Kafka-Edition Der wahre KafkaSeite 3/3

Fünfzehn Jahre nach seinem Tod 1924 war sein Prager Freund Max Brod dem Zugriff der Gestapo knapp entkommen; über Rumänien führte die Flucht nach Palästina. Der Bitte Kafkas, seinen schriftlichen Nachlass ungelesen zu verbrennen, kam Brod nicht nach. Mit einem Koffer voller Dichtung rettete er sich und ein großes Werk vor dem deutschen Mordgesindel. Dass diese Texte dann Einblicke in die totalstaatliche Gesinnungshöllen des 20. Jahrhunderts gewähren sollten, zählt zu den großen Ironien der Literaturgeschichte.

Kafka hatte zu Lebzeiten sieben schmale Bände publiziert, sie allein wollte er, von Selbstzweifeln gequält, als literarisches Erbe gelten lassen. Ihr hintergründiger Humor überwältigte ihn gelegentlich bei Lesungen – vor lauter Lachen musste er manchmal seinen Vortrag abbrechen. Seine eigentliche Präsentation als Dichter aller modernen Ängste, als Prophet bürokratischer Torturen und horribler Metamorphosen – genauer, die Erfindung des weltweit erfolgreichen Romanautors ist das editorisch freizügige Werk Max Brods. In Wirklichkeit hatte Kafka keinen einzigen Roman abgeschlossen. Das Schloss, Der Process – es handelt sich um Fragmentkompilationen aus dem Brod-Lektorat.

Anzeige

Erst nachdem Kafkas Erben den handschriftlichen Nachlass der Bodleian Library in Oxford überlassen hatten, konnte KD Wolffs Idee einer »editionsunabhängigen« (soll heißen: Brod-freien) Kafka-Ausgabe in Angriff genommen werden. Die Krupp-Stiftung finanzierte die fotografische Reproduktion der Manuskripte. Würde das Projekt dank der Zuwendungsrituale der DFG untergehen, wären die Kosten abzuschreiben.

Vielleicht findet sich ja irgendein Repräsentant der deutschen Schwerindustrie, der das Gespräch mit der Leitung der DFG sucht, um doch noch eine Lösung zu finden. Solche Zusammenarbeit zwischen kapitalistischer Basis und ideellem Überbau entspräche durchaus dem systemkritischen »Durchblick« der 68er-Generation KD Wolffs – aber wer hätte damals gedacht, dass in solchen Zusammenhängen noch Hoffnung auf Rettung eines der schönsten und wichtigsten Verlagsprojekte des Landes aufschiene?

 
Leser-Kommentare
  1. Ahc: Wie heißt es bei Kafka?
    'Was ist das für Volk! Denken sie auch oder schlurfen sie nur sinnlos über die Erde?'

    Ich laube, solche Arikelschreiber und Leitspruch-Jäger wie die von Naumann genannen haben Kafka nicht verstanden.

    Ws Hölderlin schrieb 'Das Geschäftige der Menschen hat das Beständige überwachsen' - das zeigt Kafka in der Parabel 'Der Nachbar' - eigentlich 'Der Kaufmann'-, der das Schild seines Konkurrenten 'Harras. Bureau' nutzt, um ihn als Tier darzustellen: 'Wie der Schwanz einer Ratte ist er hineingeglitten...'

    HARTZ-Degradierte rutschen als 'Kübelreiter' zu den Energie-Konzernen oder mittels Anwalt in die Amts- und Sozialgerichte - und die kulturelle Arrivierten geben sich aus als die Kafka-Repräsentanten für den zehnten Nachdruck, da F.K. lange genug tot ist..

    Und in fünf Jahren wid die nächste Kafka-Edition als bibliophile, illustrierte Buch-S(ch)au durch die Frankfurter Messe-Show-Straßen getrieben. (Von 'Random-House')

    Und kein Kafka-Leser, Journalist oder Gemanist (und kein Naumann) kennt und entlarvt den 'Philosoph(en)', der 'sich immer dort herum' (trieb), 'wo Kinder spielten...' ('Der Kreisel')
    [Rudolf Steiner war es nicht; und unsere Kinder-Philosophie-Schreiber, deren Veröffentlichungen schon im Ramsch liegen, waren es auch nicht. - Von denen hat keiner Kafkas Franzl gemocht...]

  2. 2.

    Nachts. Ich schaue

    Versunken in das Buch mit den Reproduktionen. So wie man manchmal den Kopf senkt, um nachzudenken, so ganz versunken sein in die Nacht dieser Buchstaben, Schleifen und Pünktchen und Strich.
    Ringsum schlafen die Leser. Die Kulturschaffenden, die Grafen. Eine kleine Schauspielerei, eine unschuldige Selbsttäuschung, daß sie in Häusern schlafen, in festen Betten, unter festem Dach, ausgestreckt oder geduckt auf Matratzen, in Tüchern, unter Decken, in Wirklichkeit haben sie sich zusammengefunden wie damals einmal und wie später in wüster Gegend, ein Lager im Freien, eine unübersehbare Zahl Menschen, ein Heer, ein Volk, unter kaltem Himmel auf kalter Erde, hingeworfen wo man früher stand, die Stirn auf den Arm gedrückt, das Gesicht gegen den Boden hin, ruhig atmend. Und du wachst, bist einer der Wächter, findest den nächsten durch Schwenken des brennenden Holzes aus dem Reisighaufen neben dir. Warum wachst du? Einer muß wachen, heißt es. Einer muß da sein. Franz Kafka

  3. 3.

    ...auch ohne Unterstützung...

  4. 4.

    Es tut sich eine neue Welt für die Kafka-Forschung auf. Wo endet Kafka, wo beginnt z.B. Brod im 'Prozess', im 'Schloss'? Was lernen wir von Kafka pur? Es gereicht den Autoren sehr zur Ehre, wenn sie es schaffen, auch Unterstützung der DFG die Faksimilien zu veröffentlichen.

  5. Das sind so Kafka-Schleifchen, die ausgebügelt werden von denen, die alle hochdotiert im Kulturbetrieb mitschreibseln und das 'gemachte' Eigen-Geld selber verbruzzeln und versaufen und verkoksen und ver-neu-ehelichen wollen..

    So kriegt man mit zehn Sätzen per Post mit freier Rückantwort alle weltweisen Hochdotierten zusammen zu einer P-r-o-t-e-s-t-Aktion zusammen (wie beim DENK-Anruf zur Rechtschreibung bei 34 Dichtern und den Nachmachern):

    - wobei Fau Jelinek alleine das Unternehmen, wenn es ihr denn existenziell wichtig wäre, 'tragen' könnte; das wäre den Nobelpreis wert; nicht ihr neurotisches Werkchen.

    - und derweil unsere Kafkas (weibl. oder männl.) sich - ob an Kehlkopftuberkulose oder sonstiger psychosomatischer Inbrunst - eliminieren: als Amokläufer oder Ver-Schreiber.

    Oder:
    Wie beim Tansrapid: ca. 100 hochwiss. Technikernasen und Politiker wollen daran verdienen - aber die Allgemeinheit, der ständig die Steuermittel entzogen werden von diesen Spezialisten, soll das finanzieren, was privat von wenigen verschnuppert wird,
    *
    Also: Kafka lesen und die Vorläufer.: Wo liest sich das:

    '... [hier steht ein weiblicher Vorname], ... eigentlich hättest du doch wohl Kunstreiterin werden müssen.'
    - Wer sprach es als Figur - wer schrieb das - und wer erschrieb sich daraus eine Parabel?

    , z.B.:

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service