SchuleDie Rettung kommt per Post

Warum Schulverweigerer ihren Abschluss ausgerechnet an einer Fernschule schaffen von J. Otto

Laurens’ letzter Tag in der Hauptschule war ein gewöhnlicher Dienstag im September 2006. Er lief aus der Schule ohne Zeugnis, ohne Glückwünsche, ohne Blick zurück. Laurens wusste ja nicht mal, dass er nicht wiederkommen würde. Zu Hause wollte die Mutter mit ihm lernen, drei Arbeiten standen vor den Herbstferien der neunten Klasse noch an. Aber an diesem Nachmittag ging gar nichts mehr. Zuerst flogen die Hefte und Bücher durchs Wohnzimmer. Später schlug Laurens mit dem Kopf ein Loch in die Tür seines Zimmers und schrie: »Ich mach meinen Kopf kaputt!«

Elke Berger* stand fassungslos neben ihrem 16-jährigen Sohn. So viele Jahre hatte sie gekämpft, jetzt konnte sie nicht mehr. Seit der fünften Klasse hatte sie morgens vor seinem Zimmer gestanden und ihn angefleht, aufzustehen, zur Schule zu gehen. Wie oft blieb er liegen. Wie oft musste sie ihn entschuldigen, sich Krankheiten ausdenken. Und es fiel ihr so schwer, mit jedem Mal mehr. Aber jetzt schrie das Loch in der Tür sie so laut an, wie Laurens zuvor die Tür angebrüllt hatte. »Du gehst da nicht mehr hin«, sagte sie schließlich. Sie ertrug es nicht mehr, wie sich ihr Junge veränderte, wie er stiller und abweisender wurde, in sich gekehrt, traurig, depressiv. »Er war immer so ein fröhliches, aufgewecktes Kind.« Jetzt war Laurens ein Schulverweigerer.

Rund 300000 Kinder und Jugendliche sollen groben Schätzungen des Städte- und Gemeindebundes zufolge in Deutschland gelegentlich, regelmäßig oder dauerhaft die Schule schwänzen. Rund zehn Prozent eines Jahrgangs verlassen ohne Abschluss die Schule und damit oft ohne jede Zukunftsperspektive (siehe Seite 78).

Wer aus dem System ausschert, kann kaum noch mit Unterstützung rechnen. Die erste Reaktion: Ein Fall für den Psychologen. Wenn der nicht helfen kann, folgt der Gang zum Jugendamt. Dann kommen all die Empfehlungen: betreutes Wohnen, Internat, Psychiatrie. Für Elke Berger kam nichts davon infrage, und Laurens hatte »panische Angst« davor, wegzumüssen von zu Hause. »Das war doch der einzige Ort, an dem er sich sicher fühlte«, sagt die Mutter. Sie glaubte nicht an die Wunderkraft bestimmter Maßnahmen; sie glaubte immer noch an Laurens, ihren Sohn, der durchschnittlich begabt war und einen Schulabschluss brauchte. Elke Berger recherchierte wochenlang nach Alternativen zur herkömmlichen Schule. Als sie von der Flex-Fernschule hörte, wusste sie sofort, dass dies vielleicht der einzige Weg ist, Laurens zu retten, seinem Leben wieder einen Sinn zu geben.

Es ist Montagvormittag, elf Uhr. Englischstunde. Laurens sitzt seiner Mutter am Esstisch gegenüber. Er hört einen englischen Dialog auf CD und muss Fragen beantworten. Viermal spult er zurück, dann hat er alle Antworten aufgeschrieben. Seit zwei Monaten sitzen Mutter und Sohn nun jeden Vormittag zusammen und pauken Mathe, Deutsch, Englisch, Sozialkunde und Wirtschaftslehre. Drei Stunden lang. Laurens’ Schule liegt Hunderte Kilometer entfernt von dem weißen Haus im Göttinger Osten, in Oberrimsingen bei Freiburg. Die Schule kommt jetzt mit der Post.

