Vor einigen Jahren wurde ein Freund von mir Mitglied einer interdisziplinären, überwiegend aber geistes- und kulturwissenschaftlichen Forschungsgruppe an einer sehr renommierten Institution. Die Gruppe wurde mit rund einer Million Euro gefördert. Am Abend nach der Eröffnungskonferenz saßen die Fellows beim Wein zusammen, und als es richtig gemütlich zu werden begann, fragte mein Gewährsmann in die gehobene Stimmung hinein, wie man denn dem Steuerzahler gegenüber rechtfertige, dass die Gruppe sich nun für ein Jahr unter höchst komfortablen Bedingungen Gedanken machen durfte. Schallendes Gelächter. Er hatte das aber gar nicht als Witz gemeint. Immanuel Kant und seine Definition von Aufklärung aus dem Jahr 1784. BILD

Als er auf seiner Frage beharrte, zogen die Kolleginnen und Kollegen deren Legitimität in Zweifel und entlarvten ihn gleich als neokonservativen Verwertungsfetischisten. Dann nahmen sie die klassische Gegenposition ein: dass die Gesellschaft ihre Forschung auch dann zu finanzieren habe, wenn diese keinen sichtbaren Nutzen abwerfe. Schließlich arbeite man ja an der Aufklärung der Gesellschaft über sich selbst, und die sei ja wohl kaum in Zahlen zu messen. Als ich diese Geschichte erzählt bekam, keimte in mir zum ersten Mal der Verdacht, dass man in Zukunft die Geistes- und Kulturwissenschaften eher gegen sich selbst als gegen ihre Angreifer verteidigen müsse.

Denn dieses »Wir sind an sich wichtig«-Argument wird immer eingesetzt, wenn man die Existenz von Geistes- und Kulturwissenschaften zu verteidigen meint, und es stimmt nie. Natürlich kann man, was Geistes- und Kulturwissenschaftler tun, auch in Zahlen ausdrücken. Zum Beispiel erzeugt allein die Kulturwirtschaft – also Galerien, Agenturen, Verlage, Theater et cetera – in Deutschland jährlich eine Wertschöpfung von 35 Milliarden Euro, womit sich dieser volkswirtschaftliche Sektor knapp vor der Software-Industrie und knapp hinter der Energiewirtschaft einreiht. In den USA sind mittlerweile 30 Prozent aller Beschäftigten in den sogenannten creative industries tätig – worunter Medien, Kunst, Bildung, Wissenschaft, Informationstechnologie und Management zählen. Die Metropolen und Regionen, die sich am schnellsten entwickeln, weisen einen gemeinsamen Standortfaktor auf: Ein hochklassiges und liberales kulturelles Klima, und man muss nur an Pisa oder den Erfolg privater Schulen und Universitäten denken, um zu sehen, dass es die Kultur einer Institution ist, die ihre Ausbildungserfolge bestimmt.

Man muss also längst nicht mehr die Selbstaufklärungsbedürfnisse von Gesellschaften und die selige »Unvermeidbarkeit der Geisteswissenschaften« bemühen, um deren Legitimation unter Beweis zu stellen. Sie sind nämlich ohnehin ein immer wichtiger werdender Teil des produktiven Betriebs einer funktional differenzierten modernen Gesellschaft und leisten einfach unverzichtbare Arbeit. Deshalb verspüren sie im Augenblick starken Rückenwind, nicht nur auf der symbolischen Ebene des »Jahres der Geisteswissenschaften«, sondern auch auf der handfesten Ebene der Förderung, wie sie etwa von der Initialzündung »Pro Geisteswissenschaften« ausging, die sich Volkswagen-, Thyssen- und ZEIT-Stiftung sowie der Stifterverband der deutschen Wissenschaft schon 2005 ausgedacht haben.

Man erkennt an solchen Initiativen ebenso wie an den erheblichen zusätzlichen Fördermitteln, die von diesem Jahr an für die Geistes- und Kulturwissenschaften ausgegeben werden, dass unsere Gesellschaft deren Leistungen in Anspruch nehmen möchte. Inzwischen sieht man in sehr vielen Bereichen – ob es um corporate social responsibility, um Völkerstrafrecht, um Gerontopsychiatrie oder um creative cities geht –, wie wenig andere Disziplinen heute auf die Arbeit der Geistes- und Kulturwissenschaften verzichten können. Praktisch sind sie also wichtiger denn je, aber ihr Selbstbild hinkt der Wirklichkeit hinterher. Die überfällige Abkehr vom Image der verwertungsfernen Reflexionsmandarine würde den Blick frei machen für das, was sie tatsächlich tun, die Geistes- und Kulturwissenschaften – und irgendwann käme dann auch niemand mehr auf die Idee, Slogans wie »Geisteswissenschaften – Abc der Menschheit« zu erfinden.