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Harald Martenstein entdeckt eine Erotikabteilung im Kaufhaus

Ich bin nicht wirklich eine Dame. Deswegen komme ich selten in die Damenunterwäscheabteilung bei Karstadt. Es begab sich aber zu der Zeit, dass ich mich verirrt hatte. Ich wollte zu den CDs. Auf gar keinen Fall sollte man sich die sogenannte neue Beatles-CD Love kaufen, die ist grauenhaft. Ich habe die CD-Abteilung nicht gefunden, stattdessen stand ich auf einmal vor einem riesigen Dildo mit Noppen daran. Unter einem Dildo versteht man die stilisierte Nachbildung des männlichen Geschlechtsteils, es ist ein Freizeitartikel. Es gibt sie mit und ohne Motor, ähnlich wie Boote und Zweiräder. Ich erkläre das Wort, weil ich selber als junger Mann bei einer Party den Begriff einmal nicht gekannt habe, und das war peinlich. Ich dachte tatsächlich, »Dildo« sei dieser ausgestorbene australische Riesenvogel. Eigentlich wäre es auch ein gar nicht so schlecht klingender Vorname. Dildo DiCaprio. Dildo Düsentrieb. Da fällt mir ein, wenn Ildikó von Kürthy versuchen würde, die Romane von Franz Kafka mit Sexszenen ein wenig aufzupeppen, würde das Ergebnis ähnlich unausgewogen klingen wie die CD Love .

Ich habe festgestellt, dass es bei Karstadt, Kreuzberg, und zwar neben der Damenunterwäscheabteilung, eine Erotikabteilung gibt. Sie funktioniert genau wie die Lebensmittelabteilung. In den Regalen stehen, vorsichtig geschätzt, 30 Sorten Dildos, es gibt Handschellen, Öle und Flüssigkeiten, Literatur in Wort und Bild, allerdings mit relativ dezenten Einbänden, Unterwäsche, die genau diejenigen Stellen freilässt, die sonst bei Unterwäschebenutzern gerne bedeckt sind, sowie Gummibärchen, die nicht die Form eines Bärchens aufweisen. Das Ganze liegt frei inmitten der Kaufhauslandschaft und wird vor allem von Frauen aufgesucht, es gibt auch fast keine Herrenunterwäsche dort. Bei einem Seminar habe ich einmal gelernt, dass »Dame«, was ja eigentlich eine Höflichkeitsform ist, von heutigen Frauen oft als ironisch oder diskriminierend empfunden wird, korrekt sagt man »Frau« und »Herr«, denn wir Männer haben zu dem Wort »Herr« ein ungebrochenes Verhältnis. Bei Karstadt heißt es aber immer noch »Damenwäsche«. Bei »Frauenwäsche« würden die Kunden vielleicht denken, da werden öffentlich Frauen gewaschen, was immerhin nicht völlig undenkbar wäre in einem Kaufhaus mit Dildoabteilung.

Ich dachte: Kriegen die keine Probleme mit dem Jugendschutz? Es liefen im Kaufhaus ja Kinder umher. Bei genauem Hinsehen merkte man, dass keine verbotenen Bilder zu sehen waren, da hatten sie aufgepasst. Alle Gegenstände besaßen ein gewisses Maß an Abstraktion und Vieldeutigkeit, die Unterwäsche hätte auch, ausgerechnet an der wichtigsten Stelle, kaputt sein können, Ausschussware, die Handschellen sind zum Polizeispielen, was irgendwie sogar stimmt, und die Dildos sahen im Grunde aus wie modern designte Kuchenteigrollen oder Steakklopfer, wozu sie sich im Notfall wahrscheinlich sogar verwenden lassen. Nur die Gummibärchen, die nicht die Form eines Bärchens aufwiesen, waren ziemlich eindeutig. Dann bin ich weiter, weil ich unbedingt Love umtauschen wollte.

Lebenszeichen 2007: Harald Martenstein denkt über den aktuellen Zustand nach - chronologisch archiviert »

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Leser-Kommentare

  1. Ein Detail in diesem fein beobachteten Bericht ließ mich die Augenbrauen erheben: In meinem Sprachgebrauch bezeichnet 'Dildo' nur die unmotorisierte Variante, während diejenige mit Elektromotor 'Vibrator' heißt. Möglicherweise gibt es da aber auch sprachliche Mehrdeutigkeiten.
    Übrigens, an der Supermarktkasse fiel mir kürzlich ein neuer Artikel im Mitnahmeregal auf, knapp über den Schokoriegeln und 'Fisherman's Friend'. Neben den Herren-Nassrasieren gibt es dort jetzt ein Damen-Modell, das sich dadurch auszeichnet, dass es dank eines eingebauten Elektromotors auch vibrieren kann. Das Modell heißt 'Venus Vibrance'. Ob die Vibrationen die Rasurwirkung steigern, kann ich nicht beurteilen (ich habe der Kauf-Versuchung widerstanden), aber die Form des Griffteils ließ mich vermuten, dass dieses Produkt auch zu anderen Funktionen einsetzbar ist. 'Fisherwoman's Friend'?

  2. 2. Einzig

    Einzig sind Sie, Herr Martenstein, oder?

  3. Lieber Herr Martenstein,
    tja mit dem Dodo haben's ja die Hollaender getrieben. Aber nicht down under in Australien, sondern more west auf Madagaskar. Ueber diesen Vogel gibt es in der vorletzten Ausgabe des The New Yorker uebrigens einen sehr wissensreichen Artikel, bei Bedarf schicke ich Ihnen gerne.

  4. Das Wort 'Dildo' ist mir durchaus bekannt, auch wenn es bis vor kurzem nicht im Duden stand... Im vornehmen Haushalt bevorzugt man offenbar das französische 'Godemiché', das jedenfalls stand auch schon in den älteren Duden-Auflagen. Und immerhin hat das doch den Vorteil, dass man's nicht mit ausgestorbenen Riesenvögeln verwechseln kann...

  5. Kann es sein, dass der bewusste Laden am Neuköllner Hermannplatz steht?
    Ansonsten finde ich es einen lustigen Beleg dafür, dass auch aufgeschlossene, kluge Menschen immer noch ein wenig verunsichert auf einen offensiven, aber nicht pornografischen Umgang mit Erotik reagieren ...

    • 30.01.2007 um 21:13 Uhr
    • eeo

    Kann man denn wirklich noch CDs zurückgeben, die man schon gehört und damit aus der Verpackung entfernt hat?

    Ich dachte das machen die Geschäfte nicht mehr.

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  • Von Harald Martenstein
  • Datum 25.1.2007 - 10:57 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 25.01.2007 Nr. 05
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