DIE ZEIT : Sie werden am 3. Februar sechzig Jahre alt. Sie haben zwölf Romane geschrieben, in denen die Fragmente weiterer Romane oder zumindest komplette Novellen stecken. Man hat Sie als »Postmodernen« eingeordnet, anfangs auch als »Brooklyns Kafka« oder als europäisierten Abweichler vom amerikanischen literarischen Mainstream. Sie haben als Poet begonnen und als Übersetzer Ihr erstes Geld verdient, Sie sind Essayist und seit einigen Jahren auch Drehbuchautor und Filmregisseur. Woher dieser enorme Fleiß?

Paul Auster : Ich glaube, dass jeder Autor gewissen inneren Zwängen unterliegt. Ich jedenfalls verspüre den ständigen Druck, weiterzuschreiben, weiterzuarbeiten. Jedes Mal, wenn ich etwas abgeschlossen habe, fürchte ich, versagt zu haben. Aus diesem Gefühl der Unzufriedenheit steigt das Bedürfnis auf, es noch einmal zu versuchen. Wie Beckett einmal gesagt hat: Schau zu, dass es besser misslingt (»fail better«). Das ist es, was mich und vielleicht auch meine Schriftsteller-Freunde antreibt – dieses unstillbare Bedürfnis, es richtig zu machen. »Ich lebe jahrelang mit meinen Romanfiguren, ehe ich anfange zu schreiben. Ich kann sie nicht einfach aufgeben«, sagt Paul Auster. BILD

ZEIT : Andere Autoren bleiben an einem Buch hängen, ohne je fertig zu werden. Oder sie schreiben zehn Jahre daran, wie zum Beispiel Thomas Pynchon.

Auster : Aber dann legt er über 1000 Seiten vor…

ZEIT : Sie teilen mit ihm eine besondere Eigenschaft – Sie verlieben sich in das eigene Romanpersonal. Pynchon kann nicht loslassen von seinen Geschöpfen. Darum braucht er so lange, um einen Roman abzuschließen. Und Sie exportieren einige Ihrer Gestalten von einem Buch ins andere, in Bruchstücken und Anspielungen, aber manchmal auch ganz und gar, wie zum Beispiel die hübsche Anna Blume, die den Leser durch das Land der letzten Dinge führt und die nun, zwanzig Jahre älter, in Travels in the Scriptorium (Reisen im Skriptorium, Rowohlt, Juli 2007) als liebevolle Krankenschwester auftaucht.

Auster : Man kann sie nicht einfach aufgeben. Ich lebe mit meinen Romanfiguren durchschnittlich fünf Jahre lang, ehe ich überhaupt zu schreiben anfange. Sie verwandeln sich, und aus Geistgestalten werden richtige Personen. Wenn das Buch dann fertig ist, bleiben diese Charaktere übrig, und ich kann sie einfach nicht mehr loswerden. Sie bleiben in meiner Erinnerung hängen wie unkündbare Untermieter oder wie Geister, die ich nicht vertreiben kann und die doch quicklebendig sind.

ZEIT : Kann man Ihre »Geschöpfe« mit Schachfiguren vergleichen, die Sie je nach Bedarf einsetzen?

Auster : Nein, nein, das genaue Gegenteil ist der Fall. Meine Art zu schreiben ist ein ganz und gar organischer Prozess. Meine Personen machen ganz plötzlich Dinge, die ich nicht kontrolliere. Als mir einmal ein Hollywood-Produzent anbot, meinen Roman Musik des Zufalls zu verfilmen, wollte er, dass ich zwei Personen, die einfach aus dem Text verschwinden, zurückhole. Ich musste ihm sagen, dass das leider nicht geht, die beiden Herren seien nämlich wirklich verschwunden. Er sagte, ich sei doch der Autor, ich könne sie mühelos »zurückschreiben«. Ich sagte ihm, dass ich keine Kontrolle über die beiden hätte, sie sind gegangen, weil sie gehen wollten. Mir wurde klar, dass der Filmproduzent glaubte, verstanden zu haben, was Schriftsteller machen. Aber er hatte sich getäuscht. Es handelt sich eben nicht um eine Art Schachspiel mit verschiebbaren Figuren.

ZEIT : Aber Sie haben doch Charaktere von einem Roman in einen anderen verpflanzt. Diese Art Verwirrspiele sind doch Ihr Markenzeichen…

Auster: Ja, aber es gibt eine Art feste Population meiner Romane, deren Namen in ganz unterschiedlichen Texten auftauchen, in Nebenrollen oder in Hauptrollen – nur sind sie keine Schachfiguren, sondern sie sind immer schon da, mal größer, mal kleiner. Sie leben.

ZEIT : In einem Ihrer Bücher, Die Erfindung der Einsamkeit, ist das Personal buchstäblich lebensecht: Es ist Ihre eigene Familie. Bei den Recherchen entdeckten Sie, dass Ihre Großmutter im Jahr 1919 ihren eigenen Mann erschossen hatte.