Nun ist es also endlich vorbei. Man scheut sich, diesen Satz einfach so hinzuschreiben, weil er für lange, qualvolle Tode reserviert ist und nicht für 27-jährige Sportler, die ihre Karriere beenden, wie es der Fußballspieler Sebastian Deisler in der vergangenen Woche getan hat, als er im stickig heißen Presseraum des FC Bayern München stand, ein letztes Mal ausgeleuchtet vom Licht der Kameras, doch schon in Zivil gekleidet. Er habe »nicht mehr mit der richtigen Freude Fußball gespielt«, sagte er, »es war zuletzt für mich eine Qual«. Auf die Frage, ob er lediglich über seinen Körper spreche, über sein malades rechtes Knie, antwortete er: »Da gibt es auch andere Dinge.« Dann hob Deisler noch einmal entschuldigend die Hände, als sei ihm gerade ein Fehlpass unterlaufen. Schließlich ging er mit einem kurzen, hilflosen Winken. Hat sich und seine Fans erlöst: Sebastian Deisler BILD

Ein Tod war das zwar nicht, und doch scheint es, als hätten wir der öffentlichen Person »Sebastian Deisler« über Jahre beim Verschwinden zugesehen. Vorige Woche ist sie endgültig gegangen, auf eigenen Wunsch. Nun ist es also endlich vorbei.

Deislers Karriere war so kurz, verlief so schnell, dass etliche deutsche Fußballfans noch ihren Anfang in Erinnerung haben – diese Perspektive ähnelt dem liebevollen Blick von Eltern auf ihr Kind und erklärt die große Anteilnahme an Deislers Weg durch die Widrigkeiten der Fußballwelt. Es hatte alles so unbeschwert begonnen: 1999 war es, da schwärmte Deisler in einem seiner wenigen Interviews von »diesem wunderbaren Geräusch, wenn der Ball an die Latte klatscht«. Wie muss er seinen Sport geliebt haben, wenn er sogar von einem Fehlschuss schwärmen konnte? Und welche körperlichen und seelischen Strapazen sind zu erahnen, wenn sich derselbe Mensch acht Jahre, 16 Verletzungen, sechs Operationen und eine öffentlich debattierte Depression später mit dem Hinweis zurückzieht, der Fußball sei für ihn zuletzt nur noch »eine Qual« gewesen?

Deislers Abschied trifft uns Fußballfreunde, aber er überrascht uns nicht. Vielmehr müssen wir eingestehen: Das langsame Sterben der Medienfigur »Sebastian Deisler« hatte tragischerweise schon mit deren Geburt eingesetzt, und wir – Medien wie Zuschauer – sind vielleicht nicht ganz schuldlos daran.

Es war der 6. März 1999, als die deutsche Öffentlichkeit Sebastian Deisler vereinnahmte wie wohl keinen Fußballspieler vor ihm. Die Szene wurde oft beschrieben: Deisler war 19 und weithin unbekannt, als ihm an jenem Frühlingstag um 17.01 Uhr im Spiel gegen 1860 München, tief im Mittelfeld, der Ball vor die Füße fiel. Deisler hat diesen Ball nicht mehr hergegeben, die ganzen 60 Meter nicht, und am Ende eines unfassbar schönen Solos beulte dieser Ball mit Wucht das Netz. Für den Teenager war es sein erstes Bundesligator, für die Fans war es eine Art Erlösung. Die Nationalelf rumpelte damals erfolglos durch die Weltmeisterschaften, die deutsche Volkssportseele suchte einen Hoffnungsträger – so war Deisler fortan der »Fußballprinz«, der »neue Beckenbauer«, das »Jahrhunderttalent«. Und er war es ja wirklich mit seiner Schusstechnik, seiner Dynamik, seiner Unbekümmertheit! Es gab Zeiten in der Nationalelf, da kam ein gewisser Michael Ballack erst ins Spiel, wenn Deisler ausgewechselt wurde. Deisler war das Heilsversprechen des deutschen Fußballs. Doch seine Karriere wurde ein Leidensweg, weil die Erwartungen an ihn seine Leistungen stets noch ein Stückchen übertrafen, gleichgültig, wie gut sein Spiel auch sein mochte. All die Verletzungen haben es ihm dabei nicht leichter gemacht.