Accra
Es ist ein sehr wildes Tier, sagt Eduku Awusi, ein afrikanisches Tier, für das es in der Sprache der Kolonialherren keinen Namen gibt. Eine Löwenmähne und schwarze Hörner wie eine Säbelantilope hat es, und sein Grinsen erinnert an eine Hyäne. Dieses Wesen, das den Gehstock des Dorfältesten ziert, ist so rätselhaft wie der Mann, über den wir uns gerade unterhalten. Kwame Nkrumah heißt er, und unser Gesprächspartner, der blinde Eduku Awusi, hat ihn gut gekannt. Er ist 1911 geboren, zwei Jahre nach Nkrumah, und sah diesen schon im Knabenalter Streit zwischen seinen Eltern schlichten. Er erinnert sich an den blitzgescheiten Missionsschüler, der im fernen Amerika studieren durfte und als Befreiungspolitiker heimkehrte. Er feierte, als der Weggefährte Präsident wurde, und trauerte, als ihn Putschisten hinwegfegten und seine Bücher verbrannt wurden. Und er hat erlebt, wie Nkrumah die letzte Ruhe fand, hier in Nkroful, im Dorf seiner Ahnen. Natürlich lässt der Dorfälteste nichts über den ersten Staatschef von Ghana kommen. »Der Tod«, sagte Kwame Nkrumah, »wird niemals die Fackel auslöschen, die ich entzündet habe«, und wenn man dem 95-jährigen Eduku zuhört, hat man das Gefühl, dass sie in seinem Herzen weiterbrennt. BILD

Die Fackel wurde am 6. März 1957 entflammt. Es war der Tag, der das Ende der Kolonialära einläutete. Der Tag, an dem die Goldküste als erstes Land Afrikas unabhängig und in Ghana umbenannt wurde. Und schon bald loderte die Fackel der Freiheit in ganz Afrika. Fast der gesamte Kontinent erkämpfte in den frühen 1960er Jahren die Unabhängigkeit, und nur die Nachzügler Südrhodesien (Simbabwe), Südwestafrika (Namibia) und Südafrika konnten erst zum Ende des 20. Jahrhunderts die europäische Fremdherrschaft abschütteln. Die Afrikakorrespondenten der ersten Stunde ließen sich seinerzeit von der kollektiven Euphorie der Menschen anstecken, sie schwärmten von einem buchstäblich entfesselten Erdteil. Die Zeitenwende wurde von Jomo Kenyatta, Leopold Senghor und Julius Nyerere geprägt, von den legendären Gründervätern des modernen Afrika, und der legendärste unter ihnen war Kwame Nkrumah, der Staatsmann, Philosoph und panafrikanische Visionär aus Ghana.

»Jetzt wissen alle, was für ein großer Mann er war«, sagt Eduku Awusi und klopft mit seinem Stock auf den Boden. »Er würde gleich wieder zum Präsidenten gewählt, wenn er noch da wäre.«

Ghana baute Staudämme, der Kongo träumte von einem Raketenprogramm

Vermutlich hat der alte Mann recht. Es gibt derzeit nämlich eine regelrechte Nkrumah-Renaissance. Er wird zum 50. Geburtstag Ghanas nicht nur als Nationalheld verehrt, sondern als Lichtgestalt des Kontinents. Wenn Führer wie er nicht aus dem Amt gejagt worden wären, dann würde Afrika heute viel besser dastehen, ja, es würde blühen, verkündet das Fachmagazin New African. Doch Afrika steht ein halbes Jahrhundert nach der Unabhängigkeit viel schlechter da als am Ende der Kolonialära, es ist das Schlusslicht der Weltwirtschaft und weist auf allen globalen Statistiken die schlechtesten Werte auf, von A wie Analphabetismus bis Z wie Zahnarztdichte. Wenn über den Kontinent berichtet wird, geht es in der Regel um Bürgerkriege und Staatsstreiche, Hungersnöte und Flüchtlingsströme, Kindersoldaten und Diktatoren. Und weil zu allem Übel auch noch die Aids-Pandemie wütet wie nirgendwo anders, wird Afrika oftmals als hoffnungsloser Fall abgeschrieben.

