KaleidoskopEin Damm ist gebrochen

Nach der Ermordung des Journalisten Hrant Dink geht die türkische Öffentlichkeit jetzt schonungslos mit dem eigenen Land ins Gericht. von 

Es waren Frauen, deren Klage vor zwei Wochen dem Zorn und der Verzweiflung von hunderttausend Menschen Ausdruck verlieh. Es waren ihre von Sorgen um Strategie und Taktik ungetrübten Worte, Symbole und Metaphern, die in Istanbul dafür sorgten, dass die Ermordung von Hrant Dink seither zu einem Spiegel wurde, in dem sich Staat und Gesellschaft der Türkei jetzt so nackt sehen müssen wie noch nie.

Jahrelang stand Hrant Dink, Herausgeber und Gründer der armenisch-türkischen Wochenzeitung Agos, am nationalistischen Pranger von Presse und Politik, Bürokratie und Justiz. Der Kassationsgerichtshof hatte den Schuldspruch gegen ihn wegen »Beleidigung des Türkentums« bekräftigt, die Presse ihn zum Verräter abgestempelt, seit Monaten wurde er bedroht. Für die Masse der Bevölkerung war Hrant Dink zum Staats- und Türkenfeind geworden, zum Inbegriff des Anderen.

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Nicht aber für Sezen Aksu, die ungekrönte Popdiva des Landes, die seit Jahrzehnten mit armenischen Musikern arbeitet und deren Lieder aus der kulturellen Vielfalt Anatoliens schöpfen. »An einem Freitag, dem Tag des Gebetes, ging meine Seele fort, unwiederbringlich verloren ist Istanbul.« So betrauert Aksu den Ermordeten nun in ihrer Ode, welche sie beim Kondolenzbesuch im Haus seiner Familie schrieb und die am nächsten Tag in fast allen Zeitungen und im Internet zu lesen war.

Nationalisten hatten Hrant Dink bei den Gerichtsverhandlungen beleidigt, bespuckt und tätlich angegriffen, und ähnlich erging es Perihan Magden. Die Journalistin hatte an dem Credo gerüttelt, dass jeder Türke ein geborener Soldat sei, und wurde dafür wegen Wehrkraftzersetzung angeklagt. »Was warst du für ein Mann!«, rief Magden am Tag des Anschlags Hrant Dink hinterher: »Du warst viel türkischer als ich, ein Mann aus Anatolien, ohne Falsch. Ich kann es einfach nicht ertragen, dass wir gerade dich zum Opfer bringen.« Und auch Hrant Dinks Frau Rakel, die vom Balkon des Zeitungsbüros sprach, ließ es nicht zu, dass ihr Mann als »Ausländer« und »Fremder« zu Grabe getragen würde, und sagte: »Du gingst fort von deinen Enkeln, deinen Kindern und von mir, mein Liebster, doch nicht von deinem Land.« Die hunderttausend, die für eine andere Türkei demonstrierten, nahmen die Botschaft auf, und zur Parole des Trauerzugs wurde ein für die Republik unglaublicher Satz: »Wir alle sind Hrant Dink, wir alle sind Armenier!«

Dabei war es noch gestern üblich, Leute, die anders denken, unter Hinweis auf ihre andere Religion und Herkunft auszugrenzen. Auch Ismet Berkan, Chefredakteur der liberalen Tageszeitung Radikal, stand wegen seiner Kolumnen vor Gericht. Auch gegen ihn hatten sich Rechtsextreme vor dem Justizgebäude aufgebaut und ihn, den Muslim, zusammen mit Hrant Dink als »Missionarenbrut« beschimpft. Sich solcher Angriffe erinnernd, schrieb Berkan nach dem Anschlag: »In erster Linie haben sie Hrant Dink umgebracht, weil er Armenier war, und erst in zweiter Linie deshalb, weil er anders als sie dachte.« Berkan nannte die Tat ein »rassistisches Verbrechen« und schlug damit für die Türkei vollkommen neue Töne an. Denn bislang wurde als »Rassismus« nur das Handeln »der anderen« bezeichnet, etwa der prokurdischen PKK. Opfer von Rassismus waren im öffentlichen und offiziellen Sprachgebrauch immer nur Türken. Deshalb kann Berkan schreiben: »Ich weiß von keinem einzigen Verfahren, in welchem die Schmähung von Kurden und Arabern oder die Hetze gegen Griechen, Armenier oder Juden Thema gewesen wäre.«

Danach war es, als sei ein Damm gebrochen. Necime Alpay, Sprachwissenschaftlerin und Kolumnistin, schrieb, der Wortlaut des Paragrafen, dem Dink zum Opfer fiel, sei rassistisch. Er schütze nur jene, die ethnisch türkisch und muslimisch seien, nicht auch die Armenier und Griechen, die Kurden und Araber, kurz alle anderen Bürger der Türkei. Am deutlichsten wurde Yasar Kemal, der 1997 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten hatte. Er sagte, in der Türkei herrsche Rassismus wie in kaum einem anderen Land der Welt.

Leserkommentare
  1. Was mich zunaechst erstaunt, dann aber eben auch erbittert, ist, dass all jene, die Kritiker der Tuerkei als Rassisten abstempeln, versuchen zu diffamieren, sich jetzt garnicht mehr melden!

    Ich wuerde mich freuen, wenn die Tuerkei der EU beitritt:

    dann, wenn die Tuerkei soweit ist!

  2. Istanbul (RPO). Türkische Polizisten haben mit dem mutmaßlichen Mörder des armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink für Videoaufnahmen posiert. Die Bilder zeigen die Männer, wie sie eine türkische Flagge halten und nationalistische Äußerungen tätigen.

    [ Wir können leider nicht alle Verweise auf andere Internetseiten prüfen. Bitte haben Sie Verständnis, dass Links gelöscht werden. gez. Die Redaktion ]

    Der EU-Zug ist sowas von abgefahren, da kann auch die Zeit nicht mehr helfen

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  • Schlagworte Hrant Dink | PKK | Türkei | Armenier | Opfer | Rassismus
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