Gesundheitssystem Guter Arzt, kranker Arzt
Mediziner sollen helfen, trösten und Leben retten. Dabei ruinieren sie oft ihren eigenen Körper - und ihre Psyche.
Der Patient schlief, die Krankenschwester hatte das Zimmer verlassen. Niemand bemerkte, dass Johannes U. (Name von Redaktion geändert) hastig eine halb leere Spritze in seine Kitteltasche gleiten ließ. Sie war neben Tupfern und Schläuchen auf einem Tablett liegen geblieben, und sie enthielt noch fünf Milliliter Dolantin, ein Mittel, das Ängste löst und euphorisierend wirkt. »Damit konnte ich mühelos bis spät in die Nacht arbeiten«, erinnert sich der Mediziner heute.
Es war das erste Mal, dass Johannes U. zu leistungssteigernden Medikamenten griff. Acht Monate später hielten ihn Polizisten auf der Straße an und entdeckten in seinem Wagen leere Ampullen eines Schlaf- und Beruhigungsmittels. Konsequenz: Führerscheinentzug.
Schon lange zuvor hatte der Assistenzarzt sich ausgelaugt und deprimiert gefühlt und gefürchtet, dass er ohne die Medikamente nicht mehr so erfolgreich sein würde wie bisher. Seit dem Studium hatte er seine Forschungsergebnisse stets in hochrangigen Fachzeitschriften veröffentlicht, Stipendien erhalten und für seine Doktorarbeit zwei Preise bekommen.
»Die Forschung lief aber nur nebenher«, sagt der heute 33-Jährige. Tagsüber musste er seine Patienten versorgen, nachts las er Fachartikel. »Unsere Überstunden durften wir nur zum Teil dokumentieren, und die wurden schlecht bezahlt«, klagt Johannes U.. Dass er alles erfolgreich bewältigen könne, galt als selbstverständlich. In der Zunft lautet die Devise, die ein Mediziner einmal im Deutschen Ärzteblatt kundtat: Wer keine 60 Stunden pro Woche arbeitet, ist kein anständiger Chirurg.
Die Ansprüche an Ärzte sind enorm. Von ihnen wird weit mehr verlangt als nur fachliche Kompetenz. Sie sollen auch einfühlsam sein, auf Angst und Trauer der Patienten und Angehörigen eingehen. Der Chirurg muss Beine amputieren können, der Psychiater mit selbstmordgefährdeten Patienten umgehen, der Internist chronisch Kranke betreuen. Mal darf der Mediziner verkünden, dass eine Therapie erfolgreich verlaufen sei, doch im nächsten Moment muss er einem Menschen mitteilen, dass er bald sterben werde. »Wie der Arzt selbst sich dabei fühlt, bleibt völlig außen vor«, klagt der Wiener Intensivmediziner Klaus Ratheiser, der zwei Bücher über seine Klinikerfahrungen geschrieben hat.
Nur Chefärzte fühlen sich besser als der deutsche Normalbürger
Erst allmählich beginnen Arbeitsmediziner, Psychiater und Psychologen zu untersuchen, welchen Belastungen Mediziner in Deutschland ausgesetzt sind. Und wie sie ihre Erlebnisse verarbeiten. Ob sie nach Dienstschluss einsam zu Hause sitzen, ob sie ihre Kinder anschreien, sich betrinken oder Schlafmittel einnehmen. Viele Doktoren, so scheint es, gehören selbst behandelt. Die Suche nach Strategien, um den Patienten Arzt zu kurieren, hat erst begonnen.
Die Arbeitsmediziner wissen schon heute, dass für die jungen Ärzte nicht nur lange Arbeitszeiten und schlechte Bezahlung Gründe zur Klage sind. Viele leiden auch am Arbeitsklima in den Krankenhäusern. Gilt es als selbstverständlich, mit den Patienten freundlich umzugehen, ist im Umgang mit Kollegen offenbar das Gegenteil indiziert: Schwächen und Probleme sind unerwünscht, es wird hart und rücksichtslos kritisiert. »Da bleibt keine Zeit, kein Raum, keine Kraft, um Konflikte in Ruhe auszutragen«, sagt Ratheiser.
