Pop Schwestern im GeisteSeite 2/2

Schon auf ihrem Debütalbum Come Away With Me klang sie erstaunlich reif, mit jenem speziellen Blueston infiziert, und dabei so sicher, als hätte sie nie etwas anderes gesungen. Was ganz offenbar stimmt. Ob sie mit Freunden unter dem Decknamen Little Willies lustige, kleine Coverversionen von Klassikern aus dem großen Land Amerika spielt oder mit vertrauten Avantgardisten wie dem »Free Country«-Gitarristen Joel Harrison in entlegenere Klangregionen aufbricht oder aber sich nun auf Not Too Late, ihrem dritten Album, selbst als Songwriterin versucht – der Ton ist jeweils nur in Spuren verändert. Mal sind die Regler ein Stück in Richtung Blues und dann wieder in Richtung Country oder Tin Pan Alley verschoben, mal wurde ein wenig an anderen Knöpfen gedreht. Norah Jones folgt nicht einem Erfolgsrezept, sie ist das Erfolgsrezept.

Rein verkaufstechnisch wird sie sich damit an der Spitze der neuen Authentikerinnen behaupten – auch wenn Authentizität, genau besehen, ein flüchtig’ Ding ist. Besonders flüchtig für Sänger und Sängerinnen, weil sie es Tag für Tag mit Texten aufnehmen müssen, die häufig mit ihnen identifiziert werden und bestimmen, wie das Publikum sie sieht. Damit sind große Sprünge, wie sie Amy Winehouse mit dem Schwenk vom angeswingten Club zum knackigen Soul vollzieht, ein Problem, das die jeweilige Interpretin nur lösen kann, indem sie ihre Texte als autobiografisch ausweist und die explicit lyrics- Aufkleber als den direkten Ausdruck ihrer Gefühle beibehält. Auch der Weg, Veränderungen nur in Trippelschritten vorzunehmen, birgt seine Tücken.

Holly Cole bleibt von diesen Problemen unberührt. In den fünfzehn Jahren ihrer Karriere hat sie zwar, ähnlich wie Norah Jones, mit ihrem Trio ein Format entwickelt, in dem ihre Stimme besonders gut zur Geltung kommt. Dieser Sound ist für sie jedoch nur ein Trägermedium: Holly Cole begreift ihren Gesang als eine Form von Interpretation, verwandt durchaus der Schauspielkunst. Von Song zu Song schlüpft sie in Rollen, füllt sie mit Überzeugungskraft und Emotion, gibt mal die Göre oder die Zicke und dann wieder die Diva, wechselt fliegend von Leid zur Nachdenklichkeit zur Freude, vom verführerischen Ton zur Ernüchterung zur Wut, ohne jemals die Distanz zwischen Sängerin und Songs zu verwischen. Und so durchsichtig ihr Trio-Klang ist, so souverän dominiert sie auch den Bigband-Sound von Holly Cole, ihrer neuen CD.

Sofort zu erkennen, die Frau. Unverkennbar diese Stimme, die Souveränität, mit der sie ihre Melodiephrasen mal vor, mal hinter den Beat fallen lässt und sie dann wieder auf den Punkt phrasiert, mit der sie die Töne verschleift oder in ein Stakkato auflöst, die Worte wälzt und jede Silbe mit einem eigenen Klang belegt. Von diesem Vexierspiel mit den Möglichkeiten ihres Gesanges ist Holly Cole bei allem Auf und Ab ihrer Karriere nie abgerückt. Mit ihren unterschiedlichen Einfärbungen, mal matt und fahl, dann scharf und schneidend oder zart und kindlich. Im schnellen Wechsel der Perspektiven und Rollen hintertreibt sie die Identifikation, die dem Publikum den schnellen Zugang zu einem Song erleichtert. Stattdessen bietet sie ihm eine Beobachterposition, von der aus es einen ganzen Kosmos an Emotionen überschauen kann. Ich ist ein anderer oder könnte es zumindest sein. Von diesem Punkt aus buchstabiert sich Authentizität einmal ganz anders.

Amy Winehouse: Back To Black (Island/Universal 171 421 1)
Norah Jones: Not Too Late (Blue Note/EMI)
Holly Cole: Holly Cole (Tradition/Indigo 039)

 
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