VW-Prozess

Aussage gegen Aussage

An diesem Donnerstag fällt das Urteil gegen Peter Hartz. Doch während der schon wieder an seinem Image arbeitet, bestreitet Klaus Volkert, als Chef des VW-Betriebsrats Millionen gefordert zu haben. Ob ihm das hilft?

In wenigen Wochen wird der Verlag Hoffmann und Campe ein neues Buch vorstellen, das sich vermutlich gut verkaufen wird. Einer Journalistin hat Peter Hartz angeblich die großen Fragen seines Lebens beantwortet, das Buch soll 240 Seiten haben und den Titel Macht und Ohnmacht tragen. Gespannt sein darf man darauf, ob der Antwortende auf schmerzhafte Fragen eingehen wird oder ob er auch für das Buch einen Deal ausgehandelt hat. Mit den Staatsanwälten in Braunschweig einigte sich der ehemalige VW-Personalvorstand vor Prozessbeginn darauf, dass im Gerichtssaal keine Prostituierten als Zeuginnen auftreten. Ob er sich in dem Interview-Buch wirklich »schonungslos, offen und selbstkritisch« äußern wird, wie der Verlag ankündigt?

Als freier Unternehmensberater im Saarland hilft Hartz heute jungen Existenzgründern auf die Beine. Zaghaft versucht er, sich nützlich zu machen und die Deutungsgewalt über sein Lebenswerk zurückzuerobern. Wie ließe sich die Schande, der Hartz im Prozess zu entgehen versuchte, schneller vergessen machen als in einem Buch mit seiner Version der Geschehnisse? Endlich darf er sich als Vorsitzender seines eigenen Verfahrens wähnen.

In der Strafsache Peter Hartz, verhandelt vor dem Landgericht Braunschweig, hat er eifrig mitgeschrieben und sich zu keinem Anklagepunkt selbst geäußert. Man erfuhr von ihm nur, dass er am 9. August 1941 geboren wurde, dass der Verlag ihm 60000 Euro Honorar für das Buch zahlt, dass der Rentner Hartz 25000 Euro netto im Monat hat und 2,7Millionen Euro Anlagevermögen. Danach redete nur noch der Verteidiger über Peter Hartz, und der Angeklagte saß da wie ein ahnungsloser Besucher, der in den falschen Film geraten ist. Die größte Leistung des Saarbrücker Anwalts Egon Müller dürfte gewesen sein, seinem Mandanten in endlosen Gesprächen klarzumachen, warum ihm überhaupt eine Strafe drohe.

Wenn Hartz weiterhin etwas verbindet mit den anderen Männern in der VW-Affäre, die noch auf ihre Gerichtsverfahren warten, dann ist es nicht etwa Freundschaft, davon ist bei den ehemaligen Freunden nichts geblieben. Es eint sie ein verdrehtes Selbstbild, in dem kaum Platz bleibt für die eigene Schuld. Jeder glaubt, er sei ohne viel Zutun in etwas Ungesetzliches hineingedrängt worden, ein bisschen was Ungesetzliches, und jeder hatte anderthalb Jahre Zeit, sich diesen Glauben hypnotisch einzureden.

Die Ohnmacht, auf die Hartz in seiner Biografie eingehen will, ist wohl nichts anderes als seine Feigheit, die ihn vor dem Gerichtsurteil flüchten lässt in seine Scheinwelt der erhabenen Gedanken. Dass er sich in die Debatte um den Sozialstaat bald wieder ein wenig einmischen will, hat er schon durchblicken lassen.

Als Hartz zuletzt ein Buch präsentierte, war er noch Arbeitsdirektor bei Volkswagen in Wolfsburg und sprudelte vor Ideen. Wie wir neue Arbeitsplätze gewinnen können, darum ging es in diesem Werk. Verschwiegen hat er, dass das Buch in weiten Teilen von seinem damaligen Musterschüler Helmuth Schuster, einem Vorstand der VW-Tochterfirma Škoda, geschrieben worden war.

Auch gegen Schuster ermitteln die Staatsanwälte. Auch ihm droht eine Anklage. Auf Anfrage der ZEIT hat Peter Hartz zugegeben, dass seine drei Bücher »in Teamarbeit vorbereitet« worden sind. Hartz wollte glänzen, für Schuster hatte Hartz in den Büchern nur eine blasse Zeile des Dankes übrig. Man müsste das gar nicht erwähnen, wenn es nicht so typisch wäre für den Mann, der sich in seiner Wahrnehmung immer das schönste Stück der Wirklichkeit herausschnitt. »Nicht überall, wo Hartz draufsteht, ist auch Hartz drin«, sagte er einmal, meinte damit allerdings die nach ihm benannten Gesetze.

