USA Der Klang der GedankenSeite 4/4

ZEIT: Dostojewskijs Figuren lebten aber im Gegensatz zu den Figuren in Ihrem Buch nicht in einer Welt voll von Lebensratgebern und Selbstfindungsseminaren.

Foster Wallace: Wir leben in der Ära der Therapie. In dieser Geschichte, von der Sie sprechen, geht es darum, zu zeigen, wie abstoßend diese Person und wie abstoßend auch eine bestimmte Art von sehr modernem Seelenschmerz ist, mit all ihren psychologischen Einsichten, die eine Person nur umso abstoßender machen.

ZEIT: Sie glauben nicht an Therapie.

Foster Wallace: Lassen Sie es mich so sagen: Man kann nicht auf der Welt sein, ohne in Schmerzen zu leben, seelischen und körperlichen Schmerzen. Wir haben Mechanismen entwickelt, um mit diesen Schmerzen umzugehen, sie irgendwie zu überwinden. Therapie, Religion und Spiritualität, Beziehungen, materiellen Erfolg. All das kann funktionieren, aber auch selbst zum Problem werden.

ZEIT: Ist das Streben nach Glück einer der Gründe für das Unglück in der Welt?

Foster Wallace: Das Streben nach Glück wurde vor ein paar Hundert Jahren sogar in der amerikanischen Verfassung verankert. Heute sind wir so reich, wir besitzen so viel mehr, als wir brauchen, wir haben nie gekannte Freiheiten, auch wenn sie im heutigen politischen Klima der USA gefährdet sind – und wir vergessen, wie wunderbar es trotzdem ist, verglichen mit den meisten anderen politischen und wirtschaftlichen Systemen. Bei uns gibt es ein Sprichwort: »Gib einem Mann genug Seil, und er erhängt sich.«

ZEIT: Ist der Kapitalismus das Problem?

Foster Wallace: Ich glaube nicht, dass es am Kapitalismus an sich liegt. Es ist sehr beliebt, zu sagen: »Die großen Unternehmen verarschen uns.« Die großen Unternehmen verarschen uns nicht. Sie sind einfach Maschinen, um Geld zu verdienen. Wahr ist, dass wir diesen Unternehmen sehr viel Einfluss eingeräumt haben in unserem Leben, dass sie das Verhalten der Menschen kontrollieren und dass Konsum eine Ideologie ist.

ZEIT: Könnte man sagen: Ihre Geschichten erzählen von der Krise des weißen Mannes?

Foster Wallace: Es ist nicht leicht, Mitleid für den weißen Mann zu erwecken, er hat die Macht. Vielleicht geht es in meinem Buch um Männer, die versuchen, damit klarzukommen, dass sie klein und unbedeutend sind. Der amerikanische Mythos vom Pionier sieht einen unabhängigen, autarken Mann – die Menschen heute arbeiten aber meist in der Stadt, in großen Unternehmen, in denen sie sich um einen kleinen Bereich kümmern, wo es, ehrlich gesagt, keinen Unterschied macht, ob sie diese Arbeit tun oder jemand anderes. Vielleicht ist das einer der Gründe dafür, warum diese Männer so traurig sind.

Das Gespräch führte Georg Diez

In alter VertrautheitStorys; aus dem Englischen von Ulrich Blumenbach und Marcus Ingendaay;Außerdem als Taschenbuch erschienen:David Foster WallaceBelletristikBuchKiepenheuer & Witsch2006Köln18,90254Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne michTaschenbuchDavid Foster WallaceBelletristikBuchGoldmann Verlag2006MünchenDer Besen im SystemTaschenbuchDavid Foster WallaceBelletristikTaschenbuchRowohlt2006Reinbek
 
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    • Quelle DIE ZEIT, 25.01.2007 Nr. 05
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    • Schlagworte USA | Thomas Mann | Literatur | Kalifornien | Buch
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