Westerland/KielDer Orka Kyrill tobte auch über Sylt BILD

Dramatisch zauste der Orkan Kyrill die Haare des schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten, effektvoll zerrte er an den Puschelmikrofonen der Kamerateams am Strand von Westerland und Kampen. 14 Millionen Euro, so verkündete Peter Harry Carstensen, werde er in den kommenden drei Jahren für den Küstenschutz auf der Nordseeinsel lockermachen. Als die Flut dann endlich kam, waren Filmteams und Ministerpräsident längst weitergezogen, ebenso Kyrill. Doch dessen Vorgänger Franz hatte den Strand sechs Meter schmaler gemacht. Und das nächste Unwetter kommt bestimmt.

Jahr für Jahr nagen die Winterstürme am Sylter Traumstrand, der sich an der Westseite der Insel über 40 Kilometer erstreckt. Im Sommer rücken Baggerschiffe einer dänischen Firma an und spülen aus großen Rohren eine Million Kubikmeter Sand vor die Insel. Der Sand wird ordentlich platt geschoben und verteilt, um Stellfläche für Strandkörbe zu bieten. Im folgenden Winter holt sich das Meer den Sand zurück.

Seit 30 Jahren versanden so jährlich 3,5 Millionen Euro Landes- und Bundesmittel. Schöner als ein Betondeich ist die Methode allemal, und bisher konnte man damit den Abbruch der Sylter Westkante stoppen. Aber wie lange noch? Und wie teuer darf der Küstenschutz werden? Der Klimawandel sorgt schon jetzt dafür, dass Orkane keine Ausnahme mehr sind. In der laufenden Wintersaison war der neu aufgespülte Sand schon Anfang Januar fast aufgebraucht. Westerlands Bürgermeisterin Petra Reiber hofft, dass es für Küstenschutz auf Sylt dauerhaft mehr Geld gibt: »Wenn das mit den Stürmen so weitergeht, wird dem Land gar nichts anderes übrig bleiben.«

Derzeit gibt Schleswig-Holstein im Jahr 30 Millionen Euro für Deichbau und andere Küstenschutzmaßnahmen aus. Zu viel ist das nicht. Vor sechs Jahren bezifferte eine Untersuchung den Wert der Sylter Immobilien allein in der kleinen Gemeinde Hörnum auf 23 Millionen Euro, in Rantum auf 380 Millionen, und an Westerland wagte man sich gar nicht heran. Ist das die Obergrenze für Ausgaben zum Schutz von Ferienhäusern und Badestränden, auf die sich die Finanzminister in Kiel und Berlin einstellen müssen?

Andererseits ist das, was Sylt im schlimmsten Falle droht, noch vergleichsweise harmlos. Während Teile des Festlands unter dem Meeresspiegel liegen und bei einem Deichbruch wie eine Badewanne vollzulaufen drohen, müssen die meisten Sylter Ferienhausbesitzer lediglich befürchten, dass ihnen bei einer extremen Sturmflut Wasser vor die Haustür schwappt. Insulaner, die nahe am Wasser gebaut haben, stellen solche Ereignisse gern als apokalyptische Untergangsszenarien dar. In Wirklichkeit sind nur wenige Häuser gefährdet. Und die Geografen versichern, dass die Insel weder auseinanderzubrechen noch in absehbarer Zeit von der Landkarte zu verschwinden drohe. Nur wenige sind so realistisch wie der Landschaftsfotograf Hans Jessel aus alteingesessener Sylter Familie: »Es läuft doch immer darauf hinaus, dass die Leute erst da bauen, wo Wasser hinlaufen kann, und dann nach mehr Geld für Küstenschutz schreien.«