Aber zurück in den Ort Nkroful, zu den Blütenträumen des Aufbruchs, zum Mythos Nkrumah. Zwar wurden seine sterblichen Überreste schon vor Jahren umgebettet, sie befinden sich in einem prächtigen Mausoleum in der Hauptstadt Accra, aber an der ursprünglichen Ruhestätte in seinem Heimatdorf Nkroful entsteht so etwas wie ein Nationalschrein. Der Geburtsraum, die Elternhütte, der Waschplatz, alles wird gerade fein säuberlich renoviert, und an Legenden mangelt es auch nicht. Der kleine Kwame soll seine Mutter auf der Suche nach Nahrung aufgefordert haben, durch den Fluss Subre zu schreiten – und schon klebte ein fetter Tilapia-Fisch an ihren Sohlen. Selbst für den Zorn der Dorfbewohner, die nach Nkrumahs Sturz die Lehmhütte seiner Kindertage dem Erdboden gleich gemacht hatten, gibt es eine Erklärung. »Seine eigenen Anhänger wandten sich gegen ihn«, sagt der greise Eduku, »weil sie glaubten, dass er sich bereichert hatte. Dabei hatte er fast keinen Privatbesitz. Es war reiner Neid. So ist das in Afrika.« Ghana: Goldküste und Armut BILD

Dennoch bleiben angesichts des desaströsen Zustands vieler afrikanischer Staaten ein paar unangenehme Fragen. Warum sind ehrenwerte Männer, die einst Befreiungskriege führten, Kolonialregime überwanden und mit großen Idealen antraten, zu lausigen Despoten degeneriert? Wie kam es, dass der Humanist Kwame Nkrumah, einer der genialsten Köpfe des Kontinents, schließlich verbittert im Exil starb, weit weg von Mutter Afrika, im grauen kalten Rumänien des Tyrannen Nicolae Ceauşescu? Die Geschichte Ghanas beantwortet einige dieser Fragen, denn sie spiegelt die Entwicklung des postkolonialen Afrika, den Optimismus der frühen Jahre, die gewaltigen Erwartungen und die bitteren Enttäuschungen, die maßlose Selbstüberschätzung und die katastrophalen Rückschläge. Man sollte allerdings das schwere Erbe nicht vergessen, das Ghana und all den anderen neugeborenen Nationen in die Wiege gelegt wurde: willkürlich zerschnittene oder zusammengefügte Staatsgebiete, die zentralistische Verwaltungsstruktur der Kolonialregime, die ökonomische »Monokultur«, die die Abhängigkeit von ein oder zwei Rohstoffen und Agrargütern festschrieb, der dürftige Bildungsstand der schwarzen Eliten. Die Belgier hinterließen zum Beispiel im Kongo mehr Gefängnisse als einheimische Akademiker – es soll am Tag der Unabhängigkeit ganze sieben Kongolesen mit einem Universitätsabschluss gegeben haben.

Die schwarzen Befreier übernahmen die Privilegien der Kolonialherren

Ghana stand nach Ende der britischen Kolonialherrschaft vergleichsweise gut da. Es war damals, was man heute eine emerging economy nennt, ein Schwellenland, dessen Pro-Kopf-Einkommen im Jahre 1951 dem Spaniens entsprach. Es war der größte Kakaoproduzent der Welt, es förderte jede Menge Gold und hatte wertvolle Tropenhölzer. Kwame Nkrumah, der charismatische Präsident, wollte sein Land im Eilverfahren industrialisieren und binnen einer Generation zu den wohlhabenden Nationen aufschließen lassen. Er ließ Schnellstraßen bauen und Fabriken, Universitäten und Schulen, Krankenhäuser und prächtige Amtsgebäude. Sein gigantischstes Projekt war der Volta-Staudamm, die Wasserkraft des größten künstlichen Sees der Erde sollte Elektrizität liefern für das Wirtschaftswunder in Ghana und seinen Nachbarländern. In den Erhalt der Eisenbahn, die von Takoradi hinauf nach Kumasi führt, wurde indes nichts investiert. Man kann in den verrotteten Bahnhöfen noch immer die Fahrpläne aus der Kolonialzeit besichtigen.

