Klassiker der Moderne (47) Wir Kellerkinder

Die "Basement Tapes" von Bob Dylan & The Band nahmen das Prinzip des Homerecordings vorweg. Auf der 1975 erschienenen Platte mischen sich warme Südstaatenklänge mit elektrifiziertem Folkrock

Vor vierzig Jahren trafen sie sich im Keller des verlotterten Landsitzes Big Pink in der Nähe von Woodstock zum Musikmachen, Bob Dylan und The Band, die damals noch The Hawks hießen. Die auf dem Cover zum Familienfoto gebannte Freakshow aus Farmern, Musikerkumpels und Varieté-Hippies mutet an wie eine pittoresk überzeichnete Urszene für spätere Garagenbands: mit Freunden abhängen und es fließen lassen. Dylan suchte Erholung nach einem Motorradunfall, doch bei dem lockeren Beisammensein entstand ein Haufen legendärer Tonbandaufnahmen. Die Basement Tapes nahmen das Prinzip des Homerecordings vorweg. Einige Songs der lange als Bootleg durch die Plattenläden geisternden Liedersammlung dienten gar Zeitgenossen wie den Byrds als Hit, bevor eine Auswahl 1975 offiziell als Doppel-LP erschien.

Dylans Kunst, den amerikanischen Traum für die Gegenwart zu interpretieren, indem er seine Geschichten in Proustschem Tonfall erinnert und zugleich als Sammlung gegen den Strich gebürsteter Moritaten erzählt, paart sich hier mit der warmen Musik des Südens und der aufgekratzten Stimmung des frisch elektrifizierten Folkrock. Tragikomische Balladen und Säuferlieder, das überlieferte Klagen der zu Chain Gangs zusammengeketteten Sträflinge, Gauklergeschichten und Hillbilly mischen sich mit aller Energie, die der Blues aus den Kellersteckdosen saugte. Selten klang Dylan so entspannt, und selten wurde aus der Intimität absichtslosen Herumtändelns der Moment so exakt ins Mark getroffen.

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Im Schlurfen des Rhythm and Blues balancieren die Silben auf zerdehnten Vokalen. Der wechselnde Chorus der Bandmitglieder ist geerdet im rauen Gesang des Gitarristen Robbie Robertson und erstirbt fast in Songs wie Tears of Rage, die der früh verstorbene Richard Manuel mit bittersüßem Falsett intoniert. Jeder Saitenanschlag von Rick Dankos Bass zieht durch bis ganz nach unten, obendrüber flötet und zirpt kirmesselig Garth Hudsons Orgel. Alle Versammelten beherrschen mehrere Instrumente, der Schlagzeuger Levon Helm wechselt manchmal zur Mandoline, die er zupft wie eines der abgerissenen Männlein aus den Bergen, von denen die Lieder handeln.

Die Innigkeit des Zusammenspiels, die Bereitschaft, Spaß vor Ego zu setzen, macht The Basement Tapes zu einem besonderen und einmaligen Zeugnis unter all den Platten, die Dylan herausbrachte – auch The Band gelangten selten über diese Ursession hinaus. Die in ländlicher Idylle erlebte Gemeinsamkeit ist dabei der gute Geist, der zwischen Tradition und Moderne vermittelt, ohne das zarte Geheimnis der Figuren zu zerstören. Der Wunsch, es scheu vor der Außenwelt zu hüten, leuchtet als Erklärung für die acht Jahre verspätete Veröffentlichung mehr ein als die Rolle, die undurchsichtige Plattenfirmenstrategien gespielt haben mögen. Heute blieben solche Kellerkompositionen nicht lange verborgen. Die Hausmusiker selbst gäben sie flugs auf MySpace oder YouTube preis.

Bob Dylan & The Band: The Basement Tapes (Columbia/Sony)

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 25.01.2007 Nr. 05
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    • Schlagworte Bob Dylan | Musik | Sony | Blues | Woodstock
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