Autotest Hans-Dieter auf Rädern

Dieses Auto ist keine Legende. Auch wenn es Legend heißt. Manuel J. Hartung, stellv. Chefredakteur ZEIT CAMPUS, im Honda Legend

Wenn dieses Auto ein Mann wäre, dann hieße er Hans-Dieter. Dieser Mann würde eine Copy-Rolex tragen und den Uhrenärmel seines Karohemdes während jedes Gesprächs hochkrempeln. Oder er würde seine siebenundzwanzig Senator-Premium-Exclusive-VIP-Platin-Karten aus dem Portemonnaie fallen lassen. Dieser Mann hätte durchaus Geld, aber er würde es für Wildlederblousons und Tank-und-Rast-Schnitzel mit Pommes ausgeben. Hans-Dieter würde in Diskos gehen wie das Savoy in 34270 Schauenburg-Elgershausen oder das Galaxy in 26624 Georgsheil. »Ich bin der Hans-Dieter«, würde er sagen, »aber meine Freunde nennen mich Deed.« Er würde junge Mädchen anbaggern – und auch nicht wissen, warum sie ihm immer einen Korb geben. Er selbst findet sich sexy.

Hans-Dieter als Auto heißt Legend, Honda Legend.

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Mit diesem Namen ist es so wie mit einem Diktum von Adorno: Elite möge man in Gottes Namen sein, man dürfe sich aber nicht als solche fühlen. Wer wirklich Elite ist, nennt sich nicht so. Konsequenterweise heißt auch eine Joghurtsorte, deren Becher sich durch einen besonderen Sockel von anderen Joghurts abhebt, »Elite«. Dieser Joghurt wird bei Penny verkauft.

Der Elite-Joghurt schmeckt nicht schlecht. Und auch der Honda Legend ist kein schlechtes Auto. Er fährt sich gut. Er hat 295 PS. Er beschleunigt schnell. Er hat nicht nur eine Sitzheizung, sondern auch eine Sitzkühlung. Er hat viele Knöpfe mit vielen Funktionen. Er kann sich eine bestimmte Position des Fahrersitzes merken und sie auf Knopfdruck wieder einstellen. Beim Rückwärtsfahren filmt eine Kamera das, was hinten passiert. Das Auto bremst, wenn ich meinen Vordermann zu arg bedrängle. Der Wagen hat Super Handling-All Wheel Drive und Active Noise Cancellation und ein Bose-Soundsystem mit Sechsfach-DVD-Wechsler. Und im Beipackzettel steht, dass die Motorhaube zehn Zentimeter nach oben schnellt, wenn ich einen Fußgänger anfahre – damit der vergleichsweise weich aufs Blech fällt, das Blech sich eindrücken kann und die Schädelbasis nicht so brutal auf den Motorblock prallt.

Der Legend sei ein Auto mit »vielen besten Seiten«, heischt Honda, man sei »hingerissen von der Dynamik und Sportlichkeit, die er ausstrahlt«. Kurzum: »So entstehen Legenden.«

Nein, so entstehen sie nicht. Diesem Auto fehlt alles, was es jemals zur Legende machen würde. Ihm fehlt das Unschuldige eines Mini Cooper. Ihm fehlt das Coole eines Alfa Spider. Ihm fehlt sogar ein Lebensgefühl, das etwa ein VW Golf transportiert oder ein Citroën 2CV oder ein Fiat Cinquecento. Wenn der Legend anders hieße, Honda XC 350 etwa oder Honda Ariva, fiele das nicht ins Gewicht. Doch der Legend heißt Legend.

Namen sind insofern eben mehr als Schall und Rauch und Auspuffabgase. Kindern, die Mandy oder Sandy heißen, Dennis oder Kevin, begegnet man anders als ihren Schulkameraden Penthesilea oder Laetitia, Hubertus oder Johann-Friedrich. Ein Name ist eine Entscheidungsheuristik.

