Die New Yorker Investmentbank Goldman Sachs hat im vergangenen Jahr 16 Milliarden Dollar an ihre Vorstände und Mitarbeiter ausgezahlt, die fünf größten amerikanischen Investmenthäuser zahlten insgesamt 36 Milliarden Dollar. Für einen normalen deutschen Staatsbürger ist das eine unvorstellbare Summe, sie entspricht in der Größenordnung der Jahreskreditaufnahme durch den deutschen Finanzminister. Man fragt sich unwillkürlich, ob auf den Finanzmärkten alles mit rechten Dingen zugeht. Der ehemalige Finanzminister Helmut Schmidt erklärt Ursachen, Zusammenhänge und Gefahren.

Am Ende des Zweiten Weltkrieges hat die große Mehrzahl aller Chinesen, aller Russen, Japaner und Deutschen unter weit ärmlicheren Verhältnissen gelebt als jemals in den Jahrzehnten davor. Im Beginn des 21. Jahrhunderts leben sie dagegen unter besseren ökonomischen Umständen als je zuvor. Zwar hat sich die Weltbevölkerung im Laufe der vergangenen sechs Jahrzehnte mehr als verdoppelt; zugleich aber hat der weitaus überwiegende Teil der Menschheit einen unerwarteten ökonomischen Aufstieg erlebt. Eine der Ursachen ist die starke Beschleunigung des technologischen Fortschritts, vor allem im Verkehr und in der Telekommunikation. Zudem haben die Staaten ihre Volkswirtschaften für den Austausch ihres Wissens, ihrer Erfahrungen, ihrer Technologien, ihrer Produkte und Leistungen weit geöffnet. Zugleich haben die Regierungen damit die Entstehung von Weltmärkten ermöglicht, nicht nur wie vormals für einige Rohstoffe, sondern für die allermeisten anderen Güter und Leistungen. Die Staaten der Welt haben sich diesem Verflechtungsprozess (neuerdings Globalisierung genannt) allerdings in sehr unterschiedlichem Ausmaß und Tempo angeschlossen und angepasst: Deutschland und Japan beispielsweise sehr weitgehend und relativ früh, China nur beschränkt und sehr viel später, Russland noch später.

Die Globalisierung der Finanzmärkte begann erst in den 1970er Jahren – und zwar zunächst zögerlich. Als die Opec im Zusammenhang mit den anhaltenden israelisch-arabischen Konflikten von einigen wenigen Öl exportierenden Staaten als weltpolitischer Machthebel eingesetzt wurde, traf dies zeitlich zusammen mit dem Ende der globalen Ankerfunktion der amerikanischen Währung. Eine globale ökonomische Rezession war die Folge. Heutzutage haben wir es mit der Gefahr einer vergleichbaren Machtposition von Akteuren auf den globalen Finanzmärkten zu tun. Hier sind es nicht Staaten oder Regierungen, sondern vielmehr private Finanzinstitute. In einigen wenigen internationalen Finanzzentren treffen sie täglich und stündlich Entscheidungen, die tief in die wirtschaftlichen Prozesse eines großen Teils der ganzen Welt eingreifen. Während es sich bei der Opec um ein ökonomisches Kartell von Regierungen auf dem Weltmarkt für Öl handelt, liegt auf den Weltfinanzmärkten die Gefahr eher im Herdenverhalten von Finanzmanagern im Falle einer Krise. Die Globalisierung der Finanzmärkte hat China einstweilen nur relativ gering und Russland noch kaum erfasst. Doch die Volkswirtschaften Deutschlands und anderer europäischer Staaten, auch südostasiatische und einige südamerikanische Volkswirtschaften, geraten zunehmend unter die Herrschaft der privaten Finanzmanager in den internationalen Finanzzentren in New York und London.

