Bioethik Embryos im Test

Im Ausland ist der Gencheck per Präimplantationsdiagnostik (PID) längst erlaubt. Eine neue Studie zeigt: Die befürchteten Folgen sind ausgeblieben. Ein Gespräch

Kaum ein Staat der Welt reguliert den Umgang mit Embryonen so streng wie Deutschland. Viele medizinische und wissenschaftliche Techniken, die in anderen Ländern Anwendung finden, sind hierzulande verboten. Während die Diskussion um die Gewinnung embryonaler Stammzellen anhält, ist es um die sogenannte Präimplantationsdiagnostik (PID) nach Jahren erhitzter Debatten ruhig geworden. Eine neue Studie der Medizinsoziologin Irmgard Nippert untersucht nun die Erfahrung mit dem Gencheck an Embryonen im Ausland. (Ein pdf der Studie können Sie hier herunterladen.)

Die ZEIT: Die Befürworter der PID in Deutschland argumentieren, die Technik ließe sich auf wenige Fälle schwerer Erbkrankheiten begrenzen. Kritiker bezweifeln dies. Sie fürchten außerdem eine zunehmende Diskriminierung Behinderter nach der Einführung des Embryonenchecks. Wer hat bislang recht behalten?

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Irmgard Nippert: Aus meiner Sicht eher die Befürworter der PID. Ich habe für meine Studie die Behandlungszahlen und die vorhandene Literatur in Belgien, Frankreich und Großbritannien zusammengetragen. Das sind die Länder in Europa mit der größten Erfahrung auf diesem Gebiet. Außerdem habe ich mit Ärzten und Bioethikern gesprochen. Als Ergebnis ist festzuhalten, dass von einer unkontrollierten Ausweitung der PID keine Rede sein kann. In England sind zwischen 1990 und 2004 rund 500 Behandlungszyklen mit PID durchgeführt und 100 Kinder geboren worden.

ZEIT: Wie sieht es in Belgien und Frankreich aus?

Nippert: In Belgien liegen die Zahlen vielleicht etwas höher, weil dorthin viele ausländische Paare kommen. In Frankreich werden etwa 100 PID-Behandlungen pro Jahr durchgeführt, die zu 10 bis 20 Geburten pro Jahr führen. Die Tendenz ist zwar leicht steigend, aber auch dort kann man nicht behaupten, dass eine Massenanwendung in Sicht ist.

ZEIT: Worauf führen Sie die eher geringen Fallzahlen zurück?

Nippert: Bei der PID handelt es sich bis heute um eine teure, langwierige und sehr komplexe medizinische Technik. Sie wird nur an hoch spezialisierten Zentren durchgeführt. Die Frauen, die sich für eine PID entscheiden, müssen sich einer künstlichen Befruchtung unterziehen, die sowohl körperlich als auch seelisch belastend ist. Zudem liegen die Chancen auf eine Schwangerschaft bei 15 bis 20 Prozent je Behandlungszyklus. Viele Paare, die ein hohes genetisches Risiko haben, schrecken aus diesen Gründen vor der Prozedur zurück. Sie versuchen, auf natürliche Weise schwanger zu werden, und nehmen später die Pränataldiagnostik in Anspruch.

ZEIT: …und treiben im negativen Fall ab.

Nippert: Richtig. Nach unseren Studien mittlerweile bis über die 30. Woche hinaus. Das bleibt für viele der Grundwiderspruch der Gesetzeslage: dass bei uns der Embryo im Labor faktisch besser geschützt ist als der Fötus im Mutterleib.

ZEIT: Gilt die Beschränkung der PID auf wenige Fälle auch bei der Zahl der Krankheiten?

Nippert: Nein, hier lässt sich eine schrittweise Ausweitung erkennen. In Belgien kommt die PID mittlerweile bei rund 50 monogenen Erkrankungen zum Einsatz, also bei solchen Leiden, wo ein Gen für die schwere Störung verantwortlich ist, wie etwa zystischer Fibrose oder Muskeldystrophien. Auch in Großbritannien und Frankreich erweitert sich das Spektrum von Jahr zu Jahr, da immer wieder Betroffene mit neuen Krankheiten anfragen, ob die PID ihnen helfen kann, gesunde Kinder zu bekommen.

ZEIT: Außerdem wird der Gencheck doch bereits bei Krankheiten angewandt, die erst später im Leben oder eventuell gar nicht ausbrechen.

Nippert: Das ist nur beim BRCA1-Gen der Fall, dessen Träger ein hohes Risiko haben, an Brustkrebs zu erkranken.

ZEIT: Spricht die Entwicklung nicht doch für das Argument der schiefen Ebene, dass alles, was technisch machbar ist, irgendwann auch gemacht wird, wenn einmal die grundsätzliche Erlaubnis gegeben wurde?

Nippert: Nicht unbedingt, denn es handelt sich immer noch um sehr seltene schwerwiegende Krankheiten. Oft gibt es nur einen Fall im Jahr. Für einen generellen Babycheck oder die Tendenz zur genetischen Verbesserung, zu den sogenannten Designer-Babys also, gibt es auch nach 15 Jahren Erfahrung mit der PID nicht den geringsten Hinweis. Die Technik verändert, glaube ich, die Medizin oder die Gesellschaft sehr viel weniger, als die emotional geführte Debatte vermuten lässt.

ZEIT: Aber diese Debatte ist doch gerechtfertigt. Mittlerweile dient der Gencheck ja dazu, Kinder in die Welt setzen, die nicht nur gesund sind, sondern auch noch einen Zweck erfüllen: das Leben eines anderen Menschen zu retten.

