Gesundheitssystem Guter Arzt, kranker ArztSeite 4/4

Als er sich einmal zehn Milliliter injizierte, kollabierte er und schlug sich den Kopf auf. »Nur mit Mühe konnte ich die Kollegen davon überzeugen, dass ich an sehr niedrigem Blutdruck litt«, erinnert er sich. Johannes U. machte eigenständig einen Entzug. Später jedoch wurde er dabei beobachtet, wie er bei einem Rückfall Dolantin aus einem Patientenzimmer stahl. Da beschloss er, sich in der Oberbergklinik Schwarzwald behandeln zu lassen. Drei Tage vor Therapiebeginn fuhr er nochmals in die Uni-Klinik, um seine privaten Sachen abzuholen. Und kam erst wieder zu sich, als ihn ein Polizist von der Straße winkte und Schlafmittel bei ihm im Wagen fand. Was in der Zwischenzeit geschehen war, weiß er bis heute nicht. »Da ist mir klar geworden, ich brauche Hilfe«, sagt der Arzt.

In Seminaren üben Ärzte, schlechte Nachrichten zu überbringen

Wie viele Mediziner in Deutschland im Laufe ihres Lebens süchtig werden, weiß niemand genau. Eine kanadische Studie verglich das Suchtverhalten von Ärzten, Apothekern und Rechtsanwälten. Die Mediziner lagen bei den Medikamenten mit knapp acht Prozent vorn, beim Alkoholkonsum mit sechs Prozent dagegen ganz hinten. Der Tübinger Psychiater Götz Mundle ermittelte vor zwei Jahren, dass ein Fünftel der Ärzte im Praktikum regelmäßig Medikamente einnehme, vor allem Schmerzmittel.

Die Arbeit im Krankenhaus müsse erträglicher werden, fordern darum Mediziner und Psychologen. »Es müssen Arbeitsbedingungen geschaffen werden, die nicht nur ein paar Jahre, sondern ein Leben lang auszuhalten sind«, sagt der Psychologe Martin Resch, der gemeinsam mit seiner Kollegin Susanne Roscher im Auftrag der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege an drei Krankenhäusern ein Pilotprojekt zu Mobbingprävention und Konfliktmanagement begonnen hat. Eine Konfliktberatungsstelle wurde eingeführt, und man bildete Mitarbeiter zu Konfliktlotsen aus. Führungskräfte erhielten Schulungen zum Thema Kommunikation und Konfliktlösung, und Mobbing wurde in der Klinik durch Broschüren sowie Vorträge thematisiert.

Johannes Kuth gehört am Malteser Krankenhaus St. Elisabeth in Jülich zu den Konfliktberatern. Der Oberarzt hat sein Handy stets dabei. Da können betroffene Kollegen anrufen und einen Termin vereinbaren, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlen, wenn sie den Eindruck haben, dass die Kollegen sie ignorieren. In diesem Krankenhaus war es nicht schwer, die Klinikleitung von dem Pilotprojekt zu überzeugen. »In anderen Häusern würde so ein Ansinnen als Schwäche ausgelegt«, sagt der Internist. Es stieße besonders bei den Vorgesetzten auf taube Ohren.

Darum sollte Medizinstudenten frühzeitig klar werden, was in der Klinik auf sie zukommen wird. »Das Ausmaß der Belastung kennen viele Studierende nicht«, sagt der Gießener Psychologe Jurkat. Vom ersten Semester an sollten sie lernen, Stress zum Beispiel mit Sport auszugleichen, sollten darauf achten, dass sie sich ein soziales Netz aufbauen. In einer Studie waren die Depressionswerte von Ärzten umso höher, je geringer die soziale Unterstützung war. Studenten und Ärzte sollten wissen, wie sie selbst bei Trauer reagieren, wie sie mit Aggressionen umgehen, welche Vorstellungen sie vom Tod haben. Das würde sie darauf vorbereiten, mit Patienten in lebensbedrohlichen Situationen einfühlsam umzugehen, sagt Klaus Ratheiser. Der Intensivmediziner hält seit zwei Semestern an der Universitätsklinik Wien eine Vorlesung über die Entwicklung emotionaler Kompetenz.

Auch die neue Approbationsordnung für Ärzte in Deutschland gibt vor, dass Studenten in ihren Seminaren Arzt-Patienten-Gespräche üben sollen. An Universitäten wie München, Heidelberg, Witten/Herdecke wird mit Hilfe von Schauspielern das Überbringen schlechter Nachrichten trainiert. Das sei ein wenig wie beim Autofahren in einer Stadt, sagt Ratheiser. »Man kommt auch irgendwie zurecht, wenn man zum ersten Mal dort ist. Kennt man sich dagegen gut aus, dann ist es weniger stressig.«

Johannes U. sucht zurzeit eine neue Arbeitsstelle. Ein kleines Krankenhaus soll es sein, mit netten Kollegen und vernünftigen Arbeitszeiten. An seine Uni-Klinik möchte er nicht zurück. »Zwei weitere Kollegen leiden inzwischen an Alkoholproblemen, ein anderer ist depressiv«, sagt der Arzt. Seine wissenschaftliche Karriere hat er aufgegeben.

