alarmistische ZDF-Spielfilm-Dreiteiler Aufstand der Alten . Die demografische Entwicklung wird bei solchen Bemühungen oftmals mit der allgemeinen familienpolitischen Debatte verknüpft und legt dann ein insgesamt düsteres Bild von Familie nahe. Darin dominieren Belastungen und finanzielle Benachteiligungen, überstrapazierte Familienernährer und parasitäre Rentner, Akademikerinnen im Gebärstreik und Unterschichtseltern, die ihre – zu zahlreichen – Kinder verkommen lassen. Die Eltern klettern noch nicht mit. Aber sie bemühen sich mehr als früher, ihre Kinder zu verstehen BILD

Familie, ein Schlachtfeld? Diesem Eindruck widerspricht das Generationenbarometer 2006, eine Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach, deren vollständiges Datenmaterial aus einer repräsentativen Stichprobe mit mehr als 2600 Befragten in der kommenden Woche in Berlin vorgestellt wird. Die Autoren ziehen eine vom Mainstream der Diskussion durchaus abweichende Bilanz. »Die Deutschen«, schreiben sie, »erweisen sich als Schwarzseher. Privat verstehen sie gut zu leben und fühlen sich in ihren Beziehungen zu jüngeren und älteren Angehörigen überwiegend wohl. In der Gesellschaft und in den Familien der anderen jedoch sehen sie sich von Abgründen und Gefahren umgeben.«

Dabei zeigen die Daten der Erhebung eine fast schon unheimliche ideologische Annäherung der Generationen: Auffassungen zu Fragen von Moral, Sexualität, Politik und Religion haben sich weitgehend angeglichen. Sah 1986 noch ein gutes Drittel der Jüngeren »überhaupt keine Übereinstimmung« mit den Eltern, so macht das Generationenbarometer heute noch ganze acht Prozent solcher vollkommen distanzierten Jugendlichen aus.

Die neuen Belastungen in der Arbeitswelt setzen die Menschen zwar unter Druck und erschweren mitunter die Entscheidung für Partnerschaft und Kinder; zugleich aber hängt offenbar das Engagement für den eigenen Beruf positiv mit der Einstellung zur Familie zusammen. Die Wichtigkeit einer starken Familienbindung betonen heute 78 Prozent der Befragten, fast 10 Prozent mehr als vor zehn Jahren; bei den Jugendlichen sind es sogar 15 Prozent mehr als damals.

Diese positive Haltung zieht sich durch alle gesellschaftlichen Schichten. Von dramatischen Desintegrationsprozessen ist nach der Allensbach-Studie auch in der ökonomisch und bildungsmäßig benachteiligten Unterschicht wenig festzustellen. Fast 70 Prozent der 16- bis 59-jährigen Angehörigen dieser Gruppe bezeichnen Familie als »wichtigsten Lebensbereich«. Da mehr als die Hälfte von ihnen unter finanziellen Problemen leidet, kommt der Familie sogar mehr existenzielle Bedeutung zu als in der Mittel- und Oberschicht. In Notlagen haben 34 Prozent der Unterschichtsangehörigen schon finanzielle Hilfe von ihren Verwandten erhalten – diese Form der praktizierten Solidarität fällt in Mittel- und Oberschicht kaum anders aus.