Bayern Der getreue Günther

Günther Beckstein ist am Ziel: Der bisherige Innenminister wurde zum Nachfolger von Ministerpräsident Stoiber gewählt. Porträt eines Law-and-Order-Politikers, der auch andere Seiten hat.

Es ist Bundestagswahlkampf 2005, und im preußischen Jüterbog spricht der Bayer Günther Beckstein. Es gibt Freibier, Bratwurst und Humpta-Tätera. Vor einem reichlich betagten Publikum holt Beckstein tief Luft und rattert los. Er beginnt mit einem Loblied auf die deutschen Fluthelfer und auf »unsere tollen Schäferhunde«, die den »hilflosen Amerikanern« nach dem Sturm in New Orleans »mannhaft« Beistand leisten. Sodann schlägt er von dort eine ziemlich wackelige Brücke zu den Terroranschlägen vom 11. September und springt alsbald zurück über den Atlantik zu »den lieben Frauen hier in Brandenburg«, die sich bei Dunkelheit nicht mehr auf die Straße trauten. Irgendwann endet er bei den »prima Wirtschaftsleistungen« der Ostdeutschen, obwohl die Republik und die »sozialistische Schröder-Regierung« insgesamt »im Bremserhäuschen, also in aller Klarheit: im letzten Waggon bei Rotlicht« säßen.

Becksteins öffentliche Ansprachen – sie sind meist ein irrwitziges Sammelsurium aus losen Gedanken, wilden Wortbildern und verwirrenden Bandwurmsätzen. Sähe man nicht, wer da in Jüterbog am Rednerpult steht, man könnte meinen, Edmund Stoiber sei gekommen. Daheim in Bayern nennen manche Beckstein deshalb »die Stimme seines Herrn«.

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Das klingt vielleicht ein wenig übertrieben, aber eines ist wahr: Der Politiker Günther Beckstein ist, wie er selbst immer wieder gesagt hat, »ein glasklarer Stoiber-Mann«. Der bisherige Ministerpräsident holte ihn 1988 als Staatssekretär ins Innenministerium und machte ihn 1993 zum Polizeiminister. Beckstein dankte es ihm mit jahrzehntelanger Nibelungentreue: »Auf Stoiber lass ich nichts kommen, gegen ihn mach ich nichts.«

Dieser Treueschwur hat ihm viel abverlangt. Zweimal war Bayerns Ewigkeits-Innenminister aufgebrochen, um nach gewonnener Bundestagswahl Höheres zu werden: Innenminister in Berlin oder Ministerpräsident in München. Doch stets hing seine weitere Laufbahn nicht nur vom Wahlergebnis, sondern vor allem von den Launen und Entscheidungen seines Förderers ab. Wurde Stoiber nicht Kanzler, Europapräsident oder wenigstens Supersonderwirtschaftsfinanzminister, musste Beckstein bleiben, was er war. Immer wieder ordnete er sich den Gemütszuständen Stoibers unter – bis zur Selbstaufgabe. Anfang des Jahres allerdings hatte er die Nase voll und rottete sich in einem Hinterstübchen mit Erwin Huber zusammen, um das Fell des inzwischen erlegten Stoiber zu verteilen. An diesem Dienstag wird er nun zum neuen Ministerpräsidenten gewählt.

Aller Voraussicht nach nur einer für den Übergang, für höchstens fünf bis sieben Jahre. Denn Beckstein ist bereits 63, kein Mann für den großen Neuanfang, für das Bayern des 21. Jahrhunderts. Der Protestant aus Nürnberg, äußerst beliebt bei den Landräten und beim mehrheitlich katholischen Parteivolk, steht für Solidität und Kontinuität, für »keine Experimente, bitte«. Für die aufgeraute CSU ist er nach den hektischen Stoiber-Jahren und dessen quälendem Niedergang und Abschied die notwendige Beruhigungspille. Beckstein kennt jeder, er war schon immer da, seit 33 Jahren im Landtag, seit 19 Jahren im Regierungsgeschäft. Und alle wissen, wofür Beckstein steht. Schließlich ist er, solange zumindest die Jüngeren in der CSU denken können, nur für ein einziges Thema zuständig: die Innere Sicherheit. Darin liegt für ihn eine Gefahr, denn Beckstein muss erst noch beweisen, dass er sich aus dieser inhaltlichen Enge befreien kann.

Die Seite des »Mister null Toleranz« ist schnell erzählt. Ja zur schnellen Abschiebung von verdächtigen Ausländern, zur Rasterfahndung und zu verdachtsunabhängigen Kontrollen. Ja zur Videoüberwachung auf öffentlichen Plätzen, zu einem strengeren Jugendstrafrecht und zum Einsatz der Bundeswehr im Innern. Ja zum Lauschangriff, zum NPD-Verbot und zur unnachgiebigen Verfolgung selbst kleiner Apfeldiebe. Nein zum individuellen Grundrecht auf Asyl, zum erweiterten Datenschutz und zum Kopftuch für muslimische Beamtinnen. Blind konnte man darauf vertrauen, dass Beckstein selbst auf die rabiatesten Forderungen Otto Schilys und später Wolfgang Schäubles noch einen draufsetzte.

Es gibt aber noch eine andere Seite des Günther Beckstein. Sie dürfte bei der Wahl des künftigen Ministerpräsidenten wohl den Ausschlag gegeben haben. Beckstein hält sich nicht für unfehlbar, schätzt Widerspruch und Widersprüche – ganz anders als Stoiber. Geduldig setzte er sich stundenlang der Kritik evangelischer Pfarrer an seiner harschen Asylpolitik aus. Daheim am Küchentisch fahren ihm seine Frau und seine drei Kinder dazwischen. Einer seiner Söhne hielt sein Vorhaben, Schulschwänzer mit Blaulicht zum Unterricht zurückzubefördern, für »völlig übertrieben«. Und gleich nach den Anschlägen vom 11. September überredete er den zögerlichen Stoiber, gemeinsam mit ihm eine Moschee in Nürnberg zu besuchen. »Edmund, wir brauchen ein Zeichen der Toleranz.«

Nach dem hochfahrenden, kühlen, nüchtern-technokratischen Edmund Stoiber sehnen sich viele Bayern nach einer Verschnaufpause. Der menschelnde Günther Beckstein könnte sie füllen. Für eine kurze Weile.

 
Leser-Kommentare
    • Anonym
    • 10.10.2007 um 9:42 Uhr

    Ein kleiner Beitrag des freibayerischen Untergrunds zur Beckstein-Wahl. Gut, dass uns die Amis das Internet geschenkt haben, so kann gegen die jahrzehntelange Volksverdummung zumindest in Ansätzen gestunken werden. Die Beweihräucherung der CSU von ALLEN bayerischen Medien ist zum kotzen.

    http://dorfkramer.blogspo...

  1. 2. mit

    beckstein wird bayern wie nrw oder posemuckl.
    die zeiten von grandezza sind vorbei.
    fränkischer kirchtum und
    kirchlich(evangelisch) souffliertes
    männerproletariat werden
    einzug halten - hurra.
    soviel stoiber auch gestammelt haben mochte, er
    lebte die größenphantastica bavariae.
    jetzt kommt stampfgemüse mit bohnen.

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