Der Mensch ist Architekt von Anfang an. Als befehle es ein genetischer Code, bauen schon Zweijährige Brücken aus Bauklötzen, Höhlen aus Decken und Häuser aus Kartons. Doch mit der Einschulung bricht der kindliche Bauboom plötzlich ein. Mit der Initiative »Kammer in der Schule« (KidS) will die Architektenkammer Nordrhein-Westfalen das Interesse wieder wecken und die Schüler für ihre gebaute Umwelt sensibilisieren. Architektenkammer Nordrhein-Westfalen BILD

Vielen sei gar nicht klar, wie Häuser und Städte, in denen sie leben, entstünden, sagt die Düsseldorfer Architektin Petra Sievert. Ein Jahr lang hat sie deshalb mit einem Kunst-Leistungskurs Pläne gezeichnet, Baustellen besucht und das Wohnumfeld der Schüler analysiert. Für ihren Beruf wolle sie damit nicht werben, sagt Sievert, »davor kann ich nur warnen«.

Experten des Informationssystems Studienwahl und Arbeitsmarkt (ISA) bescheinigten Architekturstudenten »finstere Berufsaussichten«. Schon die offizielle Arbeitslosenquote unter Architekten ist mit über neun Prozent mehr als doppelt so hoch wie die durchschnittliche Quote unter Akademikern. Die Dunkelziffer liegt vermutlich deutlich darüber, und eine Entspannung ist laut ISA nicht in Sicht.

Deshalb gehe es ihr eher darum, ein realistisches Bild von der Arbeit des Architekten zu vermitteln, sagt Sievert. »Kunst ist dabei leider nur ein geringer Teil.« Architekten müssen nicht nur gut zeichnen können, sondern auch gut rechnen und geschickt kommunizieren. Und sie müssen sich in einem Dschungel von Vorschriften auskennen und sich notfalls mit den zuständigen Ämtern über deren Auslegung streiten. Wichtiger ist ihr aber noch, dass die Schüler sich die Frage stellen, warum so gebaut wird, wie gebaut wird. »Es geht darum, die Schüler mündig zu machen«, sagt Sievert. »Diejenigen, die später Architektur konsumieren, genauso wie diejenigen, die später vielleicht Architektur machen werden.«

Zwar sehen die Lehrpläne vieler Länder auch Unterrichtseinheiten zur Architektur vor, allerdings immer fakultativ. Doch viele Lehrer trauten sich nicht heran, weil sie selbst nur wenig Ahnung von Architektur hätten, sagt Riklef Rambow, der sich am Lehrstuhl für Theorie der Architektur an der TU Cottbus mit der Didaktik des Fachs beschäftigt. Initiativen wie KidS seien darum zwar wichtig, doch meistens mangele es an Kontinuität.

Um Architektur wirklich in den Bildungskanon einzubetten, rät Rambow daher, ihre Didaktik zu professionalisieren. »Es muss nicht unbedingt ein eigenes Schulfach Architektur geben«, sagt er. Das Thema eigne sich aber sehr gut für fächerübergreifende Projekte. »Stadtplanung kann ebenso gut aus der Sicht der Kunst wie aus der Sicht der Sozialkunde oder der Geografie behandelt werden.« Damit sie aber überhaupt behandelt wird, müsste sie in der Ausbildung der Lehrer eine Rolle spielen. Als Hilfestellung für den Unterricht haben die Architektenkammern von Hessen und Nordrhein-Westfalen die Arbeitsmappe Alles nur Fassade? Wohnung, Wohnumfeld und das Bild der Stadt herausgegeben, die aus dem Internet geladen oder als Klassensatz bestellt werden kann. Und weil auch Architekten Fragen von Stadtplanung, Hochbau und Wohnraumgestaltung besser in die Öffentlichkeit tragen sollen, hat die TU Cottbus vor zwei Jahren den ersten Masterstudiengang für Architekturvermittlung gegründet.

Seit anderthalb Jahren gibt es Architekturprojekte für die Schule auch als Dienstleistung: Andreas Corneliussen hatte bei einer Architekturmesse erlebt, dass sich Kinder auch jenseits des Lego-Alters noch für das Bauen interessieren. Gut fünfzig Jungen und Mädchen beteiligten sich an seinem Wettbewerb und bauten ihre Traumstadt als Modell. Der Ansturm brachte Corneliussen auf eine Geschäftsidee: Neben seinem Architekturbüro auf der Zeche Waltrop bietet er Ferien- und Wochenendkurse für Schüler an, zeichnet mit ihnen Fassaden und baut Modelle. Auf Wunsch besucht er mit seinem Archiscool-Projekt auch Schulen, um daran zu erinnern, dass es neben der virtuellen Welt von Computerspielen und Internet auch noch eine wirkliche gibt. »Schließlich ist Architektur die Bühne, auf der unser Alltag spielt.«