Klaus Volkert, der frühere Weggefährte des Peter Hartz, hat das meiste noch vor sich, und er schreibt zu seiner Ablenkung keine Bücher. Auch Volkert, der ehemalige Chef des VW-Betriebsrates, ist ein Kind aus einfachen Verhältnissen, ein Parvenü, ein raubeiniger jedoch, den schließlich der Größenwahn packte. Anstiftung zur Untreue werfen die Braunschweiger Staatsanwälte ihm vor, die Anklageschrift wird wohl bald fertig sein.

Volkert habe Hartz dazu verleitet, ihn ohne sachlichen Grund mit fast zwei Millionen Euro Sonderbonus zu verwöhnen. »Auf Volkerts Drängen hin«, sagte der Verteidiger des Peter Hartz vor Gericht, habe Hartz das viele Geld bewilligt, »ausgelöst durch die fordernde Haltung dieses Herrn«. Die Staatsanwälte haben reichlich Material, und Volkerts Verteidiger Johann Schwenn lässt nichts unversucht, damit die Schlacht schon jetzt beginnt. Den leitenden Oberstaatsanwalt in Braunschweig forderte Schwenn auf, die beiden führenden Ermittler im VW-Verfahren wegen angeblich »verbotener Vernehmungsmethoden« auszuwechseln. Tage später, als Hartz das erste Mal im Gerichtssaal saß, legte Schwenn nach und schickte dem Leiter der Anklagebehörde erneut ein Fax. In der Semantik der Juristen heißt dieses Spektakel »Konfliktverteidigung«, mit Nadelstichen fängt es an, und wer nach einem ersten wirkungslosen Nadelstich aufgibt, hat die Taktik nicht verstanden. Als Schwenn seinen Mandanten Volkert im Dezember aus der U-Haft holte, hatte der Anwalt das auch nicht auf Anhieb erreicht.

Die Haftbeschwerde, 40 Seiten lang, gibt schon zu erkennen, wie er Volkert verteidigen will. Hat Volkswagen durch den ehemals mächtigen Betriebsrat überhaupt einen Schaden erlitten? Hat der Konzern denn nicht bekommen, wofür er gezahlt hatte – inneren Frieden? Weil man aber schon absehen kann, dass der schützende Mantel des Friedens für Klaus Volkert nicht breit genug ist, wird es sehr konkret darum gehen, ob sich eine Anstiftung zur Untreue beweisen lassen wird.

Volkert streitet den Vorwurf rigoros ab. Seine Aussage steht gegen die von Peter Hartz. Kann außer Hartz noch jemand bezeugen, dass der Betriebsratsvorsitzende nicht nur maßlos kassiert, sondern auch maßlos gefordert hat?

Wenn nichts mehr helfen sollte, helfen die Huren. Sie kosteten das Unternehmen zwar viel weniger als Volkerts Sonderbonus, aber sie sind in den Braunschweiger VW-Verfahren so etwas wie das kleinste gemeinsame Beweismittel. Vor dem Prozess gegen Peter Hartz waren sie als Drohkulisse zu gebrauchen, blieben aber draußen, in einem Prozess gegen Klaus Volkert könnte das Gericht sie hereinbitten.

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Leser-Kommentare

    • 24.01.2007 um 21:10 Uhr
    • speilzahn

    darf mensch Dreckschweine auch Dreckschweine nennen?

    • 26.01.2007 um 0:23 Uhr
    • exi2

    ist doch wohl ein Todesurteil für jeden Lebenslauf! Zerstört den Ruf eines Unternehmens noch vor der Gründung! Verhindert aus gutem Grund jede Kooperation mit anderen Unternehmen!
    Wie selbstherrlich, verblendet, ignorant ist der Herr eigentlich? Kontakte mit Leuten wie ihm, wären für ihn ein triftiger Grund gewesen Einstellung, Kooperationen und jegliche Kontakte zu potentiellen Bewerbern abzubrechen. Und nun, wo der Herr selbst vorbestraft ist, da soll Zusammenarbeit mit Vorbestraften eine Ehre sein... ? Nein! Ich müßte mich schämen, wenn ich 'Beratungsagentur P. Hartz' im Lebenslauf oder im Firmenkonzept aufführen müßte. Ich müße mich fragen lassen, ob der Schwerpunkt der Beratung bei Korruption, Unterschlagung oder Zuhälterei gelegen hätte. Der Herr ist schlichtweg disqualifiziert. Er muß es nur noch selbst erkennen.

    • 26.01.2007 um 19:32 Uhr
    • speilzahn

    für die faktische Beantwortung meiner allgemeinen Frage, ob es erlaubt sei, 'Dreckschweine auch Dreckschweine zu nennen'. Sie haben die Frage gelöscht, es ist also nicht erlaubt. Sei's drum. Dann lassen Sie mich einen Hurenbock doch bitte wenigstens einen Hurenbock nennen.
    Ich finde, Sie von der Redaktion sind manchmal doch sehr jungfräulich etepetete

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  • Von Stefan Willeke
  • Datum 25.1.2007 - 07:06 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 25.01.2007 Nr. 05
  • Kommentare 3
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