Theater Neues aus unseren Kolonien

Was suchen Regisseure, wenn sie in die tiefe Vergangenheit tauchen? Sie suchen Sklaven und Handlanger, die für sie die Arbeit der Weltdeutung verrichten. Drei Beispiele aus dem Hamburger Theaterleben.

Zu welcher Zeit möchten Sie gelebt haben‹, wurde früher in den Salons gern gefragt… Nun wohl: Was würde ein beliebiger Repräsentant unserer Zeit ehrlich antworten, wenn man ihm eine ähnliche Frage stellte? Ich glaube, darüber kann kein Zweifel sein; jede Vergangenheit ohne Ausnahme würde ihm wie ein enges Gelaß vorkommen, in dem er nicht atmen könnte. Das heißt, die augenblickliche Menschheit fühlt, daß ihr Leben mehr Leben ist als irgendein früheres; oder umgekehrt ausgedrückt, dem Gegenwärtigen ist die ganze Vergangenheit zu klein geworden.«

Man spürt die Wahrheit dieser Passage aus Ortega y Gassets Aufstand der Massen (1929), wenn man in diesen Tagen in Hamburg im Theater sitzt und einen »Klassiker« sieht: Es ist eng, man ringt nach Luft. Man fühlt sich wie der Diener Heinrich aus Grimms Märchen vom Froschkönig, eben wie einer, um dessen Brust eiserne Bänder gewickelt sind.

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Auf der Bühne des Schauspielhauses in Hamburg stapeln sich die Särge. Maria Magdalena wird gespielt, Friedrich Hebbels bürgerliches Trauerspiel von 1843 um den Tischlermeister Anton und seine Tochter Klara: Leute aus Ortega y Gassets engem Gelass, Leute von damals. Es nimmt einem den Atem, ihnen zuzusehen. Sie sind in der Landschaft aus Särgen schon fast verschwunden, und das Holz der Bühne hat die Farbe der Särge.

Zwischen den Szenen kommen Bühnenarbeiter in weißen Overalls herbei: Leute von heute, die wissen, wie man sich in kontaminiertem Gelände bewegt. Sie bringen neue Särge, zuletzt ist die Bühne voll davon, und ein Sarg ist ganz klein – damit ist Klaras ungeborenes, uneheliches Kind gemeint, das sie mit in den Freitod reißen wird. Klara ist eine schöne Seele unter versteinerten Männern, ein heiß fühlendes Wesen in einer von kalten Werten erstickten Welt. Wozu hat die Regisseurin Jacqueline Kornmüller sie heute auf die Bühne geholt?

Man ahnt, dass die Auftritte der Bühnenarbeiter in ihren Schutzanzügen eine übermächtige szenische Bedeutung haben könnten. Sieht Kornmüller die arme Klara als Botin und Repräsentantin unseres »verschütteten« Gefühlslebens? Und sollen die Bühnenarbeiter »uns« repräsentieren, die Menschen von heute, die es gelernt haben, in einer Welt ohne Klara und ohne Zusammenhang, in einer Welt der Särge zu leben? Es sieht fast so aus.

Auf der Bühne des Thalia Theaters stehen zwar keine Särge, aber sie wären auch gar nicht nötig. Hier sind die Menschen in ihr Fleisch und in ihre Kleider eingesargt. Sie tragen schwarze Röcke, Mäntel, Anzüge, Hüte, und sie schauen über hochgezogene Schultern wie über knöcherne Burgzinnen hinweg. Andreas Kriegenburg inszeniert Hexenjagd, Arthur Millers Stück, das vom puritanischen Hexenwahn in Salem/Massachusetts im späten 17. Jahrhundert handelt, aber den Kommunistenverfolgungswahn des amerikanischen Senators Joseph McCarty im Jahr 1953 meint.

Hexenjagd zeigt junge Puritanermädchen, die ihre sexuelle Lust in einem wilden Nackttanz feiern. Sie werden erwischt und retten sich vor dem Grimm des Dorfes, indem sie so tun, als ob man sie verhext hätte. Nicht sie sind schuld, sondern die Hexer und Hexen. Angst, Neid, Rachlust, kaltes Interesse, Autosuggestion machen aus Salem ein Tollhaus, einen Ort der Inquisition.

Warum hat der Regisseur diese Figuren aus ihrer (doppelbödigen) Vergangenheit geholt? Kriegenburg erhebt das hysterisierte Örtchen Salem zum Weltschlachthaus, zur Großmetapher: Er will uns zeigen, dass die Hexenjagd andauert, dass menschliche Gesellschaft danach fiebert, Jagden zu feiern. Die Opfer der Hexenjagd hängen an Folterriemen wie Geschächtete. Und am Ende wird jeder hängen. Vitalität ist hier ein Vergehen, Lust eine Krankheit, der Lebenswille ein Skandal. Kriegenburgs Figuren sprechen gern im Chor und wimmeln wie die Tentakel eines großen Kraken, unterirdisch sind sie alle ans selbe System angeschlossen. Einmal fallen die Schauspieler vom Bühnenhochdeutsch in jenen jovialen Hemdsärmel-Schnack, den Hamburger Bürger gern anschlagen, wenn sie den Kuchen oder die Macht untereinander aufteilen. Das Jagdfieber ist eben in den Markt oder die Politik geschossen, aber es ist immer da. Und Kriegenburg lässt anklingen, dass seine Inszenierung in der Zukunft spielt (»2003, das ist lange her«) und dass also alles noch viel, viel schlimmer werden wird.

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