Polit-ThrillerSteine aus der Hölle

Edward Zwicks politischer Thriller »Blood Diamond« über Afrikas Diamantenkriege.

Die Handkamera schleudert uns mitten hinein in den Überfall der Rebellentruppe: Macheten schneiden wie Sensen durch die Luft, Gliedmaßen landen abgehackt auf Holzböcken, Leichenberge häufen sich zwischen Palmen. Aus dem Gemetzel schält sich die Geschichte des in den Diamantenminen versklavten Fischers Solomon Vandy (Djimon Hounsou). Die Suche nach seinem verschleppten Sohn und einem wertvollen Rohdiamanten treibt ihn nur wenig später kreuz und quer durch das bürgerkriegsversehrte Sierra Leone. Der weiße Exsöldner und Diamantenschmuggler Danny Archer (Leonardo DiCaprio) und die amerikanische Journalistin Maddy Bowen (Jennifer Connelly) unterstützen ihn aus keineswegs uneigennützigen Motiven: Sie hofft auf Fakten über den schmutzigen Handel von Diamanten gegen Gewehre, Archer will über den pinkfarbenen Hochkaräter einfach nur raus aus der afrikanischen Hölle.

In einer bravourösen Gratwanderung zwischen Aufklärung und Unterhaltung entreißen Edward Zwick und seine Starcrew einen der blutigsten Kriege auf dem afrikanischen Kontinent dem Vergessen. Vorwiegend als Kampf um die Hoheit über die Diamantenressourcen führten ihn die Warlords beider Seiten in den neunziger Jahren gleichermaßen rücksichtslos. Profiteure waren der internationale Diamantenhandel sowie seine wechselnden politischen Verbündeten. Im Januar 2002 wurde der zerstörte westafrikanische Zwergstaat mithilfe der UN in einen explosiven Frieden entlassen.

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Zugedröhnte Kindersoldaten, Flüchtlingselend, westafrikanische Marodeure, skrupellose südafrikanische Bosse: Blood Diamond lässt nichts aus, um an das Gewissen der Diamantenkäufer zu appellieren. Zwar hat sich die Diamantenindustrie inzwischen gemeinsam mit 71 Nationen verpflichtet, den illegalen Handel mit Zertifikaten und versiegelten Containern zu unterbinden. Doch Menschenrechtsgruppen verweisen darauf, dass aufgrund korrupter Regime, poröser Grenzen und mangelnder unabhängiger Kontrollen auch weiterhin »Blutdiamanten« aus Krisengebieten durch Schlupflöcher in die internationalen Märkte drängen. Die durch den Film aufgescheuchte Diamantenindustrie hielt schon Monate vor der US-Premiere mit einer millionenschweren Imagekampagne dagegen.

Trotz seiner politischen Stoßrichtung gelingt es dem Regisseur Edward Zwick, die Suche nach dem wertvollen Stein auch ins Archetypische zu heben. Afrikas zerissene Dschungel-, Wüsten- und Bergkulisse sowie die obligatorischen Sonnenauf- und untergänge erweisen sich mit den Bildstörungen des Krieges zunehmend als Seelenlandschaft der zwischen den Fronten zerriebenen Helden. Im Trio der ungleichen Stars brilliert vor allem Leonardo DiCaprio. Ein Verwandlungskünstler ist dieser schon an seinem Akzent erkennbare Archer aus Simbabwe, der seinen Platz in Afrika nach dem Ende der Apartheid nicht mehr findet. Ursprünglich kämpfte er in Angola gegen die Schwarzen, nun paktiert er mit der verachteten Guerilla beim Tausch von Diamanten gegen Waffen. Außer seiner Militärerfahrung hat er einzig die blitzschnellen Reaktionen eines Tiers auf der Lauer und einen weitausgreifenden Gang zu bieten. Der Film erzählt die Liebesgeschichte von Danny und Archer mit Reminiszenzen an Casablanca: Ihr anfänglicher Schlagabtausch um Moral und Krieg mündet immer mehr in ein gegenseitiges Streicheln mit Blicken und Schweigen. Trotz Zehntausender Kriegstoter und zwei Millionen Vertriebener funkelt in Hollywood Sierra Leones kostbarer Diamant als Symbol der Liebe.

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Leserkommentare
  1. STEINE AUS DER HÖLLE von Barbara Lehmann

    Es freut mich als ein Jahr mit einem Ford Transit durch Afrika gereisten Leser einen fundierten Artikel über den Film Blood Diamond zu lesen. Barbara Lehmann scheint sich mit Afrika bestens auszukennen und das kommt in der Kritik auch sehr gut herüber. Sie tappt auch nicht in die sonst so beliebte Sentimentalitäsfalle die Afrika mehr schadet als hilft.

    Ich habe den Film mit meiner Reise-Partnerin Gisi vor zwei Tagen angesehen. Realistisch denken wir uns schon bei den ersten Szenen – endlich sehen wir mal Afrika, wie es wirklich ist im Kino. Es ist jedoch Afrika von seiner schlimmsten Seite, noch schlimmer als wir es in der ZAR, der Zentralafrikanischen Republik, der Republik Kongo und der Demokratischen Republik Kongo selbst erlebt haben. Einen Vorgeschmack wie der Ausnahmezustand wohl sein würde bekommen wir in diesen Ländern jedoch mit. Kalaschnikows, die auf uns gerichtet werden, Jeeps mit schweren MGs die auf uns zielen, beschossen werden und Folterungen von Menschen kennen wir leider auch aus eigener Erfahrung. Schüsse klingen in Blood Diamond auch fast wie in der Wirklichkeit – eine Kalaschnikow hört sich auch beinahe wie eine Kalaschnikow in Natura an. Gisi und ich kommen deshalb auch ziemlich aufgewühlt aus dem Kino heraus. Selten können wir einen Film so nachempfinden – selten trifft er uns so im Nerv. Es sei hier jedoch nachdrücklich erwähnt, dass wir in Afrika großteils positive Erlebnisse hatten.

    DiCaprio legt den Söldner Danny Archer sehr subtil an. Schichtenweise wie eine Zwiebel werden die verschiedenen Facetten seines Charakters enthüllt. Sehr für uns nachvollziehbar erweckt DiCaprio seine Rolle zum Leben. Ebenso brilliert Djimon Hounsou in der Rolle des Fischers Solomon Vandy – beide sind zu Recht für den Oscar nominiert. Wir haben es im Laufe unserer einjährigen Reise durch Afrika mit vielen Solomons zu tun gehabt. Deshalb empfinden wir ihn wohl abseits jeglicher Klischees, wenngleich viele Europäer dies mit ihrer eurozentristischen Sichtweise sicherlich anders sehen werden. Um diesen Film wirklich vollkommen mitleben zu können wäre es hilfreich einige Zeit auf dem dunklen Kontinent verbracht haben. Eine gefühlsmäßige Achterbahn mit erstaunlichem Tiefgang ist der Film allemal.

    Barabara Lehmann hat die tiefere innerer Bedeutung von Blood Diamond erkannt. Das Chaos spielt sich nicht nur in der Realität sondern auch in den Köpfen der Hauptdarsteller ab. Dies macht den Film so beeindruckend und transportiert so ganz nebenbei die moralische Botschaft. Damit bewirkt Blood Diamond mehr als es unzählige Dokumentaionen über Blutdiamanten jemals könnten.
    Rüdiger Riegler - weltleben.at

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