Auch die Bruderstaaten hatten hochfliegende Pläne. Die Kenianer wollten ein eigenes Automobil herstellen. Die Kongolesen tüftelten an einem Raketenprogramm. Die Sambier veranstalteten Trainingskurse für Astronauten. Aber die ehrgeizigen Vorhaben schlugen samt und sonders fehl, und allerorten in Afrika erhoben sich die Stimmen der unterdrückten Opposition, erst zaghaft, dann immer lauter. In Ghana musste sich Präsident Nkrumah den Vorwurf anhören, Regierungsgelder für »weiße Elefanten« zu verschwenden, für nutzlose Prestigeobjekte. Allmählich war die Staatskasse leer, und auf dem Weltmarkt brachen auch noch die Kakaopreise ein. Doch Nkrumah blieb selbstherrlich und unbelehrbar. Er wollte nicht wahrhaben, dass sein Modernisierungsrezept – eine Mixtur aus altafrikanischer und kommunistischer Kommandowirtschaft – das Land allmählich lähmte. Die verstorbene ZEIT- Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff fühlte sich an den Führerkult der Hitlerzeit erinnert, als sie 1960 einen seiner öffentlichen Auftritte erlebte. Auf dem Independence Square in Accra, der gerade für das Jubiläum aufpoliert wird, kann man den totalitären Geist der Gründerjahre noch heute spüren. Kwame Nkrumah wurde am 29. Februar 1966 durch einen Militärputsch gestürzt, und seine Genossen sprachen sogleich von einer neokolonialen Verschwörung – der Westen habe die Kakaopreise gedrückt, um das marxistische Experiment abzuwürgen, hieß es. Nkrumah sollte nie wieder auf die Bühne der großen Politik zurückkehren. Es wurde still um ihn.

Die Nachfolger machten dort weiter, wo Nkrumah aufgehört hatte. Die durch Milliardenkredite finanzierte Modernisierung führte geradewegs in die Schuldenfalle, und irgendwann fraßen die Zahlungsverpflichtungen bis zu 70 Prozent der Exporteinnahmen auf. Ghana fiel weiter und weiter zurück. Dann kam die Phase der schmerzlichen Strukturanpassungsprogramme, das Land wurde vorübergehend zu einem Musterschüler der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds. Es erholte sich unter dem Regime von Jerry Rawlings, der sich 1981 an die Macht geputscht hatte, aber die Fehler des Anfangs konnten nicht mehr so richtig kompensiert werden. Und so ähnlich verlief die Entwicklung in den meisten der jungen afrikanischen Nationen. Aufgeblähte Staatsapparate, Misswirtschaft, endemische Korruption und Nepotismus, das Parasitentum der herrschenden Eliten, serienweise Staatsstreiche, Umsturzversuche, politische Unruhen – all diese Faktoren verschärften die Misere des Kontinents. Am Ende war das düstere Orakel von Franz Fanon, des Vordenkers der antikolonialen Revolution, wahr geworden: Die schwarzen Befreier machten nach der Unabhängigkeit dort weiter, wo die weißen Unterdrücker aufgehört hatten. Sie übernahmen ihre Positionen und Privilegien, die Schreibtische und Swimmingpools, die Seidenbetten und die Dienerschaft. Aus der Fremdausbeutung wurde Selbstbedienung. Die postkolonialen Machthaber konnten ihre Staaten hemmungslos plündern, weil sie noch mächtigere Verbündete in Washington, Moskau, Paris, London oder Peking hatten. Die Supermächte und ihre Verbündeten trugen ihren Kalten Krieg in der sogenannten Dritten Welt aus und überschütteten ihre jeweiligen ideologischen Zöglinge mit Entwicklungshilfe und Rüstungsgütern.

