Pop Schwestern im Geiste

Norah Jones und die Folgen: Eine Generation junger Sängerinnen sucht nach dem Echten

Ganz plötzlich ist diese Stimme da. Wuchtig, dunkel und scharf verbindet sie sich mit einem Bläserriff aus der Steinzeit des Soul und den angezerrten Glockentönen eines elektrischen Wurlitzerklaviers. Ein bisschen Shirley Bassey, ein bisschen Nina Simone, ein bisschen trockener Gegenwartsbeat und ganz viel Retrosoul: »They tried to make me go to rehab.« Dann der Nachsatz: »I said no, no, no.« Bumm, das sitzt. Amy Winehouse ist nämlich keine Frau, der man mit guten Ratschlägen kommen sollte. Wer sie, wie die Leute von ihrem alten Management, in die Alkoholentzugsklinik schicken will, muss mit der prompten Kündigung rechnen. Wer sie dagegen gewähren lässt, bekommt vielleicht einen Song wie Rehab geschenkt.

Das Stück eröffnet nicht nur ihre gerade erschienene neue CD Back To Black, es gibt mit seiner trotzigen Jetzt-erst-recht-Attitüde auch das Leitmotiv vor. Back to black, das heißt hier so viel wie zurück zum Blues im Jazz, zu den Essenzen, die das Feuer zum Lodern bringen ,und den Abstürzen danach, sprich: hin zu Theken, Hotelzimmern und anderen Orten, an denen der Lust am Exzess gehuldigt wird, Männer jeglicher Couleur inbegriffen. »I don’t never want to drink again, I just, ohh, I just need a friend«, so geht es, das neue alte Lied. In England, wo man schon aufgrund des Wetters jeglicher Abwechslung aufgeschlossen gegenübersteht, wird diese unverhoffte Wiederkehr des Verruchten bereits als Wunder gefeiert, als britische Wiedergeburt Billie Holidays, ja als Rettung des Jazz. Ersteres mag zutreffen, »Jazz« ist vielleicht ein bisschen zu viel gesagt.

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Eher schon handelt es sich bei Amy Winehouse um eine jüngere Schwester Sades. Wie jene Fashion-Jazz-Ikone, die Mitte der Achtziger eine Saison lang die Idee einer makellosen Oberfläche verkörperte, spielt auch Winehouse mit den Klängen und Bildern aus dem Fundus der Geschichte, wie ihre elegante Vorreiterin verschneidet sie alterhergebrachte Jazz-Zutaten mit den Würzmitteln des Pop, mit modernen Beats, elektronischen Untertönen und HipHop-Phrasierungen, bis von den Vorbildern nur mehr eine Art Nachgeschmack zurückbleibt. Der Unterschied zum Hummerkrabben-Sound der Achtziger liegt in der Drastik des Vortrags. Wo Sade stets Luxusgeschöpf blieb, gibt Amy Winehouse die Straßengöre vom Londoner Stadtrand, die weiß, wovon sie spricht, schließlich hat sie es selbst erlebt.

Es ist die Welt der »Ladyboys« und der »Fuck me pumps«, in die ihre Songs für die Dauer von ein paar Minuten entführen. In Tears Dry On Their Own gibt sie die leidgeprüfte Liebende, die ihren Blues mit ein paar Schlucken aus der Pulle wegspült, in Me & Mr Jones beginnt sie dasselbe Spiel von vorn. Wem das vom Puristenstandpunkt zu wenig scheint, der sei darauf verwiesen, dass der Jazz sich schon immer beim Pop bedient hat – und umgekehrt. So oder so fügt sich die Winehouse prächtig in eine junge Riege talentierter Sängerinnen, die die Tradition neu interpretieren und dabei aufs Echte pochen. Mit den Tattoos, die sie sich in die blasse britische Haut stechen ließ, den engen Minikleidchen und den Kajalaugen kommt sie nur noch etwas authentischer daher – als Image-Quersumme aus Piratenbraut und Courtney Love.

Gegenpol und zugleich Schwester im Geiste ist noch immer Norah Jones, die das Modell eines Popjazz jenseits von gefälligem Bargeplänkel und Retrochic erst in den Mainstream gehoben hat. Rund 30 Millionen Exemplare wurden seit Februar 2002 von ihren beiden bisherigen Alben verkauft, womit sie, die achtfach Grammy-Gekrönte, sich als einer der wichtigeren Rettungsringe des Branchenriesen EMI etabliert hat. Inhaltlich könnten die Unterschiede kaum größer sein: Wo die Marktführerin Jones ihre melancholischen Gefühlswelten in zarten Pastelltönen ausbreitet, koloriert die Newcomerin Winehouse in den Grundfarben. Wo die eine dick aufträgt, gibt sich die andere sanft. Norah Jones hat es nicht mit Experimenten, sie vertraut allein dem Vertrauten.

Die Gemeinsamkeiten liegen anderswo: Beide waren kaum älter als 20, als sie schlagartig berühmt wurden. Beide folgen der Mode, ohne ihr je zu vertrauen – wenn auch aus unterschiedlichen Motiven. Basis des Jones-Sounds ist eine verlässliche Arbeitsumgebung, mit ihrem Lebensgefährten und Bassisten Lee Alexander sowie dem Songwriter und Gitarristen Jesse Harris im Zentrum. Einerseits. Andererseits ist da ihre gut abgehangene Stimme mit einem klagenden Unterton, der wirkt, als sei er dem Leben abgerungen – oder zumindest erfolgreich so tut. Natürlich hilft auch ihr mädchenhaftes Äußeres, das betont Unprätentiöse ihres gesamten Auftretens, all die äußeren Signale, die zu rufen scheinen: Fürchte dich nicht! Nicht vor mir. Ich bin nicht gefährlich! Doch ohne ihren Gesang wäre das alles nichts.

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