CSU Im Sturm erobert
Der Orkan Kyrill nahte; Edmund Stoiber wankte: Unterwegs mit der Landrätin Gabriele Pauli zu ihrem Termin beim bayerischen Ministerpräsidenten - am Tag, als er zurücktrat.
Vom Wind zerzaust: Gabriele Pauli am 18. Januar , umlagert von Kameraleuten, auf dem Weg zu ihrem Treffen mit Edmund Stoiber in der CSU-Zentrale in München
Frau Engelhard hat Zahnweh. Cornelia muss zum Vorstellungsgespräch. Herr Treffny sorgt sich um den Orkan. Herr Beck sorgt sich um die Presse. Und in München wartet der Ministerpräsident. Gabriele Pauli hat viel um die Ohren heute. Den Stoiber? »Ja, den auch«, sagt Pauli.
Sie sitzt auf dem Beifahrersitz ihres blauen Audi quattro. Das Steuer hat sie abgegeben für den Tag, es fährt Frau Engelhard – »eine Freundin«, sagt Pauli. Gestern ist Frau Engelhard im Mund operiert worden, vorhin ist eine Naht aufgegangen. »Weil wir so viel gelacht haben«, sagt Pauli. Der Reporter durfte erst auf halber Strecke zusteigen. »Wir mussten ein bisschen unter uns sein«, sagt Pauli. Den bayerischen Ministerpräsidenten zu stürzen ist ein ernstes Geschäft. Da soll beim Lachen niemand zuschauen.
Gabriele Pauli, Landrätin aus Fürth, ist auf dem Weg zu Edmund Stoiber. Berühmt wurde Pauli, weil Michael Höhenberger neugierig war. Der Büroleiter des Ministerpräsidenten zog telefonisch Erkundigungen ein über die Kritikerin aus den eigenen Reihen. Womöglich Alkohol? Männergeschichten? Seit die Sache aufflog, hat Pauli den Ministerpräsidenten dreimal um ein Gespräch gebeten, dreimal wurde ihre Bitte ignoriert. Das schürte den Unmut in der Partei und die Freude bei den Medien. Inzwischen wurde Höhenberger versetzt, und Edmund Stoiber freut sich, »endlich« Frau Pauli zu treffen. So hat er es ihr bei ihrer letzten Begegnung gesagt, das waren ein paar Sekunden auf seinem Neujahrsempfang. Nun ist Donnerstag, der 18. Januar, mittags. Inzwischen wankt der Ministerpräsident, aber noch steht er.
Frau Engelhard beschleunigt auf 160 km/h. Herr Beck sitzt hinten links und nimmt Anrufe entgegen, Herr Treffny sitzt hinten rechts, der Reporter stirbt hinten in der Mitte. Herr Treffny hält die Verbindung zum Landratsamt Fürth. Der Orkan Kyrill rast auf Bayern zu, der Landkreis Fürth liegt in seiner Einflugschneise. »Wenn was wäre, würde die Landrätin Katastrophe ausrufen müssen«, sagt Treffny, »nur dann darf die Bundeswehr helfen.« Treffny kennt sich aus. Er ist Offizier der Reserve. Die Landrätin versucht am Handy, ihre Tochter zu überzeugen, mit dem Taxi zum Vorstellungsgespräch zu fahren. Die Tochter will im eigenen Auto fahren, trotz Sturm. München und der Ministerpräsident sind nicht mehr weit. »28 Kilometer«, sagt das Navigationssystem.
»Wir haben alle unsre Rollen heute«, sagt Pauli. Und lächelt. Und schweigt. Welche Rolle spielt sie? Nur Anfänger im politischen Geschäft kommentieren ihren Part im Drehbuch. Frau Pauli ist keine Anfängerin mehr.
Jeanne d’Arc haben Reporter sie genannt. Doch Dr. Pauli vom Landratsamt befehligt keine Heere. Ihre Truppen passen in eine Mittelklasselimousine. Frau Engelhard, die Freundin. Herr Treffny, der frühere Funktionär bei der Jungen Union, der noch zur Schule ging, damals 1990, als er Paulis ersten Landrats-Wahlkampf organisierte. Treffny war keine zwanzig, Pauli war 32, und als die beiden die Wahl gewonnen hatten, gegen den langjährigen Amtsinhaber von der SPD, war Pauli mit einem Schlag die jüngste Landrätin Deutschlands. Inzwischen verdient Treffny sein Geld mit einer IT-Firma. Herr Beck ist der einzige bezahlte Helfer im Auto. Er betreut die Website der Landrätin. Im Herbst wies ihn Pauli an, ein Diskussionsforum einzurichten. Dort konnten die Teilnehmer Paulis Forderung erörtern, Stoiber müsse vor der Wahl 2008 seine Ämter abgeben. Es war der Beginn von Paulis Kampagne.
- Datum 31.03.2009 - 23:13 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 25.01.2007 Nr. 05
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