Stapelweise Lernbriefe, Arbeitshefte, Lehrbücher und Aktenordner bekam Laurens geschickt. Ein ganzes Regal voller Fragen, Lektionen und Leistungstests. Große und kleine Hürden bis zur Hauptschulprüfung. Die Kosten für den Unterricht können je nach gewählter Lern- und Betreuungsform mehr als 500 Euro monatlich betragen. Rund 85 Prozent der Schüler bekommen ihre Ausbildung vom Jugendamt finanziert, 10 Prozent der Eltern sind Selbstzahler, 5 Prozent der Schüler bekommen ein Stipendium. Zurzeit lernen rund 150 junge Leute aus ganz Deutschland mit der Flex-Fernschule, die meisten sind zwischen 15 und 17 Jahre alt. »Von allen 350 Schülern, die bei uns in den vergangenen acht Jahren gelernt haben, sind genau vier durchgefallen«, sagt Thomas Heckner, der Leiter der Flex-Fernschule. Das würde also bedeuten, dass die angeblichen Schulverweigerer plötzlich nichts mehr gegen Schule einzuwenden haben? Wie schafft es ausgerechnet eine Fernschule, die gleichen Schüler zu halten, die vorher nur noch weggerannt sind vor Lehrern und lärmenden Klassenzimmern? »Wir bieten ihnen die Schule, die sie gerne hätten. Ohne Mitschüler- und Lehrerkonflikte, ohne Angst vor schlechten Noten, ohne Anpassungsdruck«, sagt Heckner. Wenn sie nicht zur Schule gehen, kommt die Schule eben zu ihnen. So einfach klingt das in Oberrimsingen. Und der Erfolg liegt gerade auch in der Distanz zu den Schülern. »Sie schätzen es sehr, dass wir so weit weg sind, die idealisieren uns geradezu. Die Entfernung gehört zur Methode.« Lernen ohne Druck also, ganz von allein? Druck sei fast immer da, erwidert Heckner. Den würden sich die Jugendlichen selbst machen. Und das sei vor allem der Druck, wieder »normal« zu sein, wieder dazugehören zu wollen.

Jacqueline aus Dresden hat mit 15 Jahren die achte Klasse verlassen. Die Schule schrieb ihr ein Abgangszeugnis ohne eine einzige Note darin. Es folgten Depressionen, Essstörungen und Angst vor sozialen Kontakten, vor größeren Gruppen. Ihre Geschichte gleicht denen vieler Flex-Schüler. Mobbing in der Klasse, »von 24 Schülern waren 23 gegen mich«, Rückzug, Isolation, Krankheit, später Verweigerung – und der totale Vertrauensverlust gegenüber der gesamten Institution Schule und ihren Lehrern. Oft kommen noch Probleme in der Familie, die Angst vor eigenem Versagen und zu starker Leistungsdruck hinzu.

Jacqueline ist inzwischen 25, hat einen zweijährigen Sohn und schmiedet endlich wieder Pläne. Nach nur neun Monaten Flex-Fernschule wird sie im Mai ihren Hauptschulabschluss machen. Danach möchte sie unbedingt weiterlernen. »Ein Abendgymnasium vielleicht«, überlegt sie und würde dafür sogar in eine andere Stadt ziehen. Jetzt traut sie sich wieder was, vor ein paar Monaten noch undenkbar. Die Fallmanagerin der Arbeitsagentur sagte ihr damals: »Stellen Sie sich darauf ein, dass Sie in Ihrem Leben nur Hilfsarbeiten machen werden.« Die Fernschule hat niemand auf dem Arbeitsamt gekannt, die hat sich Jacqueline im Internet gesucht. Vier Stunden am Tag lernt sie, meist, wenn ihr Sohn schläft, oft bis Mitternacht.

Nicht alle Flex-Schüler sind so eifrig bei der Sache, aber genau deshalb lässt die Fernschule viele Freiheiten und Spielräume. Lernpensum und Tempo sind verhandelbar; die Schüler sollen ihren Lernprozess selbst steuern. »Und dabei erwachsen werden«, wie sich Thomas Heckner das wünscht. Die meisten brauchen gut 17 Monate bis zum Abschluss, manche auch drei Jahre. Der Kontakt zu den Lehrern ist eng. Jeden Montag kommt die Post aus der Schule, die vom Caritasverband der Erzdiözese Freiburg getragen wird. Die Aufgaben und Lernbriefe sollten bis zum Wochenende wieder auf dem Weg nach Oberrimsingen sein. Dort werden die Materialien innerhalb einer Woche korrigiert und zurückgesandt. Die Schüler erhalten stets Rückmeldung über ihr gesamtes Leistungsbild. Die Fernlehrer haben ein System aus Balkendiagrammen und Kuchenmodellen entwickelt, an denen die Jugendlichen ihren Kenntnisstand ablesen können: Wie viel bleibt noch zu tun, bis ich fit bin für den Abschluss? Die Hauptschulprüfungen selbst werden von externen Prüfern vorgenommen. Die Schüler können sie in ihrem Heimatort ablegen oder direkt bei der Fernschule, wo die Prüfer aus den umliegenden Hauptschulen kommen.

