Ich bin nicht wirklich eine Dame. Deswegen komme ich selten in die Damenunterwäscheabteilung bei Karstadt. Es begab sich aber zu der Zeit, dass ich mich verirrt hatte. Ich wollte zu den CDs. Auf gar keinen Fall sollte man sich die sogenannte neue Beatles-CD Love kaufen, die ist grauenhaft. Ich habe die CD-Abteilung nicht gefunden, stattdessen stand ich auf einmal vor einem riesigen Dildo mit Noppen daran. Unter einem Dildo versteht man die stilisierte Nachbildung des männlichen Geschlechtsteils, es ist ein Freizeitartikel. Es gibt sie mit und ohne Motor, ähnlich wie Boote und Zweiräder. Ich erkläre das Wort, weil ich selber als junger Mann bei einer Party den Begriff einmal nicht gekannt habe, und das war peinlich. Ich dachte tatsächlich, »Dildo« sei dieser ausgestorbene australische Riesenvogel. Eigentlich wäre es auch ein gar nicht so schlecht klingender Vorname. Dildo DiCaprio. Dildo Düsentrieb. Da fällt mir ein, wenn Ildikó von Kürthy versuchen würde, die Romane von Franz Kafka mit Sexszenen ein wenig aufzupeppen, würde das Ergebnis ähnlich unausgewogen klingen wie die CD Love .

Ich habe festgestellt, dass es bei Karstadt, Kreuzberg, und zwar neben der Damenunterwäscheabteilung, eine Erotikabteilung gibt. Sie funktioniert genau wie die Lebensmittelabteilung. In den Regalen stehen, vorsichtig geschätzt, 30 Sorten Dildos, es gibt Handschellen, Öle und Flüssigkeiten, Literatur in Wort und Bild, allerdings mit relativ dezenten Einbänden, Unterwäsche, die genau diejenigen Stellen freilässt, die sonst bei Unterwäschebenutzern gerne bedeckt sind, sowie Gummibärchen, die nicht die Form eines Bärchens aufweisen. Das Ganze liegt frei inmitten der Kaufhauslandschaft und wird vor allem von Frauen aufgesucht, es gibt auch fast keine Herrenunterwäsche dort. Bei einem Seminar habe ich einmal gelernt, dass »Dame«, was ja eigentlich eine Höflichkeitsform ist, von heutigen Frauen oft als ironisch oder diskriminierend empfunden wird, korrekt sagt man »Frau« und »Herr«, denn wir Männer haben zu dem Wort »Herr« ein ungebrochenes Verhältnis. Bei Karstadt heißt es aber immer noch »Damenwäsche«. Bei »Frauenwäsche« würden die Kunden vielleicht denken, da werden öffentlich Frauen gewaschen, was immerhin nicht völlig undenkbar wäre in einem Kaufhaus mit Dildoabteilung.

Ich dachte: Kriegen die keine Probleme mit dem Jugendschutz? Es liefen im Kaufhaus ja Kinder umher. Bei genauem Hinsehen merkte man, dass keine verbotenen Bilder zu sehen waren, da hatten sie aufgepasst. Alle Gegenstände besaßen ein gewisses Maß an Abstraktion und Vieldeutigkeit, die Unterwäsche hätte auch, ausgerechnet an der wichtigsten Stelle, kaputt sein können, Ausschussware, die Handschellen sind zum Polizeispielen, was irgendwie sogar stimmt, und die Dildos sahen im Grunde aus wie modern designte Kuchenteigrollen oder Steakklopfer, wozu sie sich im Notfall wahrscheinlich sogar verwenden lassen. Nur die Gummibärchen, die nicht die Form eines Bärchens aufwiesen, waren ziemlich eindeutig. Dann bin ich weiter, weil ich unbedingt Love umtauschen wollte.

Lebenszeichen 2007: Harald Martenstein denkt über den aktuellen Zustand nach - chronologisch archiviert »