Für deutsche Japanologen ist die Frage nach der Relevanz ein alter Hut. In den siebziger Jahren, lange bevor selbstgefälligen Lebenswissenschaftlern einfiel, den Nutzen der Geisteswissenschaft anzuzweifeln, hatten deren randständigste Vertreter den Streit unerbittlich geführt. Deshalb teilt das Fach sich heute in einen traditionell philologischen und einen gegenwartsbezogenen Zweig, und dessen erfolgreichste Vorkämpferin heißt Gesine Foljanty-Jost.

Sie baute in den neuen Bundesländern aus dem Nichts einen von Mitsubishi finanzierten Studiengang auf wobei sie Wert darauf legt, dass der Konzern keinerlei Einfluss auf das Berufungsverfahren nahm.

Ihre Forschungsprojekte wurden von der Volkswagen-Stiftung, der Japan Foundation und dem japanischen Außenministerium gefördert. Ihre Antrittsvorlesung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg hielt sie 1993 über die Frage »Modernisierung durch Veröstlichung?«.

Und alle sozialwissenschaftlichen Themen, die sie seither mit Blick auf das gegenwärtige Japan setzte, schließen an aktuelle Debatten in Deutschland an: Gewaltprävention an Schulen, Jugendkriminalität als Indikator von Desintegration, gesetzliche Grundlagen für umweltverträgliches Wirtschaftswachstum, kooperativer Staat als Mittel gegen Politikverdrossenheit.

»Japan bietet sich besonders für den Vergleich mit Deutschland an«, sagt Gesine Foljanty-Jost, »weil bei maximalem Kulturkontrast starke historische Parallelen existieren.« Beide Länder seien politische Spätentwickler und hätten diese Rolle im 20. Jahrhundert durch Expansionismus und autoritäre Regime zu kompensieren versucht. Als im Japan der Sechziger jedoch ein ähnlich steiler ökonomischer Aufschwung stattfand wie in Deutschland, sei man hierzulande erschrocken: »Plötzlich passierte am anderen Ende der Welt etwas, was wir nicht verstanden.«

Wenn die Professorin über die Hektik spricht, mit der damals das Hamburger Institut für Asienkunde installiert wurde, schwingt ein wenig Spott mit. » Wir brauchen Regionalwissenschaftler ja nicht als oberflächliche Informateure, sondern als solide ausgebildete Brückenbauer, die langfristige Verständigung ermöglichen.« Das sei eine Frage des Kulturwissens. Sie kennt genug missratene Konferenzen, bei denen deutsche Gäste zum Entsetzen ihrer japanischen Gastgeber nach Vorträgen sofort kritische Einwände erhoben ein typischer »interkultureller Fehler«. Um solche Fehler zu vermeiden, müsse man die Gründe für das unterschiedliche Diskursverhalten von Japanern, die aus einer konfuzianischen Konsenstradition kommen, und Deutschen, die von kantianischer Konflikttradition geprägt sind, kennen.

Gesine Foljanty-Jost, Jahrgang 1952, sitzt in einem morschen Institutsgebäude am Stadtrand von Halle, das sie als »sozialistischen Absturzbau« bezeichnet. Studiert hat sie in Bonn (wo damals zu ihrer Enttäuschung nur klassisches Japanisch gelehrt wurde) und West-Berlin (wo ihr die praxisbezogene Ausbildung zu wenig historisch fundiert war). Sie selbst gehört heute den akademischen Gremien sowohl der Traditionalisten als auch der Modernisierer an. Sie sagt: »Wissenschaftspolitik muss auch Orchideenfächern kontinuierliche Forschung ermöglichen. Arabisten oder Indologen können nicht erst dann anfangen zu arbeiten, wenn akuter Erklärungsbedarf besteht.« So konnte im Zuge der boomenden Japanforschung die deutsche Umweltpolitik der siebziger Jahre viel von der japanischen lernen, etwa die Umkehr der Beweislast bei Ökodesastern. Heute hingegen ist Deutschland Vorbild beim Atomausstieg.