Dennoch steht Ghana nach all den Irrungen und Wirrungen im kontinentalen Vergleich ganz gut da. Es ist eine Insel des Friedens im gewaltgeplagten Westafrika, die Demokratie funktioniert einigermaßen, und das Wirtschaftswachstum war in letzter Zeit ganz ansehnlich. Besucht man aber ein kleines Küstenstädtchen wie Princess Town und bittet die Leute, eine Bilanz nach 50 Jahren Unabhängigkeit zu ziehen, erhält man nur betrübliche Antworten. »Wir haben keine Arbeit. Die Straßen, die Schulen, die Kliniken, alles ist miserabel. Es hat sich überhaupt nichts verbessert, seit ich geboren wurde«, meint zum Beispiel der Kleinbauer Stephan Blay. Er ernährt seine Familie von einem winzigen Feld und redet mit 25 Jahren so, als sei seine Zukunft schon vorbei. Oder nehmen wir Paul Kwaminah Ally, den Direktor der hiesigen Grundschule, einen dürren, misstrauischen Mann, der gleich um Spenden bettelt. »Es fehlt an Bleistiften, Papier, Lehrbüchern. Wir haben nichts. Die Eltern können das Schulgeld nicht zahlen.« Ein Knirps präsentiert seinen grünen Plastikspitzer wie eine kleine Kostbarkeit. Die Erstklässler lernen nutzloses Zeug. Breakfast. Lunch. Supper. Diese Worte stehen zum Beispiel auf der Schiefertafel – ein Hohn für Kinder, die höchstens eine dürftige Mahlzeit am Tag erhalten. Solche Schulen gibt es Abertausende im Lande, und in den Krankenhäusern sieht es nicht erfreulicher aus.

Man fragt sich, warum es in einem halben Jahrhundert nicht möglich war, ein halbwegs funktionierendes Bildungs- und Gesundheitswesen, eine halbwegs taugliche Verwaltung aufzubauen – diese Versäumnisse lassen sich nämlich schwerlich auf die ungerechte Weltwirtschaftsordnung zurückführen. Sie sind hausgemacht wie so viele Probleme des Landes, und oft liegt es am ebenso furchterregenden wie inkompetenten Staatsapparat. Ghana hat nur rund 20 Millionen Einwohner, aber im Kabinett hocken 60 Minister und Vizeminister; neben dem Minister für Verkehr gibt es noch je einen für Straßen, Luftfahrt sowie Häfen und Eisenbahnen.

Das schönste Beispiel für den bürokratischen Wildwuchs liefert der Cocoa Marketing Board. Die Verwaltungsbehörde für die wichtigste Devisenquelle beschäftigte 105.000 Personen. Eine unabhängige Studie fand heraus, dass es doppelt so viele waren, wie für eine effiziente Arbeit nötig gewesen wären. 15000 Gehaltsempfänger entpuppten sich bei genauerer Untersuchung als Karteileichen.

Zu all den vergangenen und gegenwärtigen Absurditäten im postkolonialen Afrika hätten wir gerne John A. Kufuor befragt, den derzeitigen Staatspräsidenten Ghanas. Das Interview wurde sechs Wochen vorher genehmigt, fünfmal versprach das Präsidialamt einen Ad-hoc-Termin, und am Ende kam das Gespräch trotz Vermittlung des deutschen Botschafters nicht zustande. So ist das eben in Afrika, würde der greise Dorfälteste Eduku Awusi vermutlich sagen. Der Präsident und sein Stab sind wahrscheinlich mit der Vorbereitung der nationalen Jubiläumsparty ausgelastet. Man wird Kwame Nkrumah feiern, mit dem alles begann. Und wer es wagt, die Erinnerung an den Nationalheiligen zu trüben, dem wird man eine alte Volksweisheit entgegenschleudern: »Wer in den Himmel spuckt, beschmutzt sein eigenes Gesicht.«

Afrika - Elend und Hoffnung. Ein Themenschwerpunkt »