Wenn Autos Menschen wären, gälte das auch: Was kann ein Subaru Legacy Kombi anderes sein als Klaus, der Anwalt am Amtsgericht? Was ein Citroën Xsara Picasso anderes als Renate, 53, die mit ihrem Aquarellkurs gerade in die Auvergne fährt? Und muss ein Kia Carens nicht Bernhard sein, der Geschäftsstellenleiter der AOK?

Ein Name kann ein Stigma sein. Das merke ich zum ersten Mal, als ich an einer Tankstelle halte. Ich tanke, zahle, und während der Tankwart mir das Wechselgeld gibt, fragt er mich: »Was’n das für’n Auto?« – »Ein Honda«, sage ich, »ein Honda Legend!« Der Mann grinst tief in sich hinein und fragt: »Honda Legend? Kannste dir keinen Benz leisten, oder was?«

Als ich kurz vor Speyer liegen zu bleiben drohe, bitte ich das Navigationssystem, mich zur nächsten Tankstelle zu bringen. Ich folge treudoof der Elektrostimme – und fahre immer tiefer in eine Großbaustelle. Als ich anhalte und einen Baggerfahrer frage, wo hier die Tankstelle ist, sagt er grinsend: »Die ist schon längst abgerissen. Auch dicke Autos haben schlechte Navis.«

Dann treffe ich C., einen alten Schulfreund. Der studiert Soziologie und träumt seit Jahren davon, sich ein Auto zu kaufen. Er hat viel dafür gearbeitet, in der Universität und in der Kneipe, bis er endlich, endlich das Geld beisammenhatte. Nun hat er sich eine Ente gekauft. Sie ist leicht angerostet, sie ist schmutzig, selbst wenn sie frisch gewaschen ist – und sie hat kein Super Handling-All Wheel Drive. Doch C. steht vor der Ente, streicht über eines ihrer Augen (ja, da ist das nicht bloß ein »Scheinwerfer«!) und sagt: »Dass ich das Auto noch bekommen habe! So eine Legende!« Das gibt mir einen Stich. Ich starre auf den Legend. Ich verabschiede mich von C., fahre los und gebe auf der Autobahn richtig Gas. Dann lege ich die Beatles in den Sechsfach-DVD-Wechsler des Bose-Soundsystems. Baby, you can drive my car, dröhnt es aus den zehn Lautsprechern, die im ganzen Auto verteilt sind, yes, I’m gonna be a star. Die Musik würde auch Hans-Dieter mögen. Und ich, ich darf – wenigstens einmal, ein einziges Mal! – mit dem Legend eine Legende erleben.

Unter der Haube

Motorbauart/Zylinderzahl: 6-Zylinder-V-Motor, 3471 ccm Hubraum
Leistung: 217 kW (295 PS)
5-Gang-Automatikgetriebe, Beschleunigung (0–100 km/h): 7,3 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit: 250 km/h
Durchschnittsverbrauch: 11,9 Liter auf 100 km (Benzin)
Kosten (pro Jahr): Vollkaskoversicherung: Typklasse 29 (Haftpflicht: 21, Teilkasko: 27), Steuer: 236,25 Euro
Basispreis: 56.012,07 Euro

Mehr zum Thema Auto finden Sie unter www.zeit.de/auto

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Leser-Kommentare
  1. Oh du armer, marketingspruchverdummter Manuel. Wer sich so wenig vom 'bling factor' frei machen kann, ist als Journalist fehl am Platz - na, für eine PR- oder Werbekarriere hat's wohl nicht gereicht ;-))

  2. was der bling factor ist, aber einem golf mehr lebensgefühl, als diesem honda zuzusprechen, kann ich nicht nachvollziehen. ich wuerde jedenfalls lieber 300 luxus-ps in
    anspechender huelle fahren, als gölfe, enten, etc...
    es ist doch nur ein auto - und das soll einem angenehme
    fahrgefühle vermitteln - und die resultieren für mich aus dem
    fahren - und nicht aus den vorurteilen anderer leute.
    aber wahrscheinlich wuerden mir auch alle damen in der
    großraumdisco einen korb geben...

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  • Quelle DIE ZEIT, 25.01.2007 Nr. 05
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  • Schlagworte Citroën | Autotest | Subaru | Honda | Kia | Tankstellen
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