Geburtstag »Schau zu, dass es besser misslingt«Seite 3/3
ZEIT : Man kann aber nicht sagen, dass Sie es Ihren Lesern immer leicht machen »mitzumachen«. Ihr jüngstes Buch Reisen im Skriptorium setzt jedenfalls voraus, dass sich die Leser im Auster-Kosmos gut auskennen. Der Held, Mr. Blank, ein alter Mann und offenbar ein vergessener Schriftsteller, findet sich in einer geschlossenen Anstalt wieder, die vielleicht ein Altersheim, vielleicht ein Hospiz oder gar ein Gefängnis ist, und er ist konfrontiert mit seinen körperlichen Gebrechen, seiner Vergesslichkeit und, schlimmer noch, mit den Gestalten seiner eigenen Romane, die er einst in furchtbare Abenteuer geschickt hat. Diese Gestalten sind nun Wiedergänger wie in einem Horror-Roman. Der Text, den wir lesen, ist ein Protokoll seiner, also Mr. Blanks, Ängste, aber vielleicht ist er auch nur das allerletzte Buch von Mr. Blank, den wir uns sehr wohl als einen alt gewordenen Mr. Auster vorstellen können.
Auster : Das Buch ist anders entstanden als die vorangegangenen. Ich wurde wochenlang von einem Bild heimgesucht – ein alter Mann im Schlafanzug mit Pantoffeln, der auf einer Bettkante sitzt, die Hände auf den Knien; er starrt unbewegt auf den Fußboden. Warum sah ich das? Ich wollte das herausfinden, ich wollte keinen Roman schreiben. Bis mir klar wurde, dass ich wahrscheinlich mich selbst sah, im Alter von 80 Jahren. So entstand das Buch. Es geht ums Altern, um das, was mit dem Körper und unserer Vorstellungskraft geschieht. Und es geht um das große Thema unserer Zeit – um Gefangenschaft.
ZEIT : Ihre Bücher beanspruchen aber nicht, eine soziologische Nahaufnahme der amerikanischen Gesellschaft zu sein – anders als John Updikes Mikrobilder des amerikanischen Mittelstands im Abstieg. Sind Sie ein politischer Autor?
Auster : Nun, es stört mich schon sehr, wenn die Literaturkritik zum Beispiel glaubt, Im Land der letzten Dinge sei Science-Fiction. Dem Buch liegen die Wahrheiten der Belagerung von Leningrad zugrunde, darunter furchtbare Episoden von Kannibalismus, aber auch die Tatsachen der Müllentsorgung von Kairo. In anderen Worten: Die moralischen und institutionellen Entgleisungen von Gesellschaften gehören durchaus zum Werkstoff meiner Bücher. Es hat mich zum Beispiel sehr gerührt, dass ein Bühnenautor in Sarajevo während der Belagerung seiner Stadt dieses Buch las und auf seiner Grundlage ein Drama schrieb – das war eines der größten Komplimente, die ich je bekam. Es war schockierend, festzustellen, dass ein Buch, das Jahre zuvor entstanden war, seine reale Widerspiegelung fand – und zugleich bewies das alles, welche Kraft fiktionalem Denken innewohnen kann.
ZEIT : Noch einmal – sind Sie ein politischer Autor?
Auster : Darauf gibt es zwei Antworten. Erstens – ich war als Student politisch aktiv an der Columbia University. Wir haben Sit-ins zum Vietnamkrieg inszeniert, ich wurde verhaftet – zusammen mit 700 anderen. Ich wollte unbedingt ein Schriftsteller werden – und ich wollte, zweitens, die gesellschaftlichen und politischen Zusammenhänge verstehen. Ich hätte mich im sozialistischen Realismus versuchen können, aber die literarischen Produkte dieser Richtung waren furchtbar. Meine Helden waren damals die Surrealisten, André Breton, Louis Aragon, Philippe Soupault, Paul Eluard. Die waren hochpolitisch, aber ihre Kunst war es nicht. Sie wollten das Bewusstsein ihrer Zeit verändern und damit die Gesellschaft. Meine Bücher sind politisch, im weitesten Sinne – es geht in ihnen zum Beispiel auch um Macht, um die sinnlose Ausübung von Macht, wie etwa in Musik des Zufalls oder in Leviathan .
ZEIT : Ihr Blick auf die USA heute – was ist aus Ihrem Land geworden?
Auster
: Ich fühle mich schon seit einiger Zeit schlecht, und es wird von Tag zu Tag schlechter. Immerhin, die amerikanischen Kongresswahlen waren ermutigend, aber wir sind die Zeugen des Untergangs eines Imperiums. Wie konnte dieses Land so intelligent und überzeugend im Zweiten Weltkrieg handeln, und wie konnte dasselbe Land nur so wenig in demselben Zeitraum erreichen – nämlich heute? Noch nie gab es eine Regierung in Amerika, die so weit entfernt war vom Geist des Landes wie diese. Ich bin davon überzeugt, dass die beiden jüngsten Präsidentschaftswahlen gefälscht waren.
Das Gespräch führte Michael Naumann
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- Datum 03.02.2007 - 11:56 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 01.02.2007 Nr. 06
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Schon Pirandello befasste sich mit dem Thema, dass die Romangestalten ein eigenes Leben führen und den Autor nicht verlassen wollen. Als der Humorist P.G.Wodehouse erstmals neue Romangestalten einführte, beschuldigte man ihn, es seien dieselben Personen unter veränderten Namen. Er löste das Dilemma auf typisch Wodehousische Weise: Im folgenden Roman erschienen die alten Personen wieder unter den alten Namen.
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