Einerseits ist die deutsche Volkswirtschaft heute – hinter denen der USA und Japans – die drittgrößte der Welt. Dabei werden über 40 Prozent unseres Sozialproduktes exportiert, viele Millionen deutscher Arbeitsplätze hängen vom Export ab; die Importquote unseres Sozialproduktes – einschließlich des Rohöls – ist fast ebenso groß. Wir sind sehr viel stärker in die Weltwirtschaft verflochten als etwa die USA, Japan oder auch China. Andererseits werden aber die für uns wichtigsten privatwirtschaftlichen Finanzentscheidungen nicht etwa in Frankfurt, sondern in New York und in London getroffen. Der Grund dafür liegt in der Tatsache, dass die ehemals führenden deutschen Banken nicht im gleichen Tempo gewachsen sind wie die deutsche Wirtschaft (die Deutsche Bank ist die einzige Ausnahme).

Welche Risiken auf globalisierten Finanzmärkten bestehen

Seit Ende der 1960er Jahre die Selbstverpflichtung der USA, jeden ihrer Zentralbank präsentierten Dollar in Gold einzulösen, aufgehoben wurde, seit infolgedessen Anfang der 1970er Jahre der Dollar seine Funktion als alleiniger Anker eines globalen Systems fester Wechselkurse verloren hat, haben sich Währungskrisen gehäuft. Wer zum Beispiel aus einem Lieferungskredit an einen Abnehmer in einem südostasiatischen Land in den späten 1990er Jahren eine Forderung in der betreffenden südostasiatischen Währung hatte, der musste erleben, dass seine Forderung für ihn plötzlich erheblich an Wert einbüßte, weil der Wechselkurs jener Währung zusammenbrach. Wenn der Kreditgeber sich seinerseits gegenüber einer Bank verschuldet hatte, so geriet nicht nur er selbst, sondern auch seine Bank in Schwierigkeiten. Andere Banken, die den Vorgang beobachteten, kündigten ihre Kredite. Auf diese Weise gerieten in einem schnellen Prozess mehrere südostasiatische Währungen in eine Verfallsspirale ihrer Wechselkurse. Eine der Konsequenzen war das Ende für eine Reihe von Banken. Eine andere Konsequenz war, dass solche Spekulanten, die auf den Verfall des Wechselkurses jener südostasiatischen Währung gesetzt hatten, einen Gewinn verbuchen konnten; sie hatten im Vorwege große Beträge jener Währung zum alten, höheren Preis für einen späteren Termin verkauft, ohne sie tatsächlich zu besitzen – nun aber konnten sie sich nachträglich dieselbe Währung zu niedrigerem Wechselkurs beschaffen und liefern.

Tatsächlich war die südostasiatische Währungs- und Bankenkrise keineswegs die erste, sie war allerdings ihrem Volumen nach eine der größeren Währungskrisen, die wir seit 1970 erlebt haben. Derartige Krisen bleiben auch künftig möglich. Sie können durch vielerlei verschiedene Ursachen ausgelöst werden. Ein Staat kann zum Beispiel das Vertrauen in seine Währung durch inflationäre Geldpolitik untergraben. Er kann sich durch eine zu hohe Verschuldung in der Fremde zahlungsunfähig in ausländischer Währung machen und dadurch das Vertrauen in die eigene Währung gefährden – dergleichen hat die Welt vielfach erlebt (zum Beispiel in den späten 1980er Jahren in der DDR). Ein Staat kann auch durch eine defizitäre Außenwirtschaftsbilanz – zu viele Importe, zu wenige Exporte – den Wechselkurs seiner Währung verfallen lassen. In allen derartigen Fällen liegt die Verantwortung natürlich zur Hauptsache bei der jeweils eigenen Regierung. Außerdem können auch große Naturkatastrophen, vor allem aber politische Ereignisse und Kriege die Wechselkurse stark beeinflussen. So hat zum Beispiel die Opec unter saudi-arabischer Führung in den 1970er Jahren durch ihre außenpolitisch-strategisch motivierte Ölpreisexplosion die Wechselkurse einer Reihe von Währungen unter Druck gesetzt, weil die auf Ölimport angewiesenen Staaten plötzlich ein Vielfaches der früheren Ölrechnungen in Dollar zahlen mussten.