Afghanistan Prinzip Bunkerbrecher

Die Bundesregierung beschließt am Mittwoch die Entsendung von Tornados nach Afghanistan. Doch die alleine helfen nicht - der Westen braucht eine neue Strategie für das Land.

Drohgebärden, Schreckschüsse, Ächtung. Wenn hohe Nato-Politiker über Afghanistan sprechen, tönt es immer noch so, als schlügen sie die Schlachten vom Herbst 2001 kurz nach den Terroranschlägen in den USA. Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer geißelt Gespräche mit den Taliban-Milizen jetzt und überhaupt, obwohl der afghanische Präsident ebendies vorgeschlagen hat. US-Außenministerin Condoleezza Rice lässt wissen: »Die nächste Frühjahrsoffensive wird unsere sein.«

In diesem Wortgewitter muss der Bundestag bald beschließen, ob Deutschland Flugzeuge der Bundesluftwaffe in die Kampfzonen im Süden Afghanistans schickt. Die Tornados sollen für Aufklärungsflüge starten, vor allem aber der Nato eine Art Soli-Zuschlag anbieten, da die Bundesregierung keine deutschen Infanteristen in den heißen Süden verlegen will. Keine leichte Entscheidung. Lehnen die Deutschen nun auch die Nato-Anfrage nach Tornados ab, beschädigen sie das Bündnis. Schicken sie die Kampfflieger wie gewünscht, beteiligen sie sich an der Eskalation der Drohungen in Afghanistan. Was tun in dieser Lage?

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Was in Afghanistan seit dem wenig nachhaltigen Feldzug gegen die Taliban im Herbst 2001 schief läuft, hat viel zu tun mit westlichen Fehlentscheidungen im ganzen Nahen und Mittleren Osten. Viel zu kleine Expeditionskorps sollen spektakulär große Aufgaben bewältigen. Volltönende Drohungen ersetzen langfristige unbeirrte Aufbauarbeit. Wo kluge Kompromissbereitschaft und Verhandlungen notwendig wären, setzt sich das Prinzip Bunkerbrecher durch.

Weil die Taliban aus dem benachbarten Pakistan ins Land einsickern, liefern sich westliche Soldaten bittere Kämpfe mit den Milizen. Doch die westlichen Truppen sind zu klein, um ganze Regionen zu kontrollieren, deshalb schlagen sie nur hier und da drein, um sich danach wieder zurückzuziehen: Luftangriffe, Kurzoffensiven, Dorfrazzien. Doch treffen diese nicht nur die Taliban. Städter stehen vor zerstörten Häusern, Bauern klagen über panzergerechte Nato-Straßen quer durch ihre Felder, Dorfbewohner fühlen sich von Suchtrupps im Namen der Freiheit drangsaliert. So schwillt ein Tenor des Jammerns und Klagens an, den die Taliban weidlich ausnutzen, um neue Kämpfer anzuwerben.

Um die Taliban zu schwächen, hat der afghanische Präsident Hamid Karsai nun Verhandlungen vorgeschlagen. Das mag verwegen wirken. Aber vielleicht ist es klüger als die militärische Konfrontation, welche nur die Hardliner der Taliban stärkt. Auch können die Resozialisierungsprogramme für Kämpfer, die den Taliban davonlaufen, ähnlich wirksam sein. Doch noch kämpft die Nato mit dem Säbel, nicht mit dem Florett.

Wohin fortwährende Konfrontation führen kann, zeigt ein Blick auf Palästina, wo der Westen und Israel vor den Scherben ihrer falschen Politik stehen. Natürlich ist Gaza nicht Kabul. Gleichwohl: Hier haben israelische Luftangriffe, Kurzoffensiven, Razzien und ein Rundum-Boykott Amerikas und Europas gegen die regierenden Islamisten den Weg in den Bürgerkrieg planiert. Statt mit starken Gegnern hat der Westen es nur noch mit schwachen Akteuren zu tun, mit denen sich kaum noch verhandeln lässt, weil sie nichts mehr garantieren können. Weniger im Angriff als im Zerfall liegt die Gefahr. So viel gilt auch für Afghanistan.

Sollen also deutsche Tornados über dem Süden Afghanistans kreisen? Sie werden kein einziges Problem lösen, sie werden aber auch schwerlich neue schaffen. Die Bundeswehr nimmt mit ihnen an einem Krieg teil, in den sie durch ihre Anwesenheit in Afghanistan ohnehin längst verwickelt ist. Also warum die Tornados der Nato vorenthalten? Es wäre unklug, darüber das Bündnis in eine Zerreißprobe zu schicken. Es wäre aber töricht, an die Entsendung nicht Bedingungen zu knüpfen. Wer mitfliegt, muss auch mitreden können und – wollen.

Da wäre zunächst über eine neue wirksame Strategie für den Wiederaufbau zu sprechen: über lang angelegte Entwicklungsprojekte, wohl abgestimmt mit den afghanischen Ratsversammlungen, sichtbar für die Bevölkerung. Die Nato braucht eine flexiblere Haltung gegenüber Taliban-Kämpfern, von denen nicht jeder die gleiche Behandlung mit der Bordkanone verdient. Und schließlich sollten westliche Politiker auf militante Rhetorik verzichten. Wenn das nicht möglich ist, sollten die Deutschen aufs Mitfliegen besser verzichten.

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Leser-Kommentare
    • exi2
    • 08.02.2007 um 2:15 Uhr

    der halbe Grund ist die Gegenbehauptung zur Belastung der NATO. Der Afghanistankrieg ist kein Krieg der NATO, sondern der Krieg der Amis und Briten. Die NATO hat sich nur zu Schutz und Aufbau bereit erklärt. Also wird eine Nichtteilnahme am Krieg der uns nichts angeht das Bündnis nichts angehen.

    Als erster Grund gegen eine Teilnahme genügt ein Blick auf das bisherige Vorgehen: Es zeigt sich kein Ergebnis. Die Kriegsparteien vergeuden wertvollen Sprengstoff über einem kahlen Gebirge. Und weil denen nun Geld und Sprengstoff ausgeht, sollen andere einspringen und die nutzlose Knallerei ohne Sinn und Ziel fortführen. Aber die NATO ist nicht der ganzjährige Sylversterböllerverein Afghanistans und sollte es auch nicht werden. Solange die Amis und Briten keine grundlegend neue Strategie anwenden ist Hopfen und Malz verloren. Und wir sollten darauf achten, daß es nicht unser Hopfen und Malz ist der hirnlos zum Abort hinabgespült wird.

    Der zweite Grund ist, daß es nicht Deutschland war, das nach dem 0911 in selbstherrlicher und angeberischer Manier geschworen hat, keine Kosten und Mühen zu scheuen um Afghanistan zu befreien. Das sind und waren die USA-Mister. Und nun sollten sie gefälligst zu ihren Worten stehen und allein Kosten und Mühen tragen.

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