Meinecke hört... Cello in der Disco
Tanzen mit Kniegeige – wo gibt's denn sowas? Arthur Russel hat den Siebzigern und Achtzigern gezeigt, wie auch innovative und verspielte Musik in die Beine geht.
Er schleppte sein mit einem weißen Kaninchen bemaltes Cello selbst in die angesagtesten Diskotheken New Yorks, und so produzierte er auch seine sehr persönliche Vision einer lyrisch entrückten Disco Music mit Hilfe seines Cellos: Arthur Russell, 1952 in Oskaloosa, Iowa, geboren, sexuell andersdenkend, Mitglied einer buddhistischen Kommune in San Francisco, Student seriöser Konzertmusik am dortigen Konservatorium, später an der Manhattan School of Music, wo er in den Bann der Minimal Music geriet, aber eben auch tief beeindruckt war, als er in die Gallery, Nicky Sianos sagenumwobene Diskothek, mitgenommen wurde. Philip Glass zeigte sich fasziniert von der Art, wie Arthur Russell sein Instrument, welches schon das seiner Mutter gewesen war, stimmlich begleitete (im Jazz hatte es das sehr unterhaltsam bei dem Bassisten Slam Stewart gegeben).
Russells Bekanntschaft mit David Byrne führte zu einem ersten Dance Track namens Kiss Me Again, der 1978 den Tanzboden des Studio 54 erschütterte. Aus dem versponnenen Grenzgänger zeitgenössischer E-Musik, die er weiterhin wie manisch zu Hause mit seinem Tonbandgerät und einigen Freunden lo-fi, aber hochartifiziell aufnahm, wurde ein gefragter Produzent für innovative Tanzmusik. Loose Joints’ Is it All Over My Face, ein extrem ansteckender Disco Hit von 1980, als dieses Genre erneut in den Underground abtauchte, um dort als House Music Auferstehung zu feiern, kennen wir (zumindest als Sample) alle, Dinosaur L’s Go Bang (1982) lässt sich bereits als Proto-House bezeichnen.
Ich muss gestehen, dass ich seine verspielten Tracks damals als etwas unklar empfand. Erst die in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre ganz ähnlich, in der Denkweise, nicht aber im Design jazzig angelegten Stücke von Künstlern wie Theo Parrish öffneten meine Ohren für die außerordentlichen Musiken des Arthur Russell, der, 1986 HIV-positiv diagnostiziert, 1992 viel zu jung verstarb. Das muss auch den Betreibern des Londoner Labels »Soul Jazz Records« so ergangen sein, die vor zwei Jahren mit einer grandiosen Zusammenstellung namens The World of Arthur Russell den Startschuss für die erste breitere Rezeption dieses Künstlers setzten. Zahlreiche Wiederveröffentlichungen und Kompilationen, die ich leidenschaftlich empfehlen kann (aktuell das Album Springfield, Audika Records), folgten.
- Datum 06.02.2007 - 05:46 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 01.02.2007 Nr. 06
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