Nippert: Sie meinen die sogenannte HLA-Typisierung. Bei dieser speziellen Technik versucht man Kindern mit einer sehr schweren Krankheit das Leben zu retten. Mit Hilfe der PID sucht man ein Spenderkind aus, dessen Gewebe mit dem erkrankten Geschwisterkind kompatibel ist und so als Quelle von Stammzellen oder Knochenmark infrage kommt.

ZEIT: Das ist doch eine Eskalation. Kritiker sprechen von einem lebenden Ersatzteillager.

Nippert: Befürworter, insbesondere die betroffenen Eltern, halten dagegen, dass ihr Kind ohne eine Spende unweigerlich sterben müsse und die PID kein erhöhtes Risiko für das Spenderkind darstelle. Die Argumente haben sich in allen drei Ländern durchgesetzt. Dennoch wird diese Art der PID keinesfalls wahllos angewandt, sondern basiert auf sorgfältigen Fall-zu-Fall-Entscheidungen nach Konsultation mit einer Ethikkommission. Sie beschränkt sich auf sehr wenige Fälle.

ZEIT: Gibt es Hinweise, dass die Einführung der PID das soziale Klima für Behinderte in den Ländern verändert hat?

Nippert: Nein. Es wird oft davon ausgegangen, dass der Umgang mit dem ungeborenen Leben zwangsläufig Auswirkungen auf den gesellschaftlichen Umgang mit dem geborenen Leben hat. Dafür fehlen jedoch die Belege. So hat die Pränataldiagnostik – die Untersuchung des Kindes im Mutterleib auf Krankheiten wie das Down-Syndrom – in den vergangenen 30 Jahren in Deutschland stark zugenommen. Dennoch lässt sich nicht beobachten, dass gleichzeitig die Behindertenfeindlichkeit in unserer Gesellschaft gestiegen ist.

ZEIT: Was wären Ihre Schlussfolgerungen aus den Erfahrungen des Auslands mit der PID?

Nippert: Natürlich ist es eine grundsätzliche Entscheidung, ob man dem Embryo einen absoluten oder einen abgestuften Lebensschutz zubilligt. Man könnte aber überlegen, ob man die PID auch hierzulande in einem regulierten Rahmen zulässt, kontrolliert und dokumentiert von einer zentralen Behörde wie etwa in Frankreich. Auch in Deutschland würde die Technik aller Wahrscheinlichkeit nach nur einer sehr kleinen Minderheit von Patienten vorbehalten bleiben. Heute gehen sie ins Ausland.

ZEIT: Wie groß ist der Reproduktionstourismus?

Nippert: Genaue Zahlen fehlen. Aber ungefähr die Hälfte aller Paare, die in belgische Kliniken zur PID-Behandlung kommen, stammt aus dem Ausland, weit die Mehrheit aus Deutschland. Wohlgemerkt, auch das sind keine Massen, sondern vielleicht ein paar Dutzend im Jahr. Dennoch liegt in der Situation eine gewisse Ungerechtigkeit. Bleibt doch die PID bislang jenen Paaren vorbehalten, die über gute Fremdsprachenkenntnisse und das nötige Geld verfügen, um ins Ausland zu reisen.

Das Gespräch führte Martin Spiewak

Irmgard Nippert ist Professorin am Institut für Humangenetik der Universität Münster. Die im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung erstellte Studie können Sie hier als PDF herunterladen.

 
Leser-Kommentare
    • WIHE
    • 07.02.2007 um 16:16 Uhr

    Da werden in Deutschland mehr 100 000 gesunde (in einer kleinen Minderheit auch kranke Föten) Embryos ausgestattet mit Kopf, Armen und Beinen pro Jahr mit Staatshilfe abgetrieben und damit getötet und dann kommt der selbe Staat und verbietet,
    einen Zellverband von einigen Zellen daraufhin zu untersuchen, ob das der daraus später entstehende Embryo mit Kopf, Armen und Beinen frei ist von Erbkrankheiten, um ihn guten Gewissens einpflanzen und austragen zu können.
    Diese Bigotterie und Scheinheiligkeit ist einfach nicht zu fassen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Vielen Dank für den Kommentar!
    Ich würde sogar noch weiter gehen:
    eine Alternative wäre das vollkommene Verbot sowohl der Reproduktionsmedizin als auch der Abtreibungen.
    Wie kann es sein dass im selben Haus in einem Saal einigen Zellhaufen die größte Aufmerksamkeit zuteil wird und in einem zweitem einem vollkommen gesunden Embryo der Schädel geknackt wird um ihn besser absaugen zu können.
    Was sich hier anbahnt ist soziale Selektion - nichts anderes.

    Vielen Dank für den Kommentar!
    Ich würde sogar noch weiter gehen:
    eine Alternative wäre das vollkommene Verbot sowohl der Reproduktionsmedizin als auch der Abtreibungen.
    Wie kann es sein dass im selben Haus in einem Saal einigen Zellhaufen die größte Aufmerksamkeit zuteil wird und in einem zweitem einem vollkommen gesunden Embryo der Schädel geknackt wird um ihn besser absaugen zu können.
    Was sich hier anbahnt ist soziale Selektion - nichts anderes.

  1. Vielen Dank für den Kommentar!
    Ich würde sogar noch weiter gehen:
    eine Alternative wäre das vollkommene Verbot sowohl der Reproduktionsmedizin als auch der Abtreibungen.
    Wie kann es sein dass im selben Haus in einem Saal einigen Zellhaufen die größte Aufmerksamkeit zuteil wird und in einem zweitem einem vollkommen gesunden Embryo der Schädel geknackt wird um ihn besser absaugen zu können.
    Was sich hier anbahnt ist soziale Selektion - nichts anderes.

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