Meldet sich ein Schüler wochenlang gar nicht bei den Flex-Lehrern, melden die sich bei ihm. Notfalls per SMS: »Wo steckst Du? Kommst Du voran?« Das funktioniert. »Wir passen uns den Lebenswelten unserer Schüler an. Würden wir das nicht tun, könnten wir dichtmachen.« Dass Thomas Heckner damit recht hat, beweisen auch die Schicksale etlicher Straßenkinder, die in seiner Schule bis zum Hauptschulabschluss kamen. Jugendliche, die ohne Schreibtisch oder festes Zuhause ihre Aufgaben erledigten. Die manchmal alles hinschmissen, untertauchten und dann doch wieder einstiegen – und am Ende überglücklich ihr Zeugnis entgegennahmen. »Schulen machen oft den Fehler, dass sie vieles missachten, was die Jugendlichen aus ihrer Welt hereinbringen. Deshalb hat Schule oft kaum noch etwas mit dem Leben ihrer Schüler zu tun und wird ihnen völlig fremd«, sagt der Schulleiter. Er beobachtet erstaunliche Entwicklungen an seinen Schülern. Manche kommen frech, aggressiv und provozierend zum Einstufungstest, mit der gleichen Null-Bock-Haltung, mit der sie die Schule hingeschmissen haben. Und nach ein, zwei Jahren meistern sie plötzlich Aufgaben, die ihnen niemand zugetraut hätte.

Heiko aus Mannheim zum Beispiel flog von mehreren Schulen, bis auch er morgens einfach im Bett blieb. Während der Fernschule hat er ein Praktikum beim Steinmetz gemacht. Heute lässt er sich zum Maler ausbilden, steht morgens um halb sechs auf, was für seine Mutter »wie ein Wunder« ist. Bei der praktischen Arbeit habe er endlich gespürt, dass er gut sein kann. Einen Tag Berufsschule muss Heiko pro Woche hinter sich bringen – mit seiner Schulangst eine echte Herausforderung. »Ich bin heilfroh, wenn er diesen Tag überstanden hat«, sagt die Mutter. Die Angst vor den Institutionen verbindet die meisten Schulverweigerer. Die hat sich eingebrannt, genau wie die tiefe Scham darüber, versagt zu haben. Vielen ist es unmöglich, über ihre Zeit in der Schule, ihre Gefühle und Gedanken zu reden, Vertrauen zu fassen. Es lässt sich nur ahnen, wie tief verletzt und innerlich gebrochen sie die Schule hinter sich ließen. »Schulverweigerung ist für diese Jugendlichen oft die letzte Möglichkeit, die eigene Würde zu bewahren«, sagt Heckner.

Laurens hat bis heute kein Wort darüber verloren, was in der Schule eigentlich vorgefallen ist, was so unaushaltbar für ihn war. »Vielleicht dauert das ein paar Jahre«, sagt Elke Berger. Die vierfache Mutter hat gelernt, geduldig zu sein.

Inzwischen ist es früher Nachmittag. Laurens hat sein Englischbuch gegen die Bassgitarre getauscht. Er spielt ein Lied von den Ärzten, ganz versunken sitzt er in seinem Zimmer. Musik, das ist seine Welt. Einmal in der Woche kommt ein Gitarrenlehrer zu ihm nach Hause. In der Hauptschule hat das keinen interessiert. »Da stand Musik nicht mal auf dem Stundenplan«, erinnert er sich.

Nach dem Hauptschulabschluss holen wir sofort die Realschule nach«, sagt Elke Berger bestimmt. Von Sommer 2008 an soll es dieses Angebot auch in der Flex-Fernschule geben. Laurens sieht seine Mutter mit großen Augen an, ein kurzer Anflug von Widerspruch regt sich in seinem Gesicht, aber dann entschließt er sich zu lachen. Vielleicht, weil ihm der Gedanke an einen zweiten Schulabschluss inzwischen richtig Spaß macht.

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