Links zum Thema
Deutscher Ärztinnenbund »

Ärztekammer Nordrhein/Mobbing-Beratung für Ärzte »

Oberbergkliniken (Burnout-/Suchttherapie) »

Deutsche Suchtstiftung Matthias Gottschaldt »

 
Leser-Kommentare
  1. daß das deutsche gesundheitssystem so teuer ist, weltweit hinter den u.s.a. ganz vorne mit dabei.

  2. als angehöriger einer deutschen gesundheits-anstalt ( unter-äh, ... assistenzarzt in einer klinik ) kann ich leider diesem artikel nur kopfnickend beipflichten.
    wie hatte georg ringsgwandl, der kabarettist, der bis vor einigen jahren auch als oberarzt tätig war, in einem sz-interview bezüglich seiner kliniktätigkeit geäußert: 'ich kann nicht unter dem joch gehen.'
    wie wahr kann man - und frau- da nur sagen.
    letztlich ist es daher nur konsequent, entweder weiter unter besagtem joch sich fertig machen zu lassen oder doch ins ausland nach england, usa, niederlande, frankreich schweden, norwegen etc. abzuhauen bzw. sich in andere berufe zu schlagen, bis, ja bis vielleicht einen fernen tages auch die deutsche, preußisch-militärisch geprägte krankenhaushierarchie zerbröselt.

  3. Suum cuique, wie der Lateiner sagt. Seien wir ehrlich: Wer nach Einführung der AiP-Phase noch in Deutschland als Arzt gearbeitet hat, darf sich doch nicht beklagen. Wenn ich Chefarzt wäre, würde ich mich geradezu herausgefordert fühlen auszuprobieren, wie weit ich noch gehen kann.

    Mit sozialistischem Gruß

    E.H.

  4. Ja, auch wir hoffen darauf, dass diese Hierarchie irgendwann zerbröselt. Unterdessen haben wir den Weg gewählt, den nun viele gehen - wir sind abgehauen. So sitzen wir jetzt im schönen Schweden, arbeiten unter paradiesischen Bedingungen mit verständnisvollen und höflichen Kollegen und Vorgesetzten, selbstverständlich alle kinderfreundlich, nehmen dafür aber in Kauf, als Ausländer, die wir immer bleiben werden, auf dem Land, fernab von Kultur und Infrastruktur, die auch nur annähernd mit der deutschen vergleichbar wäre, mit Heimweh darauf zu warten, dass sich vielleicht mal etwas tut in Deutschland, was es uns ermöglicht, zurück zu kommen und das zu tun, was wir eigentlich immer wollten: in Deutschland als Ärzte arbeiten und dabei Mensch bleiben!

  5. ich wünsche Ihnen viel Glück im schönen Schweden.

    Wir halten hier die Fahne hoch, auch wenn es schwieriger wird.

    Vielleicht dreht sich ja der Wind, wenn die Versorgung hier kollabiert, so wie in UK oder NL (angeblich so fortschrittlich, s. u.).

  6. das stimmt leider, was sie zu diesem thema anmerken. kann dies nur bestätigen. insbesondere, wenn man sieht oder ich sah, wie kollegen, die sonst intelligent und durchaus kritisch sind, sich vom chef und der verwaltung kujonieren lassen. das ekelt einen an. aber: einsicht ist der erste schritt zur besserung. auf geht´s !!!

    • macey
    • 28.01.2007 um 15:34 Uhr

    Die Krankenhäuser in Deutschland nutzen das 'Helfersyndrom' ihres ärztlichen Personals schamlos aus: Arbeiten bis zur Erschöpfung und sich selbst vernachlässigen, das kann man nur mit Personal machen, das schon psychisch vorgeschädigt ist. Ärzte sind, gemäss W. Schmidtbauer, häufig abgelehnte Kinder, in deren Elternhaus ein extrem hohes Leistungsideal vorherrschte, dem sie auf Gedeih und Verderben ausgesetzt waren. Menschen, die schon von klein auf auf Leistung getrimmt werden, haben grosse Schwierigkeit , sich gegen eine vorsintflutliche Hierarchie, wie sie in den Krankenhäuser in Deutschland überwiegend immer noch vorherrscht, zu wehren.

  7. Kein Zweifel, Burnout bei Ärzten ist ein Problem, über das noch immer zu gerne hinweggeschaut wird. Ich frage mich nur, ob die Autorin über das seit 4 Monaten veröffentlichte, weltweit einzige und hervorragende Buch über Burnout bei Ärzten von Thomas M.H. Bergner hinweggeschaut hat oder es vergaß, zu zitieren. Inhalte ihres Artikels erinnert streckenweise doch sehr an das Buch. Ein wenig erinnert mich der Text an die Werbung für eine Schwarzwald-Klinik, die zufälligerweise regelhaft in der Zeit inseriert. Wichtig ist er dennoch, damit die Ärzteschaft aufzuwachen beginnt.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service