- Datum 12.11.2008 - 10:13 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 25.01.2007 Nr. 05
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daß das deutsche gesundheitssystem so teuer ist, weltweit hinter den u.s.a. ganz vorne mit dabei.
als angehöriger einer deutschen gesundheits-anstalt ( unter-äh, ... assistenzarzt in einer klinik ) kann ich leider diesem artikel nur kopfnickend beipflichten.
wie hatte georg ringsgwandl, der kabarettist, der bis vor einigen jahren auch als oberarzt tätig war, in einem sz-interview bezüglich seiner kliniktätigkeit geäußert: 'ich kann nicht unter dem joch gehen.'
wie wahr kann man - und frau- da nur sagen.
letztlich ist es daher nur konsequent, entweder weiter unter besagtem joch sich fertig machen zu lassen oder doch ins ausland nach england, usa, niederlande, frankreich schweden, norwegen etc. abzuhauen bzw. sich in andere berufe zu schlagen, bis, ja bis vielleicht einen fernen tages auch die deutsche, preußisch-militärisch geprägte krankenhaushierarchie zerbröselt.
Suum cuique, wie der Lateiner sagt. Seien wir ehrlich: Wer nach Einführung der AiP-Phase noch in Deutschland als Arzt gearbeitet hat, darf sich doch nicht beklagen. Wenn ich Chefarzt wäre, würde ich mich geradezu herausgefordert fühlen auszuprobieren, wie weit ich noch gehen kann.
Mit sozialistischem Gruß
E.H.
Ja, auch wir hoffen darauf, dass diese Hierarchie irgendwann zerbröselt. Unterdessen haben wir den Weg gewählt, den nun viele gehen - wir sind abgehauen. So sitzen wir jetzt im schönen Schweden, arbeiten unter paradiesischen Bedingungen mit verständnisvollen und höflichen Kollegen und Vorgesetzten, selbstverständlich alle kinderfreundlich, nehmen dafür aber in Kauf, als Ausländer, die wir immer bleiben werden, auf dem Land, fernab von Kultur und Infrastruktur, die auch nur annähernd mit der deutschen vergleichbar wäre, mit Heimweh darauf zu warten, dass sich vielleicht mal etwas tut in Deutschland, was es uns ermöglicht, zurück zu kommen und das zu tun, was wir eigentlich immer wollten: in Deutschland als Ärzte arbeiten und dabei Mensch bleiben!
ich wünsche Ihnen viel Glück im schönen Schweden.
Wir halten hier die Fahne hoch, auch wenn es schwieriger wird.
Vielleicht dreht sich ja der Wind, wenn die Versorgung hier kollabiert, so wie in UK oder NL (angeblich so fortschrittlich, s. u.).
das stimmt leider, was sie zu diesem thema anmerken. kann dies nur bestätigen. insbesondere, wenn man sieht oder ich sah, wie kollegen, die sonst intelligent und durchaus kritisch sind, sich vom chef und der verwaltung kujonieren lassen. das ekelt einen an. aber: einsicht ist der erste schritt zur besserung. auf geht´s !!!
Die Krankenhäuser in Deutschland nutzen das 'Helfersyndrom' ihres ärztlichen Personals schamlos aus: Arbeiten bis zur Erschöpfung und sich selbst vernachlässigen, das kann man nur mit Personal machen, das schon psychisch vorgeschädigt ist. Ärzte sind, gemäss W. Schmidtbauer, häufig abgelehnte Kinder, in deren Elternhaus ein extrem hohes Leistungsideal vorherrschte, dem sie auf Gedeih und Verderben ausgesetzt waren. Menschen, die schon von klein auf auf Leistung getrimmt werden, haben grosse Schwierigkeit , sich gegen eine vorsintflutliche Hierarchie, wie sie in den Krankenhäuser in Deutschland überwiegend immer noch vorherrscht, zu wehren.
Kein Zweifel, Burnout bei Ärzten ist ein Problem, über das noch immer zu gerne hinweggeschaut wird. Ich frage mich nur, ob die Autorin über das seit 4 Monaten veröffentlichte, weltweit einzige und hervorragende Buch über Burnout bei Ärzten von Thomas M.H. Bergner hinweggeschaut hat oder es vergaß, zu zitieren. Inhalte ihres Artikels erinnert streckenweise doch sehr an das Buch. Ein wenig erinnert mich der Text an die Werbung für eine Schwarzwald-Klinik, die zufälligerweise regelhaft in der Zeit inseriert. Wichtig ist er dennoch, damit die Ärzteschaft aufzuwachen beginnt.
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