Nach dem Fall der Mauer und dem Ende des Kommunismus gehörte es zur Lieblingsübung vieler Intellektueller, der Utopie die Totenglocke zu läuten. Es war voreilig. Die Utopie war nämlich nicht verstorben, sie hatte bloß die Seite gewechselt und erlebte in der Ökonomie ihre Wiederauferstehung. Dort, in der Wirtschaft, wurde sie stark und mächtig. Ihren größten, wenngleich kurzen Triumph feierte sie Mitte der neunziger Jahre, in der New Economy. Damals glaubte die halbe Welt, Geld könne sich ohne Umweg über riskante Direktinvestitionen vermehren – allein am Finanzmarkt, im Cyberspace der Börse, ohne Bodenberührung mit dem Tal der Tränen, der realen Produktion.

Enron war der Name des amerikanischen Unternehmens, das diese Utopie zur Perfektion reifen ließ. Der texanische Lobbyist Kenneth Lay hatte aus einer Klitsche, einer Handvoll kleiner Gasunternehmen, einen Giganten gezimmert, der rasch zum siebtgrößten Unternehmen der USA aufstieg. Er verkaufte nicht nur Gas und Öl, sondern spekulierte auch mit Rohstoffoptionen und Termingeschäften, sogar mit dem Wetter. »Kenny-Boy« war bald everbody’s darling, Liebling der Banken und ihrer famosen Analysten und natürlich Liebling erst von Bill Clinton, später von George W. Bush. Sogar den Chef der Energieaufsichtsbehörde durfte er sich aussuchen. Doch 2002 brach sein Kartenhaus über Nacht zusammen, die Bilanzen waren allesamt gefälscht. Tiefer ist noch kein Unternehmer gefallen. Beim größten Firmenzusammenbruch in der US-Geschichte verbrannten fast 70 Milliarden Dollar Bösenkapital. Die Lichtgestalten der New Economy landeten im Gefängnis, einer nahm sich das Leben, Kenneth Lay starb an Herzversagen.

Doch wie konnte das Wirtschaftsverbrechen überhaupt geschehen? Welche politischen und vor allem welche weltanschaulichen Weichen mussten gestellt sein, damit so ein fiebriges Wahngebilde über Jahre Bestand hatte? Enron – The Smartest Guys in the Room heißt der im vergangenen Jahr für einen Oscar nominierte Dokumentarfilm, der auf das Rätsel eine Antwort sucht, ohne es im Letzten lösen zu wollen. Denn in den besten Augenblicken gibt Regisseur Alex Gibney die eigene Fassungslosigkeit einfach an den Zuschauer weiter, und gerade dies macht den mit gespenstischer Präzision montierten Film überaus spannend. Zum Beispiel wenn er schildert, wie Enron in Kalifornien erst einen Kreuzzug gegen die dortigen Energiegesetze führte, um dann den deregulierten Markt aufzurollen. Dabei gingen die Trader buchstäblich über Leichen. Nach Belieben ließen sie Kraftwerke herunterfahren und ganze Städte in Finsternis versinken, um den Strompreis in die Höhe zu treiben. Es funktionierte, sie verdienten sich eine goldene Nase. Als schließlich jene Politiker protestierten, die dem Unternehmen zu Diensten gewesen waren, ernteten sie von Enron Hohn und Spott. In Kalifornien, so Vorstands-Chef Jeffrey Skilling, habe es nicht zu viel, sondern zu wenig Deregulierung gegeben. »Was ist der Unterschied zwischen Enron und der Titanic? Auf der Titanic brannten beim Untergang noch die Lichter.«

Die New Economy, das macht der Film klar, war ein fiebriger Goldrausch, die Verheißung absoluten Reichtums im profanen Diesseits gesättigter Märkte. »Get rich« lautete der Spruch, mit dem sich die Enron-Trader am Telefon verabschiedeten, und selbst ein paar Millionen waren für sie nur Peanuts. Wie immer in solchen Zeiten lieferte der Sozialdarwinismus ihnen den propagandistischen Treibsatz. Das egoistische Gen, der Bestseller des Biologen Richard Dawkins , war die Bibel von Kenneth Lay, und er folgte ihr aufs Wort. Einmal im Jahr organisierte er eine große Säuberung, das »rank and yank«. Mitarbeiter wurden auf Tauglichkeit gemustert, zehn Prozent rituell gefeuert.

Warum der Kapitalismus im Fall der Enron-Sekte kriminell wurde, ist oft mit der dunklen Seite der Menschennatur, vor allem mit ihrer Habgier erklärt worden. Ergiebiger ist allerdings Gibneys Hinweis auf Ronald Reagans neoliberale Revolution. Sie hatte dafür gesorgt, dass der Gesetzgeber sich aus dem Marktgeschehen zurückzog und Firmen wie Enron freie Bahn erhielten. Kurzum, der Traum der New Economy sollte sich ganz und gar im staatenlosen Himmel der Aktienbörse erfüllen. Eindrucksvoll zeigt dieser Film, wie das Geld imaginär wurde, während die Folgen real blieben. Als Enron zusammenkrachte, verloren Tausende Amerikaner ihren Job und ihre Alterssicherung. Get poor.