Pomona liegt zwischen Los Angeles und den Bergen, mit grünen Bäumen und einer guten Universität, diesseits vom Paradies und irgendwo im Nirgendwo. Es ist eine unwirkliche kleine Stadt, gerade richtig für diesen Mann, der hier lebt, weil er hier unterrichtet und viel Tennis spielen kann. David Foster Wallace: ein Name wie ein Raunen. DFW, wie ihn die Fans nennen, ist ein großer Stilist, ein Humorist, ein Chronist des amerikanischen Irreseins. Seine Bücher leben vom Vertrauen in die Kraft der Literatur – ihn interessiert die ewige Frage, was die DNA des Durchschnittsamerikaners ist, was in den Hirnwindungen unserer Zeit passiert, mit ihrer Absurdität, ihrer Leere, ihrer Traurigkeit. Sein neuer Geschichtenband »In alter Vertrautheit« versucht zu beschreiben, wie Heuchelei, Hass und vielleicht das Böse in die Welt kommen: ganz langsam, ganz harmlos, im Kopf jedes Einzelnen. 2008 soll endlich sein großer Roman »Infinite Jest« auch auf Deutsch erscheinen. Ein Roman über Tennis. Und alles andere.
G.D. David Foster Wallace, Kultautor aus Kalifornien BILD

DIE ZEIT: Kennen Sie MapQuest?

David Foster Wallace: Diese Internetsache? Mehr oder weniger.

ZEIT: Ich hatte eine Karte von MapQuest dabei, als ich über die Freeways von Los Angeles hierher nach Pomona gefahren bin, und ich hatte dieses eindeutige David-Foster-Wallace-Gefühl. Es fühlte sich an, als hätte ich mein Gehirn outgesourct.

Foster Wallace: Aber MapQuest ist auch nur eine Maschine, wie ein Geschirrspüler, der macht Ihre Arbeit. Wenn man nicht MapQuest benutzt, dann benutzt man eben eine normale Karte. Aber ich weiß schon, was Sie meinen: MapQuest ist ein gutes Beispiel dafür, wie das Internet uns mit Informationen überschwemmt. MapQuest wird dir sagen, wie du jeden nur denkbaren Ort auf der Welt findest. Aber natürlich wirst du nichts darüber erfahren, ob es sich auch lohnt, dorthin zu fahren.

ZEIT: Willkommen im Niemandsland! Das ist jenes »Oblivion«, das Sie in Ihrem neuen Geschichtenband beschreiben – jener Zustand zeitgemäßer Verwirrtheit und Verlorenheit, der die Figuren in diesem Buch fast ersticken lässt.

Foster Wallace: Sie können es so sagen: Nichts wird heute mehr dem Zufall überlassen, alles wird kontrolliert. Und das erst schafft diese Verwirrung. Ich finde das faszinierend. Wenn Sie zum Beispiel eine Fernsehwerbung sehen, dann ist die Farbe des Kleides, das das kleine Mädchen anhat, wieder und wieder getestet worden, von Fokusgruppen und professionellen Psychologen – die alles darüber wissen wollen, was im Kopf des Konsumenten vor sich geht. Diese Welt beschreibe ich in der Geschichte Mister Squishy.

ZEIT: In der Sie das Hirn dieser Marktforschungslemuren so lange auswringen, bis es leer ist. Ist das Ihr Kommentar zum heutigen Amerika?

Foster Wallace: Die Wahrheit ist: Ich verstehe Amerika nicht besonders gut, wirklich nicht. Aber ein wichtiger Aspekt der amerikanischen Mythologie ist natürlich der Pionier, der immer weiter vorwärtsgeht, vom Atlantik bis an den Pazifik – und jetzt, da wir die physische Welt erobert haben, versuchen wir auch die psychische zu erobern: Wie kann ich absolut sicher sein, dass das, was ich zu dir sage, genau die Reaktion auslöst, die ich beabsichtige? Wie kann ich sicher sein, dass du genau das machst, was ich will?

ZEIT: MapQuest fürs Gehirn.

Foster Wallace: Das ist vor allem die Logik der großen Unternehmen – sie wollen ihren Profit steigern, indem sie möglichst effektiv bestimmte demografische Zielgruppen ansprechen. Seltsam ist nur, dass das eine neue Art der Intimität mit sich bringt. Die wollen alles über dich wissen. Aber die wollen nicht wissen, wer du bist. Auch wenn es wie ein Klischee klingt: Der große Unterschied ist der zwischen Information und Bedeutung.

ZEIT: Wenn Sie so durch die Welt schauen – wann entscheiden Sie sich für ein Thema?

Foster Wallace: Es passiert einfach. Du fängst irgendwo an, aber du weißt nicht, wo du am Ende landest. Bei Mister Squishy zum Beispiel hatte ich die Idee einer Jury, zwölf Männer, die zu einer Entscheidung kommen müssen. Die Geschichte handelt aber letztlich vor allem davon, wie es sich anfühlt im Inneren dieses riesigen Marktforschungsmechanismus, der dazu da ist, Menschen zu manipulieren – und wie sich die Erkenntnis anfühlt, als Leser manipuliert zu werden. Diese Menschen versuchen, aus Information so etwas wie Bedeutung herzustellen; und dann wird ihnen klar, dass sie selbst keinerlei Bedeutung haben für ihre Firma.